Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Federers Gegner Stefanos Tsitsipas: Der hellenische Einzelgänger

Am Sonntag (9.05, SRF zwei) kommt es an den Australian Open zum Duell zwischen Roger Federer und Stefanos Tsitsipas. Der 21-jährige Grieche könnte bald die «alten» Tennisgranden beerben.
Simon Häring, Melbourne
Roger Federer lobt das Spiel von Stefanos Tsitsipas als «attraktiv und athletisch». (Bild: Mark Schiefelbein/AP Photo (Melbourne, 14. Januar 2019))

Roger Federer lobt das Spiel von Stefanos Tsitsipas als «attraktiv und athletisch». (Bild: Mark Schiefelbein/AP Photo (Melbourne, 14. Januar 2019))

Wer ihn sah, wie er schimpfte und den Linienrichter mit den schlimmsten Wörtern eindeckte, die das griechische Vokabular hergibt, musste zum Schluss kommen: Stefanos Tsitsipas (ATP 15) ist einer, der sich nicht zu benehmen weiss. Auch nach dem Sieg gegen Nikoloz Basilaschwili beharrte er darauf, dass er vom Schiedsrichter benachteiligt worden sei. Dieser hatte zwar den Linienrichter überstimmt, der Tsitsipas’ Aufschlag im Aus gesehen hatte, liess den Satzball aber wiederholen, weil Basilaschwili beim Return gestört worden sei. Weil er sich derart enervierte und das Limit von 25 Sekunden zwischen zwei Ballwechseln überschritt, erhielt Tsitsipas eine erste Verwarnung. Weil er sich auch danach nicht beruhigte, folgte eine zweite. Er musste den Ballwechsel in der Folge mit einem zweiten Aufschlag eröffnen. Tsitsipas verlor danach sechs Punkte in Folge, gewann aber Satz und Match am Ende doch.

So uneinig er mit der Regelauslegung war, so reumütig zeigte er sich für sein Betragen. «Ich sagte schlimme Dinge, die ich bereue. Ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen.» Der Grieche zeigte dabei wieder das Gesicht, das man von ihm kannte: Höflich, reflektiert, charismatisch und erstaunlich reif für einen 21-Jährigen. Es gibt eine Geschichte, die erklärt, warum Tsitsipas so ist, wie er ist: 2015 spielte er auf Kreta ein Turnier. Als er und ein Freund sich abends im Meer abkühlen wollten, unterschätzten sie die Strömung. «Beinahe wäre ich ertrunken. Ich war nur einen Atemzug vom Tod entfernt», sagt Tsitsipas. Es war sein Vater und Trainer Apostolos, der die Ertrinkenden rettete. «Ein Weckruf», so Tsi­tsipas. Es habe ihm gezeigt, was wirklich wichtig sei im Leben. «Seither habe ich vor nichts im Leben Angst.»

«Ich wurde in der Schule gemobbt»

Auch nicht vor Roger Federer, auf den er heute (9.05, SRF zwei) in den Achtelfinals der Australian Open trifft. «Gegen ihn zu spielen ist sehr emotional», sagt Tsitsipas. Doch er habe viel aus dem ­Duell am Hopman-Cup vor zwei Wochen in Perth gelernt. «Ich verstehe viel besser, nach welchen Mustern Roger spielt.» Um gegen jemanden wie Federer zu bestehen, müsse man noch mehr an sich glauben und daran, dass das eigene Spiel gut genug sei. Die Frage, ob seines – das Federer als attraktiv und athletisch bezeichnet – es sei, beantwortete er so: «Ich fühle mich gut, so viel kann ich sagen.» Federer hatte ihn als zurückhaltend und fast schon scheu bezeichnet. Tsitsipas konterte, indem er sagte: «Ich lasse mein Spiel sprechen.»

Doch so falsch liegt Federer wohl nicht. Im Herbst erzählte Tsitsipas’ Vater und Trainer, sein Sohn sei ein spezielles Kind gewesen, das keinen Anschluss gesucht und gerne für sich alleine gespielt habe. Tsitsipas selber sagte: «Ich war immer allein und wurde in der Schule gemobbt.» Er ist ein Einzelgänger geblieben, unfreiwillig. Auf der Tour seien nur wenige an Freundschaften interessiert. «Das ist ein echtes Problem. Ich hätte gerne mehr Freunde auf der Tour.» Man tue sich mit jenen zusammen, welche die gleiche Sprache sprächen. Bei ihm ist das Marcos Baghdatis, der 2006 in Melbourne den Final erreichte. Der Zypriote weiss auch, wie es ist, die Hoffnungen und Sehnsüchte einer ganzen Nation schultern zu müssen.

Keine Perspektiven in Griechenland

Nach Athen und Thessaloniki ist Melbourne bereits die drittgrösste griechische Stadt. Zwei Migrationswellen liess die Diaspora auf geschätzte 150 000 Menschen anwachsen: Der Goldrausch im 19. Jahrhundert und das Ende des zweiten Weltkriegs. Viele dieser Griechen leben ihre Sehnsucht nach der fernen Heimat an den Spielen Tsitsipas’ aus. Überall wehen blau-weisse Fahnen und nach Siegen Tsitsipas’ unterbricht die Intonation der griechischen Nationalhymne den sonst vornehmen Geräuschteppich im Melbourne Park. Wie sie hat Tsitsipas die Heimat früh verlassen, weil er in Griechenland keine Perspektiven mehr sah. Im Alter von zehn Jahren ging er nach Nizza, wo er noch heute in der Akademie von Patrick Mouratoglou trainiert, der schon Baghdatis betreute und heute mit Serena Williams arbeitet.

Nelson Mandela und Che Guevara

Ist Tsitsipas im Ausland, lässt er seine Anhänger in selbstgedrehten Videos an seinen Erlebnissen teilhaben. In einem von ihnen kommen Nelson Mandela und Che Guevara vor. Und dazwischen Tsitsipas. Mit dem Zeigefinger deutet er auf seine Zuschauer und sagt: «Das Leben braucht eine Person wie dich, um die Welt zu verändern.» Stefanos Tsi­tsipas ist einer, der geboren wurde, um die Tenniswelt zu verändern. Geht es nach deren Machern, soll er dereinst alternde Tennisgranden wie Rafael Nadal, Novak Djokovic und Roger Federer beerben. Der Achtelfinal gegen Federer wird in der Rod-Laver-Arena ausgetragen. Es ist fraglich, wie viele Griechen ein Ticket ergattert haben und damit auch, ob Tsi­tsipas auf ähnlich grosse Unterstützung zählen kann wie in den Runden zuvor. Doch dass er sich in der Rolle des hellenischen Einzelgängers durchaus wohl fühlt, hat Tsitsipas längst bewiesen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.