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Der «Carnaval Suíço» der Seleção

Brasilien und die Schweiz – das war doch noch was? Richtig, 2006 bereiteten sich Ronaldo, Ronaldinho, Kaka und Co. in der Innerschweiz auf die WM vor. Weggis blieb in unguter Erinnerung.
Martina Farmbauer, Rio de Janeiro
Das Weggiser Trainingslager der Brasilianer 2006: Party, Party, nichts als Party. (Bild: Michael Buholzer (Weggis, 25. Mai 2006))

Das Weggiser Trainingslager der Brasilianer 2006: Party, Party, nichts als Party. (Bild: Michael Buholzer (Weggis, 25. Mai 2006))

«Logischerweise werden wir nicht zulassen, dass das passiert, was ich gesehen oder gehört habe, dass es in Weggis passiert ist.» Der Satz des damaligen Nationaltrainers Dunga machte klar, was hinter den Vorkehrungen steckte, die der Brasilianische Fussballverband (CBF) für Johannesburg getroffen hatte, wo die Seleção sich bei der Weltmeisterschaft in Südafrika 2010 einquartierte.

Die Massnahmen des CBF in Teresópolis, in den Bergen hinter Rio de Janeiro, wo die Seleção sich auf die WM in Russland – inklusive des ersten, heutigen Spiels gegen die Schweiz – vorbereitet hatten, dürften ebenfalls darauf zurückzuführen sein.

In der Schweiz Brasiliens, wo man zu Mittag Fondue essen kann, lud die CBF in ihrem Trainingszentrum vor drei Wochen zwar zu Pressekonferenzen. Aber sie schickte vor allem Spieler aus der zweiten Reihe auf das Podium, Trainer Tite sprach, anders als vor dem letzten WM-Qualifikationsspiel gegen Chile in São Paulo, gar nicht. Für die Medien stand das Training jeweils offen, für die Fans nur eines.

Was Dunga damals gesehen und gehört hatte, war, dass die Seleção in Weggis einen «Carnaval Suíço», einen Schweizer Karneval veranstaltete, wie sich die Zeitung «O Globo» aus der Karnevalsstadt Rio 2013 erinnerte.

In Weggis war auch das ein oder andere Training geschlossen geblieben. Sonst war das Stadion, das extra errichtet worden war, mit 5000 Zuschauerinnen und Zuschauern jedoch fast immer voll. Der Brasilianische Fussballverband hatte das Trainingslager vor der WM in Deutschland 2006 für zwei Millionen Euro verkauft, man verlangte Eintritt. Tausende Fans kamen in den kleinen, idyllischen Ort, Sambagruppen spielten, Mulatinnen tanzten. Vor und nach den Trainingseinheiten schrieben die Spieler Autogramme, weibliche Fans steckten ihnen Telefonnummern zu.

Ronaldo als DJ – Ronaldinho mit der Rolle zu zweit

Symbolisch für den Schweizer Carnaval der Seleção waren Ronaldo als DJ in einem Club in Luzern, was eine Boulevardzeitung aufdeckte, und eine Frau, die mit Ronaldinho über das Spielfeld rollte. Die Seleção verliess Weggis schlecht trainiert und ohne Intensität. Immer wieder kehren brasilianische Journalistinnen und Journalisten seitdem zurück, um über das Erbe dieser Vorbereitung zu berichten. Sowohl Schweizer als auch Brasilianer haben diese in schlechter Erinnerung. In Brasilien geht man davon aus, dass sich die Einheimischen am Vierwaldstättersee immer noch ärgern, wenn Weggis als Erklärung dafür herhalten muss, dass die hoch talentierte Seleção bei der WM 2006 bereits im Viertelfinal ausgeschieden ist.

«Das war nicht die Schuld der Stadt»

Die 4000 Einwohner hätten die brasilianische Nationalmannschaft mit offenen Armen empfangen, schrieb das Internetportal «Terra» 2010. «O Globo» aus Rio zitierte in ihren Erinnerungen 2013 Peter Krampfer, Manager des Hotel «Park Weggis», im Rückblick auf die Party mit DJ Ronaldo in Luzern: «Das war nicht die Schuld der Stadt.»

Bei der Seleção war man sich einfach absolut sicher, «o hexa», den 6. Weltmeistertitel, zu erobern. Der Confederations Cup, den sie in Deutschland 2005 mit einem 4:1 im Final gegen Argentinien gewonnen hatte, und ihr «magisches Quadrat» mit Ronaldo, Adriano, Ronaldinho und Kaká, gaben den Spielern diese trügerische Sicherheit. Sie hatten bereits die WM in Japan und Südkorea 2002 gewonnen, dachten, sie bräuchten nur Dienst nach Vorschrift zu tun – und taten das, was sie ausser Fussball spielen gut können: feiern.

Trainer Parreira hatte nicht genug Autorität

Der Journalist Cosme Rimoli aus São Paulo klagte in seinem Blog noch im vergangenen Oktober, dass die Nächte unerträglich kalt und die Fenster morgens verschneit gewesen seien. Und dass die brasilianischen Journalistinnen und Journalisten am ersten freien Tag der Seleção nach Luzern hätten eilen müssen, um über deren Partynacht zu berichten. Die «festinhas», die «Festchen» mit weiblichen Fans, sind weiter gegangen, wenn auch vorwiegend hinter verschlossenen Türen.

Trainer Carlos Alberto Parreira hatte nicht die Autorität, um sie zu unterbinden. Er wollte auch an die Eigenverantwortung der Spieler glauben, von denen viele die Gelegenheit nutzen wollten, um sich zu vergnügen.

Für die Brasilianer selbst ist die Vorbereitung der Seleção in Weggis ein Hurrikan gewesen. «Der brasilianische Hurrikan ist vorbei, aber er hat Spuren hinterlassen», stellte «O Globo» anlässlich des Besuchs rund um das Spiel Brasilien gegen Italien in Genf 2013 fest. «Terra» hatte 2010 geschrieben: «Der Hurrikan lebt noch in der Erinnerung der Bewohner fort.»

Heute müssen Brasiliens Elf beweisen, dass das Trainingslager in Teresópolis effektiv war.

Karnevalsstimmung an der Festmeile in Weggis. (Bild: Michael Buholzer (28. Mai 2006))
Publikumsmagnet: Tausende Fans und Interessierte beobachten die Brasilianische Fussball-Nationalmannschaft beim Training. (Bild: Archiv LZ (25. Mai 2006))
Schulkinder und Einheimische schwenken an der offiziellen Eröffnung des Stadions Brasilianische Fahnen. (Bild: Archiv LZ (23. Mai 2006))

Den WM-Pokal gewannen die Brasilianer 2006 nicht. Die Festfreude in Weggis, hier anllässlich der Stadion-Einweihung, war jedoch weltmeisterlich. (Bild: Archiv LZ (23. Mai 2006))
Ballgefühl: Der Brasilianische Nationalspieler Robinho (damals Real Madrid) beim Training in Weggis. (Bild: Archiv LZ (25. Mai 2006))
Roberto Carlos (links, damals Real Madrid) und sein Real-Teamkollege Cicinho beim Training in Weggis, beobachtet von tausenden Fans. (Bild: Archiv LZ (25. Mai 2006))
Emerson (links, Juventus Turin) und Ronaldo (Real Madrid) beim Training in Weggis. Die Weltstars lockten bis zu 5000 Zuschauer ins Stadion (Bild: Archiv LZ (25. Mai 2006))
Ronaldinho (links, FC Barcelona) in einem Testspiel gegen Fluminense U20 in Weggis. (Bild: Archiv LZ (28. Mai 2006))
Begehrt: Ronaldinho gibt den Balljungen in Weggis Autogramme. (Bild: Archiv LZ (25. Mai 2006))
Hunderte Schaulustige ohne Tickets versuchten durch durch die Sichtschutze einen Blick auf das Training der Brasilianer zu erhaschen. (Bild: Archiv LZ (25. Mai 2006))
Medienspektakel: TV-Teams an der Pressekonferenz der Brasilianer in Weggis. (Bild: Archiv LZ (23. Mai 2006))
Ein Bild der Stars: Fotografen und andere Medienschaffende drängen sich vor dem Park Hotel in Weggis, dem Quartier der Brasilianer. (Bild: Archiv LZ (25. Juni 2006))
Zaungäste im Thermoplan Stadion in Weggis. (Bild: Archiv LZ (25. Mai 2006))
Gespanner Blick. Zuschauer ohne Tickets beim Weggiser Stadion (Bild: Archiv LZ (25. Mai 2006))
Die Fans rund um das Thermoplan Stadion in Weggis, trotzen während des Testspiels Brasilien - Fluminense U20 dem starken Regen. (Bild: Archiv LZ (28.Mai 2016))
15 Bilder

Rückblick: Als die Seleção in Weggis trainierte

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