Der fussballerische Lautsprecher

Im Nationalteam war Nico Elvedi lange einfach da. Heute ist er Fixstarter – und mit Borussia Mönchengladbach im Hoch.

Christian Brägger aus Zürich
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Nati-Verteidiger Nico Elvedi (rechts) im Spiel gegen Irland. Bild: Getty (Genf, 15. Oktober 2019)

Nati-Verteidiger Nico Elvedi (rechts) im Spiel gegen Irland. Bild: Getty (Genf, 15. Oktober 2019)

Fabian Schär fehlt verletzt. Manuel Akanji hat immer mal wieder Wackler in seinem Spiel bei Dortmund, und ein 0:4 bei den Bayern zu verdauen. Bleibt Nico Elvedi, der dritte und nicht minder wichtige Innenverteidiger im Bunde bei der Schweizer Nationalmannschaft. Der 23-Jährige grüsst mit dem überraschenden Mönchengladbach gerade von der Bundesligaspitze, er selbst spielt bislang eine überragende Saison. Im Club ist er auch unter dem neuen Trainer Marco Rose Fixstarter. Wie Goalie Yann Sommer, Dennis Zakaria und der derzeit verletzte Breel Embolo, die Schweizer Mitspieler.

Dabei gab es nicht wenige, die Elvedis Wechsel zu den «Fohlen» als verfrüht empfanden und verurteilten. Ihn für die Reifung lieber länger in Zürich gesehen hätten wie dessen Präsident Ancillo Canepa. Damals, im Sommer 2015 war das. «Ich wollte mir die Chance nicht entgehen lassen und wie jeder Fussballer den nächsten Schritt machen», sagt Elvedi. Vier Monate später, kaum 19-jährig, war er in Deutschland Stammspieler. Und ist es bis heute geblieben. «Ja, es hat sich in den Jahren viel verändert in meinem Leben», sagt er stolz.

Elvedi hat in dieser Saison nochmals zugelegt

In seiner fünften Bundesligasaison hat Elvedi nochmals zugelegt, mit den Erfolgen im Club Selbstvertrauen getankt. Der Verteidiger spielt sehr selbstbewusst, im Gespräch ist er dies nicht. Auch beim Zusammenzug für die letzten beiden EM-Qualifikationsspiele wirkt er eher scheu, fast ein wenig verlegen, seiner Spielweise entsprechend dafür ruhig und überlegt. Zakaria sagte einmal: «Nico hat viele Qualitäten, aber das Sprechen gehört gewiss nicht dazu.» Ein Lautsprecher ist Elvedi nie gewesen, vielleicht hat er sich deshalb irgendwann ein Auto in Tarnfarbe angeschafft. Vielleicht hätte er seine Reservistenrolle in der Nationalmannschaft dann auch nicht so ruhig über die zweieinhalb Jahre hingenommen und den Anspruch, zum Zug zu kommen, früher und vor allem lauter angemeldet, als er dies nach der WM 2018 getan hat. «Es braucht Mut, dass man sich traut, etwas Lautes zu sagen. Vielleicht kommt das mit den Jahren», hat Elvedi einmal in einer Talkrunde trefflichst formuliert.

Fraglos hat Elvedi das Sprechen gar nicht nötig, weil die Fakten bei einem Marktwert von unterdessen 30 Millionen Euro für ihn sprechen. In der Bundesliga hat er bisher von allen Spielern, die sich dort tummeln, die höchste Passquote. Heisst in Zahlen ausgedrückt: In elf Spielen wurden bei ihm lediglich 14 Fehlpässe notiert. Oder dann seine Zweikampfquote, die im Verein die beste ist. Das alles mag mit ein Grund sein, dass es den Gladbachern so gut läuft, einen sieht Elvedi im Coach: «Rose hat einen grossen Anteil an unserem Erfolg, wir laufen viel, pressen hoch.» Und es habe ein paar gute Zukäufe für die Offensive gegeben, von denen man profitiere. Auch deshalb hat sich der Bundesligaclub heuer in der Europa League dreimal mit späten Toren aus der Bredouille befreien können. Weil die Saison noch jung ist, will Elvedi seine Gladbacher nicht als Meisterkandidat sehen, bescheiden bleiben: «Schauen wir, wofür es am Ende reichen wird.»

Es war vor etwas mehr als einem Jahr, als Vladimir Petkovic entschied, für die Schweiz die Dreierkette mit Nachdruck zu forcieren. Profiteur dieser Massnahme war Elvedi. Vermutlich aber hat der Nationaltrainer gespürt, dass da einer heranreift, an dem er kaum noch lange vorbeisehen kann.