Der Klassenprimus polarisiert

AUTOMOBIL. Sebastian Vettel siegt und siegt. Mit 60 Punkten Vorsprung auf Dauerrivale Fernando Alonso startet der Red-Bull-Champion am Sonntag zum GP von Südkorea. Das gefällt bei weitem nicht allen. Buhrufe sind die Folge.

Ruth Müller
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Für Siege ausgepfiffen zu werden, ist nicht das, was sich ein Sportler wünscht. In Sebastian Vettels Fall sind die Faktoren vielfältig, warum in Monza und Singapur Buhrufe die Podiumszeremonie störten. Neid und Ablehnung sind grundsätzlich allen Klassenbesten gewiss. Weil sie den weniger Erfolgreichen ihr eigenes Unvermögen aufzeigen, indem sie besonders begabt, ehrgeizig, fleissig und perfektionistisch sind. In der Tat: Die Kombination Vettel/Red Bull ist eine Übermacht, an der sich die Konkurrenz die Zähne ausbeisst und welche die Zuschauer nach mehr Abwechslung rufen lässt. Die unschönen Reaktionen liessen Vettel zu einer ungewöhnlichen Aussage hinreissen: «Es zeigt uns, dass wir unsere Arbeit richtig machen. Und ich kann versichern, es steckt wirklich sehr viel Arbeit dahinter.»

Bereits die Nummer vier

Insofern macht der 26 Jahre junge Wahlthurgauer eigentlich alles richtig. Was ihm während seinen sechs Saisons in der automobilen Königsklasse gelungen ist, verdient Respekt. Mit 33 Siegen liegt er bereits an vierter Stelle der Bestenliste. Nur Michael Schumacher mit 91, Alain Prost mit 51 und Ayrton Senna mit 41 Siegen haben noch mehr Rennen gewonnen. Vettel wird zugetraut, dereinst sämtliche Rekorde zu knacken.

Er wiederholt die Geschichte. Und zwar jene von Schumacher. Schon dessen Dominanz von 2000 bis 2004, mit fünf WM-Titeln in Serie, goutierten viele Formel-1-Anhänger nicht. Der einst spannungsgeladene Sport verkam zur öden Sonntagnachmittagsprozession, was die TV-Quoten drastisch sinken liess. So weit ist es noch nicht wieder gekommen – insbesondere aufgrund der unberechenbaren Pirelli-Reifen.

Vettel ist wie schon Schumacher fahrerisch ein Ausnahmetalent. Auch unliebsame Gemeinsamkeiten mit seinem Landsmann sind nicht zu übersehen. Vettel steht seinem früheren Idol punkto Verbissenheit in nichts nach. Auch er ist ein schlechter Verlierer. Zudem ist Vettel wie einst Schumacher ein Meister im Unterjochen des Teamkollegen. Davon kann der Ende des Jahres zurücktretende Australier Mark Webber ein tristes Liedchen singen.

Surer rät Vettel zu Teamwechsel

Und an eine Teamorder hält sich Vettel nur, wenn sie zu seinem Vorteil sind. Zudem finden viele Zuschauer seine Jubelgeste, den «Vettel-Finger», als arrogant und überflüssig. Dass nun auch noch – von der FIA abgeschmetterte – Betrugsvorwürfe die Runde machen, Red Bull würde eine illegale Traktionskontrolle verwenden, wird die Kritiker weiter buhen lassen. Womit sich auch viele – Zuschauer und Konkurrenten – schwer tun: Dass ein milliardenschwerer österreichischer Getränkehersteller, der erst 2005 sein erstes Formel-1-Rennen bestritten hat, den arrivierten Grössen von Ferrari, McLaren und Williams derart um die Ohren fährt. Der frühere Baselbieter Formel-1-Fahrer Marc Surer rät Vettel, das Team zu wechseln. «Dann wäre sein Image, dass er nur mit einem Red Bull gewinnen kann, endlich weg. Und dann würden auch die Pfiffe verstummen.»

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