Stephan Lichtsteiner verabschiedet sich mit einem würdigen Abschluss - aber das Highlight fehlt

Stephan Lichtsteiner beendet seine Profikarriere. Der langjährige Captain des Nationalteams erhält einen würdigen Abschluss.

Raphael Gutzwiller
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Stephan Lichtsteiner erhält von Verbandspräsident Dominique Blanc ein Shirt.

Stephan Lichtsteiner erhält von Verbandspräsident Dominique Blanc ein Shirt.

Bild: Claudio de Capitani/Freshfocus (Muri b. Bern, 12. August

Ein paar Tage hat sich Stephan Lichtsteiner nach dem Saisonabschluss noch Gedanken gemacht, ehe klar war: Das war’s. Eigentlich hätte es nochmals ein grosser Sommer werden sollen. Doch weil die Europameisterschaft um ein Jahr verschoben wurde, machte er sich Gedanken. Angebote hätte es für den 36-Jährigen immer noch gegeben. Zum Beispiel von GC, wo Lichtsteiner einst den Sprung zum Profi geschafft hat. «Schliesslich blieb ich bei meinem ursprünglichen Entscheid, nach dieser Saison meine Karriere zu beenden.»

Und so ist es ein aussergewöhnlicher Abschied, den Lichtsteiner gestern Nachmittag wählt. Im Garten zum Haus des Schweizer Fussballs in Muri bei Bern hat er zu seiner eigenen Medienkonferenz geladen. Lichtsteiner trägt weisse Hosen und ein blaues, bemustertes Hemd, am linken Handgelenk glitzert die goldene Uhr. Von Kopf bis Fuss strahlt er Lockerheit aus. Es ist auch eine Überzeugung, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Der Verband verabschiedet ihn auf einem Nati-Trikot mit den Worten: «Grazie Capitano».

Dominique Blanc, der Präsident des SFV (rechts), überreicht Stephan Lichtsteiner an der Medienkonferenz in Muri ein Trikot mit der Anzahl Länderspiele. Zuvor wurde Lichtsteiner mit einem emotionalen Video verabschiedet
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Stephan Lichtsteiner freut sich über den Sieg gegen Serbien an der WM 2018. Nur Heinz Hermann (118) und Alain Geiger (112) haben mehr Länderspiele vorzuweisen als «Capitano» Lichtsteiner
Nach über 600 Spielen als Profi blickt Stephan Lichtsteiner in eine Zukunft abseits des Rasenvierecks
Als Captain war Stephan Lichtsteiner einer der wichtigsten Spieler im Team von Vladimir Petkovic
Zuletzt spielte Stephan Lichtsteiner für Augsburg in der deutschen Bundesliga
Granit Xhaka übergibt Stephan Lichtsteiner die Captain-Binde. Diese Szene gibt es künftig nicht mehr, Lichtsteiner hat seinen Rücktritt erklärt.
Mit Juventus Turin gewann Lichtsteiner - im Bild mit seiner Familie - 14 Titel

Dominique Blanc, der Präsident des SFV (rechts), überreicht Stephan Lichtsteiner an der Medienkonferenz in Muri ein Trikot mit der Anzahl Länderspiele. Zuvor wurde Lichtsteiner mit einem emotionalen Video verabschiedet

KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Für Stephan Lichtsteiner geht eine Ära zu Ende. Jahrelang hat er alles dem Fussball untergeordnet. Dabei steht er nie für technische Finesse, er ist kein Ballkünstler. Viel häufiger ist er ein Arbeiter, ein Kämpfer. Während einer Partie ist Lichtsteiner meist dann im TV zu sehen, wenn er mit dem Schiedsrichter diskutiert. Er setzt Zeichen auf dem Platz – und daneben. Als im WM-Gruppenspiel gegen Serbien seine albanischstämmigen Mitspieler angefeindet werden, zeigt er wie Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka den albanischen Adler. «Solidarität gegenüber den Mitspielern ist das Wichtigste», sagt er dazu.

Lichtsteiner steht dafür, was mit Talent, aber vor allem auch mit einem grossen Willen möglich ist. Bei seiner ersten Auslandsstation Lille teilt er bei Auswärtsfahrten das Hotelzimmer mit Daniel Gygax. Am Abend, wenn Gygax mit der Playstation beschäftigt ist, macht Lichtsteiner Liegestützen. Es ist jene Attitüde, die auch Cristiano Ronaldo auszeichnet: Kein Aufwand ist zu gross auf dem Weg zur absoluten Perfektion.

Dank dieses Hungers nach Erfolg schafft Lichtsteiner eine herausragende Karriere. 108-mal läuft er für die Schweiz auf, jahrelang ist er bei Juventus gesetzt, wird siebenmal italienischer Meister. Er spielt in vier der fünf besten Ligen, schnürt seine Schuhe für GC, Lille, Lazio, Juventus, Arsenal und Augsburg. Er schwärmt:

«Ich konnte meinen Jugendtraum leben.»

Doch es gibt auch einige schmerzhafte Niederlagen. Zweimal steht er mit Juventus im Final der Champions League, mit Arsenal steht er im Final der Europa League. Die Endspiele gehen allesamt verloren. Selbiges gilt für entscheidende Partien mit dem Schweizer Nationalteam. Mehrmals verpasst man den Sprung in die Viertelfinals knapp. An der WM 2014 gegen Argentinien, an der EM 2016 gegen Polen, an der WM 2018 gegen Schweden. «Das ärgert mich immer noch», sagt Lichtsteiner dazu.

Vladimir Petkovic kann sich freuen

In den letzten Jahren haben sich viele wichtige Nationalspieler durch die Hintertür verabschieden müssen. Göhkan Inler, Valon Behrami, Blerim Dzemaili, Johan Djourou. Für Nationaltrainer Vladimir Petkovic ist es eine gute Sache, dass Lichtsteiner auf den Verband zugekommen ist und die Kommunikation des Karriereendes gemeinsam planen wollte. Für Petkovic hätte es eine schwierige Entscheidung werden können, hätte der Routinier weitergemacht. Auf Lichtsteiners Position gibt es mit Kevin Mbabu, Silvan Widmer, Silvan Hefti oder Michael Lang einige jüngere Kandidaten. Auch darum fehlte Lichtsteiner in der Qualifikation zwischenzeitlich, kämpfte sich nach seinem Transfer zu Augsburg wieder ins Team.

Für seine Zukunft plant der 36-Jährige zweigleisig. Er macht Trainerdiplome, zudem möchte der gelernte Kaufmann in die Privatwirtschaft hineinschauen. «Ich möchte mir Zeit nehmen, um herauszufinden, wo mein Weg hinführt», sagt Lichtsteiner. Für ihn hat soeben ein neuer Lebensabschnitt begonnen.