Der Besuch des jungen Stars

Die vierte Etappe der Tour de Suisse führt in Wilen bei Wil an Stefan Küngs Haus vorbei. Der hoch talentierte Thurgauer kann jedoch nicht mitfahren. Nach dem schweren Sturz am Giro d'Italia geht es Küng aber besser.

Daniel Good
Merken
Drucken
Teilen
Dabei, aber nicht mittendrin: Radprofi Stefan Küng im Zielauslauf in Schwarzenbach. (Bild: Urs Bucher)

Dabei, aber nicht mittendrin: Radprofi Stefan Küng im Zielauslauf in Schwarzenbach. (Bild: Urs Bucher)

RAD. Nichts hätte Stefan Küng lieber getan, als in diesem Jahr die Tour de Suisse zu bestreiten. «Ich habe den Termin ganz dick im Kalender angestrichen, als der Etappenplan bekannt wurde», sagte Küng gestern im Zielgelände der vierten Etappe in Schwarzenbach. Die Strecke der gestrigen vierten Etappe führte im Finale über Strassen, die Küng im Training sehr häufig unter die Räder nimmt. Gestern aber war Küng zu Fuss unterwegs. Seit dem schweren Sturz vor dreieinhalb Wochen im Giro d'Italia kann er nicht mehr Velofahren. Er ist deshalb nur zu Besuch am Zielort Schwarzenbach.

«Im vergangenen Jahr stand ich als Teilnehmer der Spitzensport-RS am Strassenrand der Tour de Suisse, nun muss ich mich eben noch ein weiteres Jahr gedulden, ehe ich mitfahren kann», sagt Küng. Der Sturz auf der zwölften Etappe des Giro d'Italia mit einem Wirbelbruch hätte schlimme Folgen haben können. Küng ist sich bewusst, dass er grosses Glück hatte. Das Rückenmark wurde nicht beschädigt, der Wirbel wird nach der Heilungsphase wieder ohne Komplikationen funktionsfähig sein. Küng hofft, in etwa neun Wochen wieder zu 100 Prozent gesund zu sein.

An Radfahren nicht zu denken

Derzeit ist Velofahren für Küng aber nicht möglich. Ein Sturz hätte verheerende Folgen. «Dann hätte ich ein gröberes Problem», sagt der 21jährige Thurgauer. Vielleicht probiert er es in zweieinhalb Wochen wieder mit Velofahren – auf der Rennbahn in Grenchen, weil dort die Gefahr zu stürzen am geringsten ist. Entscheiden werden aber die Ärzte. Derzeit hält sich Küng unter anderem auf dem Ergometer fit – in aufrechter Haltung, denn der Rücken muss weiter geschont werden.

Überstürzen darf Küng nichts. Als Veloprofi hat er herausragende Perspektiven. Dessen ist sich der Rennfahrer aus Wilen bei Wil bewusst. «Ich muss nun Geduld haben», sagt Küng. Ein konkretes Ziel hat er sich freilich schon gesetzt. Er will an der Strassen-WM Ende September in Richmond in den USA teilnehmen. «Das ist ein realistisches Ziel. Und es motiviert mich, wenn ich zum Beispiel im Schwimmbad Aqua-Jogging betreibe. Das ist eine ziemlich langweilige Angelegenheit.»

Grosse Anteilnahme

Das Schicksal Küngs bewegt viele Personen. Nur mit Glück entkam er einer Querschnittlähmung, wie sie der Skirennfahrer Silvano Beltrametti 2001 erlitt. Küng erhält viele Zuschriften von Leuten, die dieselbe Verletzung hatten, auch von solchen, die er nicht kennt. «Sie sprechen mir Mut zu. Sie stärken meine Moral.» Denn Küng muss den Tag meistens immer noch so verbringen, wie einem Spitzensportler der Sinn überhaupt nicht danach steht – mit Liegen. «Ich kann aber immer aktiver werden. Der Fortschritt der Genesung verläuft nach Plan. Und ich geniesse es auch, so lange daheim in der Ostschweiz zu sein.»

In der nächsten Woche rückt Küng für vier Wochen in den Spitzensport-WK nach Magglingen ein, wo er die Rehabilitation weiter vorantreibt. Anschliessend folgt ein Höhentrainingslager im Engadin.

In der gestrigen Etappe wäre für einen gesunden Küng viel möglich gewesen, zumal er von den Streckenkenntnissen profitiert hätte. Vom Profil her ähnelte der Parcours dem Finale der vierten Etappe der Tour de Romandie, die Küng in Freiburg im grossen Stil für sich entschied. «Hätte und wäre zählen nichts. Wichtig ist, dass ich wieder gesund werde.» Dann wird Küng auch in der Tour de Suisse triumphieren.