Fussball
Der Guardiola-Countdown

Bayern München startet in Hamburg standesgemäss in die Rückrunde. Doch die Stunde der Wahrheit folgt später.Denn um sich bei Bayern München ein Denkmal zu setzen, muss der spanische Coach die Champions League gewinnen.

Thomas Renggli
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Erfolgreiches «Pizza essen» gegen den Hamburger SV für Bayern-Starcoach Pep Guardiola.

Erfolgreiches «Pizza essen» gegen den Hamburger SV für Bayern-Starcoach Pep Guardiola.

KEYSTONE

Der Zeithorizont von Pep Guardiola als Trainer beim FC Bayern München ist beschränkt. Im Sommer verabschiedet sich der Katalane in Richtung Manchester (City) – doch bis dahin will er noch einiges erreichen: 37 Spiele und 3 Trophäen wird er im Idealfall seinen Statistiken beifügen.

Zum Wiederauftakt der Bundesliga brachte er das erste Wegstück unbeschadet hinter sich: 2:1 in Hamburg gegen den aufmüpfigen lokalen Sport-Verein. Zwar war von der Münchner Leichtigkeit beim 5:0 zum Saisonstart gegen den ehemaligen Erzrivalen nicht viel zu spüren. Doch letztlich blieb das, was Guardiola glücklich macht und die nationale Konkurrenz erstarren lässt: Drei Punkte für die Bayern und ein weiterer Schritt zum vierten Titel in Serie.

«Auf heikler Mission»

Dabei redeten sich die Hamburger – quasi stellvertretend für Restdeutschland – vor dem Anpfiff ein, dass die Bayern in der 32-tägigen fussballlosen Zeit ihre meisterliche Souplesse verloren hätten. «Die Welt» hob schon mal prophylaktisch den Mahnfinger und schrieb zur winterlichen Ausgangslage im Süden: «Auf heikler Mission».

Indizien in der Beweisführung waren ein Vorbereitungslager in Katar, das offenbar eher an Wellnessferien als an eine Arbeitsreise erinnerte, die Niederlage im einzigen Testspiel gegen den zweitklassigen Karlsruher SC, eine dreitägige Trainingspause – und vor allem die Ankündigung von Guardiolas Abgang, die den Meistertrainer zur lahmen Ente degradiert haben soll.

Und immer wieder Lewandowski

Doch Guardiola ist nicht Obama – und die Bayern-Krise nur in den Wunschvorstellungen der Gegnerschaft existent. Im ausverkauften Volksparkstadion sang vor dem Kick-off ein nordischer Barde von der «Hamburger Perle», HSV-Maskottchen Hermann wedelte erwartungsfroh mit seinem Dinosaurierschrank, und die Klubstatistiker erinnerten an den letzten Heimsieg gegen Bayern (1:0 im September 2009 – Torschütze der Fast-Schweizer Petric), doch die Realität sah dann anders aus.

Sie heisst Robert Lewandowski. Der Pole im Bayern-Trikot kennt keinen Spass. Zunächst verwandelte er einen Elfmeter zum Führungstreffer, und kurz nach dem Hamburger Ausgleich verschärfte er einen Schuss von Thomas Müller mit einem kurzen Fusszucken zum unhaltbaren Querschläger.

Die Bayern aspirierten vor 57 000 Zuschauern nie auf einen Schönheitspreis. Doch ihre Spieler machten deutlich, dass sie so viel Erfolgshunger besitzen, dass es für das nationale Geschäft keine Rolle spielt, wer an der Seitenlinie steht. Der Punch von Lewandowski, die Explosivität des jungen Franzosen Kingsley Coman, die technische Extraklasse von Müller, die Vista von Keeper Manuel Neuer, die Arbeitsmoral des erst in den Schlussminuten eingewechselten Arjen Robben und die personellen Optionen auf der Ersatzbank, machen die Diskussion über den deutschen Meister 2016 obsolet.

«Wenn wir das nicht schaffen, sind wir gescheitert»

So stehen derzeit andere Fragen im Vordergrund: Schaffen es die Bayern auf dem Weg zum 26. Meistertitel noch früher als 2014 (neun Runden vor Schluss), die letzten mathematischen Zweifel zu beseitigen, übertreffen sie den eigenen Rekordvorsprung von 19 Punkten, legen sie eine ähnliche Serie hin wie zu Beginn dieser Saison (10 Siege)?

Pep Guardiola interessieren diese Statistiken nicht: «Meine Leistung als Trainer wird nur in Titeln gemessen», sagt er. Mit zwei Meisterschalen und dem DFB-Pokal hat er auf deutschem Terrain seine Pflicht erfüllt. Doch um in München nachhaltige Spuren zu hinterlassen und sich in der Ahnengalerie für Bayern-Trainer einen Platz neben Legenden wie Ottmar Hitzfeld oder Jupp Heynckes zu verdienen, kann ihm nur etwas helfen: der Gewinn der Champions League.

«Wenn wir das nicht schaffen, sind wir gescheitert», sagt er frei von Illusionen. Bei früherer Gelegenheit hatte der Spanier die Bundesliga «wie jeden Tag Pizza oder Hamburger essen» bezeichnet und nur die Champions League als «schönes Restaurant».

Der sportliche Speiseplan liefert seiner Mannschaft in den kommenden Wochen genügend Möglichkeiten, sich an edle Häppchen zu gewöhnen – mit Gastauftritten in Leverkusen, Wolfsburg und Dortmund. Das Hors d’œuvre zum grossen Menü wird am 23. Februar serviert – im Champions-League-Achtelfinal bei Juventus Turin. Daran haben sich schon andere verschluckt.