Kolumne
Der Hunds-Chopf

Markus Kirchhofer
Markus Kirchhofer
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Hundschopf

Hundschopf

Keystone

Der Blick vom Girmschbiel ist spektakulär: rechts Eiger, Mönch und Jungfrau im weissblauen Schnee- und Eiskleid, links der Hundschopf mit roten Fangnetzen und blauen Streckenmarkierungen.

Der Hundschopf ist die Hauptattraktion der an Superlativen reichen Lauberhornabfahrt: mit fast 4500 Metern die längste Strecke, mit über 1000 Metern der grösste Höhenunterschied, mit über 160 Stundenkilometern die höchste je gemessene Geschwindigkeit im Weltcup.

«Der Hundschopf» heisst auch eine Kurzgeschichte aus «Der Stachel», meinem letzten Buch. Daraus las ich im November 2016 in Wengen. Die Bibliothekarin, die mich engagierte, arbeitet auch auf der Geschäftsstelle der Lauberhornrennen. Weshalb der Hundschopf so heisst, wusste sie nicht mit Sicherheit.

Kommt «Schopf» vom schriftdeutschen Begriff (Haar-) Schopf oder vom schweizerdeutschen «Schopf» in der Bedeutung von «Schuppen»? Ist der Hundschopf also Hundehaar oder Hundehütte? Aber fehlt da nicht das Fugen-s, müsste es nicht «HundSschopf» heissen?

Auf der Website von Radio SRF 1 steht eine andere Erklärung: «Schopf» wird gemäss dem «Ortsnamenbuch des Kantons Bern» für einfache, kahle, unfruchtbare und unzugängliche Orte gebraucht.

Der Zusatz «Hund» wertet den Begriff zusätzlich ab, wie wir es zum Beispiel auch vom «Hundewetter» her kennen. Vom Girmschbiel aus scheint hingegen offensichtlich, dass der Hundschopf ein «Hunds-Chopf» ist. Im Profil. Die Fahrer springen zwischen Stirn und Schnauze des Hundes in die Tiefe.

Vor Jahren hatte ich Gelegenheit, die Lauberhornabfahrt auf Skiern zu besichtigten. Der ehemalige Weltklasse-Abfahrer Urs Räber führte unsere Gruppe vom Starthaus via Russi-Sprung auf den Hundekopf. Dort stand ich lange mit zitternden Knien und hämmerndem Herzen am Abgrund, ehe ich wagte, die Hundeschnauze hinunterzurutschen.

Der mehrfache Gesamtweltcupsieger Marc Girardelli gewann in Wengen zweimal die Abfahrt. In seinem Kriminalroman «Abfahrt in den Tod», den er zusammen mit Michaela Grünig schrieb, schildert er den Hundschopf aus Rennfahrersicht: «Die Strecke endete hier an der Kante... Sprang er zu weit rechts, würde er unweigerlich in der Stahlstange landen, die das Sicherheitsnetz trug. Zu weit links bedeutete einen nicht aufholbaren Zeitverlust. Marc ging volles Risiko...Der harte Aufprall drückte ihm den Kopf zwischen die Knie...»

Seit ich auf dem Hundschopf stand, bewundere ich jeden Skifahrer, der sich dort hinunterstürzt. Seit ich am Girmschbiel stand, bin ich überzeugt, dass der Hundschopf ein Hunds-Chopf ist.

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