Kommentar

Der Bluttest verbreitet 
falsche Hoffnungen

In der Schweiz sind Trisomie-Tests weit verbreitet. Das wirft viele ethische Fragen auf.

Jürg Ackermann
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Jürg Ackermann, Blattmacher St.Galler Tagblatt

Jürg Ackermann, Blattmacher St.Galler Tagblatt

Der Wunsch werdender Eltern ist verständlich: Sie wollen möglichst früh in der Schwangerschaft Gewissheit, dass alles gut kommen wird. Immer mehr Paare entscheiden sich darum dafür, über risikolose Bluttests Chromosomendefekte wie Trisomien auszuschliessen. Ist das Ergebnis nicht wie gewünscht, stehen sie vor der quälenden Entscheidung, sich auf ein sehr herausforderndes Leben mit einem Kind mit Behinderung einzulassen – oder die Schwangerschaft abzubrechen.

Doch diese Bluttests verbreiten auch falsche Hoffnungen und Illusionen. Denn die Gewissheit, ein gesundes Kind zu haben, wird es nie restlos geben, auch bei einem für die Eltern positiven Testergebnis. Nur die wenigsten Behinderungen sind Geburtsgebrechen und damit früh erkennbar. Das Leben ist vor, während und nach der Geburt mit Risiken verbunden, die sich nicht über Chromosomentests ausschliessen lassen. Ein gesundes Kind bleibt bei allem medizinischen Fortschritt ein grosses Glück.

Bald werden Tests erhältlich sein, die in ein paar Millilitern Blut der Mutter noch viel mehr Gendefekte als Trisomien erkennen können – und viele werdende Eltern vor noch schwierigere Entscheidungen stellen werden. Die technische Entwicklung wird sich kaum aufhalten lassen. In der Vergangenheit hat sich gezeigt: Was medizinisch möglich ist, wurde meist auch umgesetzt. Die Frage ist aber, wie wir als Gesellschaft damit umgehen und welche Leitplanken gesetzt werden. Es kann nicht sein, dass Unperfektes, Menschen, die aus der Norm fallen und nicht dem Idealbild entsprechen, schon bald zu etwas werden, das es möglichst zu vermeiden gilt. Eine Debatte darüber ist nötig.