Der König liebt keine Fehler

Seit gestern gibt es einen neuen Schachweltmeister: Der 21jährige Magnus Carlsen aus Olso bezwingt den Inder Viswanathan Anand vorzeitig und deutlich. Spektakuläre Partien zeigte der Shooting-Star an den Titelkämpfen in Indien jedoch keine.

Ulrich Stock, Chennai
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SCHACH. Am Dienstag der kommenden Woche sollte die zwölfte und letzte Partie der Schach-WM im südindischen Madras ausgetragen werden. Bei Gleichstand war für den Donnerstag noch ein Stechen vorgesehen. Doch nun ist alles schon vorbei. Das Duell zwischen dem Inder Viswanathan Anand, 43 Jahre alt, Titelträger seit 2007, und dem 21 Jahre jüngeren Magnus Carlsen aus Olso endet vorzeitig nach der zehnten Runde. Der Herausforderer gewinnt drei Partien, der Weltmeister nicht eine. Am Freitagabend um 19.45 Uhr indischer Zeit schafft Anand einmal mehr nur Remis. Damit verfügt Carlsen über die zum Titelgewinn nötigen 6,5 Punkte.

Seit Jahren hat die Schachwelt den kometenhaften Aufstieg des ehemaligen Wunderkindes staunend verfolgt – seit 2010 führt Carlsen schon die Weltrangliste an. Allein der seit 1886 traditionell im Zweikampf zu erringende Weltmeistertitel fehlte ihm noch. Wann er ihn sich holen würde, war die Frage, nicht ob. Anands deutscher Teamchef Hans-Walter Schmitt, als ehemaliger Siemens-Manager mit schwierigen Aufgaben bestens vertraut, versuchte es kritischen Journalisten gegenüber mit der beschwörenden Antwort: «Carlsen wird Weltmeister – aber nicht jetzt.»

Anand half Carlsen zum Sieg

Er sollte sich täuschen. Mag Anand noch so perfekt vorbereitet angetreten sein, mit einer herrlichen Schlagfertigkeit bewaffnet, es nützte ihm nichts. Carlsens Ära ist angebrochen, schneller und deutlicher als gedacht. Hatte der junge Mann vor dem Wettkampf selber noch gesagt, Anand werde «fokussiert und bestens präpariert» sein, «nicht einfach zu Boden gehen», so vermittelte der Verlauf des Duells ein anderes Bild: Anand verhalf Carlsen zum Sieg, wenn auch ganz und gar unfreiwillig.

Die fünfte und sechste Partie hatte er vor einer Woche durch unzureichende Turmzüge in den Sand gesetzt – zuvor hatten die Stellungen ihm Ausgleich versprochen. In der neunten Partie am Donnerstag, die er scharf anlegte, um das Blatt zu wenden, stand er kurz vor einem Erfolg, fand aber die richtige Fortsetzung nicht und vollendete sein Unvermögen durch einen Springerzug, der ihn aus einer haltbaren Stellung heraus zur Aufgabe zwang, weil sein Gegner die einzig richtige Erwiderung in Sekundenschnelle ausführte.

Carlsen ist ein Vollstrecker, wenn es um gegnerische Schwächen geht. Sein Spielstil ist neuartig und eigentümlich. In der Eröffnung zeigt er keinen besonderen Ehrgeiz. Statt vor dem Computer zu hocken und die Spanische Partie auf unentdeckte Feinheiten hin elektronisch auszuleuchten, geht er lieber Motorboot fahren, Golfspielen oder Klettern. Am Brett bringt er folglich keine Vorteil versprechenden Neuerungen, sondern begnügt sich mit Positionen, die ihm spielbar erscheinen. Je unspektakulärer, desto besser. Hat er seine Stellungen erreicht, beginnt er mit dem Pressing. Noch in den unaufregendsten Positionen sucht er nach kleinen Tricks, plumpen Fallen, versteckten Ideen. Er lullt seine Gegner geradezu ein. Turmendspiele sind seine Spezialität. Theoretisch sind sie oft remis; viele Meister halten sich mit ihnen nicht lange auf. Anders Carlsen. In der sechsten Runde setzte er Anand so lange zu, bis der den Kampf gegen die eigene Langeweile verlor und fehlgriff.

Keine Glanzpartien

Dies führt zu dem kuriosen Resultat, dass die WM mit dem Shooting-Star keine Glanzpartien hervorgebracht hat, wie sie Anand 2012 in Moskau gegen Gelfand, 2010 in Sofia gegen Topalov, 2007 in Bonn gegen Kramnik spielte. Anand hat gegen Carlsen drei Fehler gemacht, das war's. In der schärfsten und schönsten Partie, der zehnten, zeigte Anand seine aggressive Seite. Carlsen ging furchtlos mit, und fast wäre es auch schiefgegangen. Dann der Fehler und aus. Schön ist das nicht. Aber Carlsens Zeit beginnt ja erst. Schön kann ja noch kommen.

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