Analyse

Schweizer Stars dominieren das Mountainbiken nicht mehr: Es ist das Alarmzeichen im richtigen Moment

Nino Schurter und Jolanda Neff bleiben an der WM ohne Titel. Es ist ein Alarmzeichen im richtigen Moment.

Raphael Gutzwiller
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Bleibt hinter den hohen Erwartungen zurück: Nino Schurter.

Bleibt hinter den hohen Erwartungen zurück: Nino Schurter.

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Mountainbike-WM ist Medaillenzeit für die Schweiz. Daran ändert sich 2020 wenig: Mathias Flückiger holt im Cross-Country Silber, Camille Balanche im Downhill Gold. Sie halten die Schweizer Fahne im österreichischen Leogang in die Höhe.

Und doch fällt die Bilanz der Schweizer Mountainbiker nach der WM eher durchzogen aus. Das hat viel mit dem grossen Aushängeschild Nino Schurter zu tun. Eigentlich schien der Bündner Ausnahmekönner ein Abo zu haben: Jahr für Jahr hat er sich eine WM-Medaille reserviert, meist auch das Regenbogentrikot. Seit 2009 holte er zehn Medaillen, acht Mal Gold. Zuletzt wurde er fünf Mal in Folge Weltmeister. Diesmal reichte es aber nur zum neunten Rang.

Auch die St. Gallerin Jolanda Neff holt regelmässig Medaillen, dreimal wurde sie Weltmeisterin in der U23, 2017 holte sie Gold bei der Elite, im Vorjahr Silber. Diesmal muss sie sich mit dem sechsten Rang zufriedengeben. Nach ihrem Milzriss im Dezember 2019 ist sie noch immer nicht bei 100 Prozent.

Ist nach ihrem Milzriss noch nicht bei 100 Prozent: Jolanda Neff.

Ist nach ihrem Milzriss noch nicht bei 100 Prozent: Jolanda Neff.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Unterschiedliche Gründe führen zu den Resultaten

Das Abschneiden der beiden Schweizer Stars kommt nicht von ungefähr. Richtig enttäuschend waren bereits die beiden Weltcuprennen in Tschechien. Schurter wurde Dritter und Vierter, Neff hatte gar nur einen 17. Rang und eine Aufgabe zu verzeichnen.

Ist die jahrelange Dominanz der Schweizer Mountainbikestars nach Jahren des Erfolges etwa gebrochen? So ultimativ kann man dies nicht beantworten. Klar ist, dass die Gründe für die Resultate unterschiedlicher Natur sind. Nino Schurter kommen die späten Zeitpunkte der Wettkämpfe nicht entgegen. Er zeigte sich schon vor der WM skeptisch aufgrund der garstigen Verhältnisse in Leogang. «Schlammige Verhältnisse sind überhaupt nicht meine Welt.» Dazu kamen im WM-Rennen ein missglückter Start und die falsche Materialwahl. Schurter setzte auf Regenpneus, obwohl es schliesslich nur gegen Ende des Rennens regnete – und weit stärker als erwartet.

Gegensätzlich präsentierte sich die Ausgangslage bei Jolanda Neff, die vor den Rennen noch sagte, dass sie schlammige Verhältnisse liebe. Sie zeigte tatsächlich nach ihren beiden schwachen Auftritten im Weltcup eine klare Leistungssteigerung. Dass sie danach äusserst zufrieden war, zeigt, dass die Ostschweizerin noch nicht auf jenem Niveau zurück ist, auf dem sie einst war. Immerhin ist dank des WM-Ergebnisses ein Aufwärtstrend erkennbar.

Holte WM-Silber: Mathias Flückiger.

Holte WM-Silber: Mathias Flückiger.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Und so mussten an der WM andere Schweizer in die Bresche springen. Mathias Flückiger holt zum dritten Mal eine WM-Medaille. 2012 fuhr er hinter Schurter und seinem Bruder Lukas Flückiger zu Bronze, im Vorjahr wurde er ebenfalls Zweiter – wieder hinter Schurter. Diesmal gelang ihm der Gewinn der Silbermedaille, obwohl er noch vor einer Woche an einer Magendarmverstimmung litt. Wäre er fit an den Start gegangen, hätte er sich den Titel zum Ziel gesetzt. Nun ist er mit der Silbermedaille glücklich. Allein die Tatsache, dass er unter diesen Voraussetzungen Silber holte, zeigt seine Qualität. So ist im Hinblick auf die Olympischen Spielen mit ihm zu rechnen.

Sina Frei klassiert sich auf dem vierten Rang.

Sina Frei klassiert sich auf dem vierten Rang.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Dies gilt auch für Sina Frei. Nach dem U23-Weltmeistertitel im Vorjahr wird die 23-Jährige diesmal Vierte bei der Elite und holt im Team-Relay die Bronzemedaille. Die Ergebnisse sind ein Zeichen dafür, dass sie bei der Elite vorne mitfahren kann.

Für die erfolgsverwöhnten Schweizer Mountainbike-Fans ist es zwar ein Rückschlag, dass die beiden Aushängeschilder, Schurter und Neff, nicht so fahren, wie man dies von ihnen gewohnt ist. Die enttäuschenden Resultate sind aber ein Alarmsignal im richtigen Moment. Richtig ernst gilt es für die beiden 2021 an den Olympischen Spielen in Tokio. Schurter sprach davon, dass es auch ein Vorteil sei, nicht als Weltmeister ins Olympiajahr zu steigen: «Das nimmt etwas Druck von mir.»

Heim-EM an diesem Wochenende

Die spezielle Mini-Saison der Mountainbiker findet am kommenden Wochenende mit der Heim-EM im Tessin ihren Schlusspunkt. Normalerweise verzichten grosse Stars auf die EM, in diesem Jahr wird das Niveau nach den vielen ausgefallenen Wettkämpfen derweil hoch sein. Nino Schurter, normalerweise an der EM nicht am Start, bekommt die Chance zur schnellen Wiedergutmachung. Er könnte sich zum ersten Mal überhaupt zum Europameister bei der Elite krönen. Für Jolanda Neff wäre der Titel schon der fünfte Streich.