Der Fussballriese erwacht

Im Juli wechselte Tranquillo Barnetta zu Philadelphia. In der Major League Soccer trifft er auf einen alten Bekannten. Der Widnauer Stefan Frei hütet bei Seattle das Tor. Frei erlebt die Entwicklung der Liga seit sechs Jahren live mit.

Yanic Lochbaum
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Das multifunktionale CenturyLink Field in Seattle fasst bei Fussballspielen rund 40 000 Zuschauer. (Bild: ROD MAR)

Das multifunktionale CenturyLink Field in Seattle fasst bei Fussballspielen rund 40 000 Zuschauer. (Bild: ROD MAR)

FUSSBALL. In den USA finden immer mehr Leute Gefallen am Fussball. Soccer, wie man den Sport dort nennt, ist mittlerweile fester Bestandteil im amerikanischen Sportfernsehen. In der obersten Profiliga Major League Soccer (MLS) spielt seit einigen Jahren der Widnauer Stefan Frei. Der 29jährige Goalie ist bei den Seattle Sounders unter Vertrag. Seattle läuft zu Hause oft vor knapp 40 000 Zuschauern auf. «Als ich vor fünf Jahren noch in Toronto spielte, hatten wir nicht einmal die Hälfte der Zuschauer, die wir hier in Seattle haben», sagt Frei über die steigende Popularität seines Sports. Auch im Rest der Welt macht sich die Beliebtheit des Fussballs in den USA immer mehr bemerkbar. Die amerikanischen Anhänger waren an der WM in Brasilien so zahlreich vertreten wie noch nie.

MLS ist kein Altersheim

Nun finden auch europäische Fussballgrössen Gefallen an der MLS. In diesem Sommer wechselten unter anderen Andrea Pirlo, Frank Lampard und Steven Gerrard in die USA. «Solche Transfers tun der Liga natürlich gut. Die Fans kennen die Namen und gehen ins Stadion, um die Spieler zu sehen», so Frei. Einen Qualitätszuwachs für die Liga verspricht sich Frei aber nicht: «Das Niveau der MLS ist besser als man denkt. Wer glaubt, er kann hier einfach ein bisschen auf dem Platz herumspazieren, der wird die Folgen schnell bemerken.» Frei sieht die MLS in bezug auf die Physis auf einem Level mit den europäischen Ligen. Technisch und taktisch müsse man sich noch entwickeln, aber die Liga sei auch noch jung. Der Widnauer ist vielmehr begeistert von einem anderen Transfer. Sebastian Giovinco verliess Juventus Turin im Februar, um für Toronto zu spielen. Das zeige, dass die MLS kein Altersheim für Fussballer sei, sondern auch ambitionierte Spieler im besten Fussballalter nach Amerika wechseln. Giovinco ist erst 28jährig.

Frei nennt mehrere Gründe für die grösser werdende Beliebtheit des Fussballs in den USA. In diesem multikulturellen Land leben viele Leute mit europäischem oder südamerikanischem Hintergrund. So sei Fussball laut Frei Teil ihrer Kultur.

Dazu sind die amerikanischen Fans statistikaffin. Sie mögen es, viele Informationen vor sich zu haben, auch wenn es sich um Details handelt. Im Fussball gibt es sehr ausführliche Statistiken zu jedem Spieler auf dem Feld, was die Amerikaner anspricht. Dazu kommt die enorme Wichtigkeit und Präsenz von Fernsehen und Sponsoring. Durch die Medien ist ein Sport allgegenwärtig. Wenn man will, kann man rund um die Uhr Sport schauen. So verfolgen immer mehr Amerikaner den europäischen Fussball. Die Champions League ist dabei auch hier das Nonplusultra. Frei selbst verfolgt die Premier League und die Bundesliga mit seinem Lieblingsverein Bayern München. Und die Super League? «Leider fehlt mir die Zeit, um so viel Fussball zu schauen. Da ziehe ich dann die Bayern vor.» Frei nahm in der vergangenen Woche zum drittenmal in Folge den Preis für den Save of the Week, für die Parade der Woche in der MLS, entgegen. Der Goalie wird in Seattle gefeiert. Dabei war eine Karriere in Nordamerika ursprünglich gar nicht geplant für den St. Galler.

USA zeigen Interesse

Bevor Frei mit 14 Jahren nach Kalifornien zog, spielte er zwischenzeitlich sogar in der Schweizer U15-Nationalmannschaft. Damals stand Frei für die Junioren des FC St. Gallen zwischen den Pfosten. 2001 musste die Familie wegen des Berufs des Vaters nach Kalifornien umziehen. Frei besuchte fortan eine High School nahe San Francisco. Sein grosses Talent im Tor blieb in Nordamerika nicht unentdeckt. 2009 wurde Frei vom MLS-Club Toronto entdeckt und verpflichtet. So bekam er seinen ersten Profivertrag. Seit zwei Jahren ist er nun bei Seattle und eine feste Grösse im Team. In der laufenden MLS-Saison bestritt Frei bislang 27 Spiele und beendete diese elf Mal zu Null. Ein Engagement als Profi in der Schweiz ist ausgeschlossen für den Widnauer. «Es macht Spass, die Entwicklung dieser jungen Liga live mitzuerleben. Hier kannst du aktiv Geschichte schreiben.» Deshalb habe er auch nicht vor, die MLS zu verlassen. Auf internationaler Ebene wird er wohl künftig für die USA spielen. Frei hat den amerikanischen Pass beantragt, nachdem der Fussballverband Interesse an ihm zeigte.

Ein weiterer Schweizer wechselte erst kürzlich in die MLS: Tranquillo Barnetta spielt seit Juli für Philadelphia Union. Mit dem St. Galler spielte Frei in der Juniorennationalmannschaft zusammen. Es habe ihn gefreut, einen alten Bekannten in seiner Liga zu sehen, so der gebürtige Rheintaler. «Leider habe ich keine Telefonnummer von Barnetta, aber wir werden uns sicher wieder einmal über den Weg laufen.»

Stefan Frei bekam zuletzt dreimal den Preis für die beste Parade. (Bilder: Jane Gershovich, Sounders FC Communication)

Stefan Frei bekam zuletzt dreimal den Preis für die beste Parade. (Bilder: Jane Gershovich, Sounders FC Communication)