«Der Funke ist gesprungen»

Leader FC St. Gallen geht am Sonntag gegen Servette zum erstenmal in dieser Saison als Favorit in ein Heimspiel. Sportchef Heinz Peischl über die Versöhnung mit den Anhängern, den Mix im Team und Alberto Regazzoni.

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Der 48jährige Österreicher Heinz Peischl arbeitet seit Januar 2011 als Sportchef und CEO für den FC St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Der 48jährige Österreicher Heinz Peischl arbeitet seit Januar 2011 als Sportchef und CEO für den FC St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Herr Peischl, der FC St. Gallen wolle die Gegner das Fürchten lehren, sagten Sie vor dem Start in die Saison. Das ist bisher gelungen – und zwar auf eine Art, die selbst die eigenen Anhänger fast schon erschreckt hat.

Heinz Peischl: Ich bin froh, dass es uns endlich gelungen ist, den Funken auf unsere Anhänger überspringen zu lassen. Darauf war meine Aussage auch gemünzt. Ich wollte damit sagen, dass wir aus unserem Heimstadion wieder eine Festung machen und unseren Gegnern Respekt abnötigen wollen.

Haben Sie persönlich einen derart guten Start des Aufsteigers erwartet?

Peischl: Im Leben soll man nie etwas erwarten – dann wird man auch nicht enttäuscht. Wir hatten aber schon in der Challenge League mit dem Aufbau eines Teams begonnen, das folgenden Kriterien genügen sollte: fussballerische Qualität, physische Präsenz, Leben des Teamgedankens und Abliefern von ehrlicher Arbeit. Diese Entwicklung haben wir über den Sommer fortgesetzt.

Erneuert hat der FC St. Gallen auf die neue Saison hin sein defensives Mittelfeld. Hier dürfte der Schlüssel zum Erfolg liegen: Stéphane Nater und Dejan Janjatovic entfalten wesentlich mehr Kreativität im Spiel nach vorne, als es ihre Vorgänger taten.

Peischl: Ich werde mich hüten, öffentlich Spieler zu vergleichen. Philipp Muntwiler und Daniel Imhof haben ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeiten eingebracht – genauso wie das nun Nater und Janjatovic tun. Klar ist: Wir sind froh um deren läuferische, spielerische und menschliche Qualitäten.

Wo liegen Ihrer Meinung nach weitere Gründe für den Höhenflug?

Peischl: Insbesondere in der Geschlossenheit der Mannschaft und im Teamgedanken. Wir sind von der Nummer 1 bis zur Nummer 25 breit aufgestellt. Jeder ist bereit, mitzuziehen. Gleichzeitig verfügen wir über Spieler mit grossen individuellen Fähigkeiten. Zudem haben wir ein Trainerteam, das mit dem medizinischen Staff und bis hin zum Materialwart als Einheit auftritt und sich auch menschlich gefunden hat.

Der Mix macht es also aus. Sie scheinen in der Zusammenstellung der Mannschaft ein glückliches Händchen gehabt zu haben.

Peischl: … nicht ich – wir. Weder als Trainer noch als Sportchef habe ich jemals Alleingänge gemacht. Hinter den Kulissen arbeiten viele an Transfers mit – vom Trainerteam über den für das Scouting verantwortlichen Werner Zünd bis hin zu Nachwuchschef Roger Zürcher.

Beobachten Sie Spieler, die für St. Gallen in Frage kommen, selber?

Peischl: Ja – genauso wie Trainer Jeff Saibene, Assistent Daniel Tarone, Goalietrainer Stefano Razzetti sowie Nachwuchschef Roger Zürcher. Zudem haben wir gegen zwanzig externe Scouts in der Schweiz – Vertrauenspersonen, die für uns Spieler beobachten.

Sie betonen immer wieder den Teamgedanken. War das einer der Gründe, weshalb der Club Germano Vailati abgegeben hat? Er soll wegen seiner Rolle als Ersatzgoalie schlechte Stimmung gemacht haben.

Peischl: Wir haben Germano Vailati im Herbst Vertragsgespräche angeboten. In deren Folge hat es keine Einigung gegeben, so dass es unsere Aufgabe war, uns nach Ersatz umzusehen.

Es ging das Gerücht um, wonach Vailati Sie beschimpft habe und er auch deshalb keine Zukunft beim FC St. Gallen mehr gehabt habe.

Peischl: Zu Gerüchten äussere ich mich nicht. Ich hege Vailati gegenüber keinerlei Ressentiments, er ist ein toller Goalie. Wir stehen aber zu unserer Entscheidung.

Mit Alberto Regazzoni hat der FC St. Gallen einem anderen unbequemen Spieler eine neue Chance gegeben – und er hat sie genutzt.

Peischl: Ich will mir nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn wir den Aufstieg nach Regazzonis Suspendierung noch verpasst hätten. In der Folge hat er sein Verhalten aber geändert. Es gilt: Jeder, der bereit ist, im Team mitzuarbeiten, ist herzlich willkommen beim FC St. Gallen. Die anderen haben nichts verloren hier.

Zugute kam dem FC St. Gallen sicherlich auch die Art des Auftretens im ersten Spiel gegen die Young Boys. Bei einer schlechten Leistung hätte sich die Missstimmung rund um die Darbietungen in der Challenge League verstärkt.

Peischl: In diesem Spiel dürfte tatsächlich der Schlüssel zur Versöhnung mit unseren Anhängern liegen. Die Pfiffe zum Ende der Challenge-League-Saison gegen Jeff Saibene und Daniel Lopar, die wohl auch mir als Sportchef galten, waren uns nicht entgangen. Und eine Aufstiegseuphorie gab es rund um den Verein nicht. Deshalb war ein positiver Start wichtig. Unabhängig davon spürten wir aber schon in der Vorbereitung, dass diese Mannschaft zusammenpasst und über Qualitäten verfügt.

Bei Ihrer Rückkehr als Sportchef war seitens der Anhänger viel Skepsis spürbar – Stichwort: Ihre frühere Tätigkeit als Trainer beim FC St. Gallen. Wie spüren Sie den Goodwill, der Ihnen nun entgegengebracht wird?

Peischl: Ich lasse mich weder von Kritik noch von Lob leiten. Wenn es schlecht läuft, dürfen sich Verantwortungsträger nicht verrückt machen lassen. Von Erfolgen sollen sie sich aber auch nicht blenden lassen.

Aber angenehmer ist für Sie sicherlich die aktuelle Situation.

Peischl: Nein. Ich habe in meinen 31 Jahren im Profifussball viel erlebt. Ich wusste, weshalb ich 2005 ging und warum ich 2010 zurückkam – und ich werde wissen, weshalb ich eines Tages wieder gehen werde. Ich freue mich im aktuellen Erfolg einfach für den FC St. Gallen, die Mannschaft, den Betreuerstab und die Vereinsleitung, die bei Misserfolgen mindestens genauso in der Kritik standen wie ich.

Interview: Daniel Walt