Der Geheimtipp des Königs

Pirmin Reichmuth gewinnt zum Auftakt der Kranzfestsaison das Zuger Kantonale in Rotkreuz. Der erste Sieg des 23-jährigen Zugers dürfte die Erwartungen an ihn kaum bremsen – schon gar nicht im Hinblick aufs Eidgenössische.

Claudio Zanini
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Lässt im Schlussgang auch Marcel Bieri (links) keine Chance: der Chamr Pirmin Reichmuth (rechts).(Bild: Maria Schmid, Rotkreuz, 5. Mai 2019)

Lässt im Schlussgang auch Marcel Bieri (links) keine Chance: der Chamr Pirmin Reichmuth (rechts).
(Bild: Maria Schmid, Rotkreuz, 5. Mai 2019)

Matthias Sempach kennt alle Seiten des Schwingsports. Der Berner sah die tiefsten Täler (heisst: Verletzungen) und er bestieg die höchsten Gipfel (Königstitel, Kilchberg-Sieg). Als die Rückenschmerzen zum Dauerzustand wurden, trat er im letzten Sommer zurück. Während seiner Karriere hat Sempach viele Athleten kommen und gehen sehen. Doch einer imponierte dem König in letzter Zeit besonders: Pirmin Reichmuth, der 1,98 Meter grosse Athlet vom Schwingklub Cham-Ennetsee. Reichmuth sei der Geheimtipp dieser Saison, sagte Sempach im Gespräch mit unserer Zeitung (Ausgabe vom Samstag). Und es gab noch mehr Lob: «Er ist sicher einer der komplettesten Schwinger überhaupt.»

Reichmuth sieht das allerdings nicht ganz so. Der 23-Jährige sagte nach seinem Schlussgangsieg: «Wenn ich Armon Orlik oder Samuel Giger anschaue, sind die kompletter. Sie konnten ihr Niveau in den letzten Jahren nochmals erhöhen. Ich muss vielseitiger werden. Auch wenn es schon gut aussieht, bin ich noch lange nicht zufrieden.»

Ein besonderer Pechvogel

Dennoch ist die Auffassung des Schwingerkönigs keine exklusive. Das Talent von Reichmuth ist längst bekannt. Schon 2014 stand er als 18-Jähriger im Schlussgang des Innerschweizer Verbandsfests in Cham. Gewinnen konnte er zwar nicht, doch die Schwingergemeinde hatte den grossen, damals noch etwas schlaksigen Zuger ab sofort auf dem Zettel.

In einer märchenhaften Welt wäre der Kronprinz schon bald zum König geworden. Doch Reichmuth war ein besonderer Pechvogel, der Weg verlief nicht steil nach oben. Es ist einfacher zu sagen, wann er nicht verletzt war, anstatt die Liste seiner Verletzungen zu erstellen. Eine Woche nach dem traumhaften Tag von Cham 2014 riss er sich am Rigi-Schwinget das Kreuzband. In der Vorbereitung auf die folgende Saison passierte es erneut, er fiel 2015 wieder aus. 2016 war er gesund, holte gar den Eidgenössischen Kranz in Estavayer. 2017 und beinahe das ganze 2018 verpasste er nochmals wegen einer Kreuzbandverletzung. Erst im Herbst 2018 gab er sein Comeback, nachdem die Kranzfestsaison allerdings bereits Geschichte war.

Dass Reichmuth überhaupt noch schwingt, ist nicht selbstverständlich. Vor einem Jahr befand er sich kurz davor, zurückzutreten. «Ich habe mir gesagt, wenn noch einmal etwas passiert, dann höre ich auf. Denn es gibt auch noch ein Leben neben dem Schwingen.» Reichmuth ist Physiotherapie-Student, er hat längst erkannt, dass er seinen Schwingstil anpassen muss, um das Verletzungsrisiko zu minimieren, das Kreuzband zu schonen. Den Brienzer hat er etwa aus dem Repertoire gestrichen.

Viele trauen Reichmuth vieles zu. Drei seiner sechs Gänge gewann er am Sonntag mit dem ersten Zug. Ungebremst marschierte er in den Schlussgang. «Ich war heute wahrscheinlich derjenige Schwinger, der den Sieg am meisten wollte.» Die Erwartungen werden im Hinblick auf das Eidgenössische in Zug nicht kleiner. Dass das Fest vor seiner Haustüre stattfindet, dürfte eher Vor- als Nachteil sein. Sicher ist: Wenn auf den Hügeln in Rotkreuz noch Schnee liegt wie an diesem garstigen Mai-Tag, muss das Eidgenössische noch weit weg sein. Oder wie Matthias Sempach sagte: «In dieser Saison kann noch so viel passieren.»