Der Besuch beim alten Walliser

Vor der finalen Sitzung am Freitag treffen sich die wichtigsten Schweizer Vereinsbosse in Constantins Hotel in Martigny, um sich ohne Ligachefs austauschen zu können. Eine tragische Komödie.

Renato Schatz
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Christian Constantin ist Gastgeber der inoffiziellen Sitzung.

Christian Constantin ist Gastgeber der inoffiziellen Sitzung.

Bild: Keystone

Erster Akt

Protagonisten

Christoph Spycher, CSO Young Boys

Christian Constantin, Präsident FC Sion

Andras Gurovits, Vizepräsident GC Zürich

Bernhard Burgener, Präsident FC Basel

Bob Ratcliffe, CEO Lausanne-Sport

Ancillo Canepa, Präsident FC Zürich

Matthias Hüppi, Präsident FC St. Gallen

Barthélémy Constantin, Sportchef FC Sion

Alain Sutter, Sportchef FC St. Gallen

Markus Lüthi, Präsident FC Thun

Angelo Renzetti, Präsident FC Lugano

Bernhard Heusler, versch. Beratungsmandate

Konferenzraum im Hotel «La Porte d’Octodure» in Martigny. Im Hintergrund das Tourbillon angedeutet, ruiniert, zerfallen. Auch das Zimmer einigermassen verwahrlost. Dunkler, hässlich gepunkteter Teppich und schwere dunkelrote Vorhänge. An den Wänden alte Bravo-Sport-Poster (Gattuso, Gekas). Mit hölzernen Schreibtischen ein Kreis gebildet, die Sitze im Abstand von zwei Metern. Darauf mit kindlicher Handschrift verfasste Namenstäfelchen, Desinfektionsmittel, Weisswein. Das Täfelchen mit der Aufschrift «C. Constantin» an einem Tisch etwas abseits. Dahinter ein goldener Thron. Stampfende Geräusche von eintretenden Männern von über fünfzig Jahren. Es wird durcheinandergeredet.

SPYCHER aufmerksam
Wo sind denn die FCL-Leute?

CONSTANTIN nebensächlich
Alpstaeg wollte eigentlich kommen. Aber nur, wenn Sawiris nicht kommt. Und Sawiris wollte kommen, wenn Alpstaeg nicht kommt. Nun ist ein Vertreter unterwegs.

GUROVITS heimlich zu Hüppi
Wie lange hat Peter Zeidler eigentlich noch Vertrag?

CONSTANTIN räuspernd
Nun ja. Vor dem entscheidenden Treffen am Freitag will ich nochmals mit euch reden. Ohne diese unfähigen Ligachefs.

SPYCHER besserwisserisch
Aber spricht bitte nicht mit den Medien über unser Treffen. In Ordnung?

CONSTANTIN amüsiert
Aber natürlich.

BURGENER auf das Handy an seinem Ohr deutend und flüsternd
Ich muss auflegen. Rufe dich nach der Sitzung zurück. Nein, keinen Fotografen schicken, das wäre zu auffällig. Okay, bis nachher.

BURGENER beschwichtigend
Das war der Karli, sorry.

CONSTANTIN bestimmt
Ich bin der Meinung, wir sollten die laufende Meisterschaft abbrechen und die neue mit zwölf Mannschaften starten.

RATCLIFFE mit englischem Akzent
Oder wir spielen fertig und stocken dann die Liga auf.

Canepa bläst Zigarrenrauch in die Runde.

SPYCHER gewissenhaft
Wir haben eine Aufstockung eben erst abgelehnt. Zudem müssen wir die Verträge mit den Fernsehsendern einhalten. Wir können die Super League nicht einfach auf zwölf Mannschaften aufstocken.

CONSTANTIN unschuldig
Warum nicht? Mit den zusätzlichen Spielen einer Zwölferliga können wir die ausgefallenen Spiele dieser Saison mehr als kompensieren. Hüppi spricht mit dem Schweizer Fernsehen …

HÜPPI sportpanoramisierend
Das ist eine super Idee, Christian!

CONSTANTIN ballt die Faust
… und ich mit Teleclub.

ALLE überrascht
Warum du?

CONSTANTIN schelmisch
Ich spreche mit Fringer, der wird schon einverstanden sein.

Sohn von Constantin klopft an die Tür, tritt ein.

DER SOHN flehend
Papa, kann ich den Privatjet haben?

CONSTANTIN wütend
Für was denn schon wieder?

DER SOHN geschäftstüchtig
Für Vertragsverhandlungen mit einem Spieler.

CONSTANTIN streng
Wen?

DER SOHN fröhlich
Kuzmanovic. Stuttgart, Florenz, Inter, Malaga. Quel bon joueur!

CONSTANTIN versöhnlich
Meinetwegen.

Sohn ab.

SUTTER nachdenklich
Ich finde, wir sollten die Saison abbrechen. Wir können momentan nicht spielen. Fussballer sind Menschen, das geht zu schnell vergessen.

LÜTHI philosophisch
Interessant, wirklich interessant.

HÜPPI verrückt lachend, linkes Auge zuckt
Der Alain wieder mit seinen Witzchen.

BURGENER lässig
Seich. Wir können problemlos wieder ins Stadion und Fussball spielen. James Bond sagt es: No time to die.

SPYCHER besserwisserisch
Und Daniel Koch vom BAG verkündete, dass wir womöglich schon im Juli vor Publikum spielen könnten.

LÜTHI kritisch
Aber wir dürfen sicher nicht das ganze Stadion füllen.

CANEPA lachend Richtung Gurovits
Das wäre für uns ein grosses Problem, gäl Andras?

GUROVITS unsicher
Da muss ich Erich fragen.

Alle verdrehen die Augen.

BURGENER verzweifelt
Dann spielen wir halt woanders. Wir brauchen die zahlende Kundschaft, ähm, Fans.

LÜTHI melancholisch
Und wo sollen wir spielen?

BURGENER angeblich scherzhaft
Ich dachte an Indien.

ALLE schockiert
Was?

BURGENER kleinlaut
Nichts, nichts.

RENZETTI trotzig
Ich glaube jedenfalls nicht, dass wir im Tessin spielen können.

HÜPPI hoffnungslos euphorisch
Ihr könnt wieder in St. Gallen spielen, in unserem wunderschönen Kybunpark. Wisst ihr, eine grün-weisse Welle schwappt über die Ostschweiz.

CONSTANTIN herrisch
Aufhören! Der FC Sion wird nicht antreten, wenn die Meisterschaft fortgesetzt wird.

CANEPA witzelnd
Ihr habt sowieso keine Spieler mehr.

CONSTANTIN bedrohlich
Aber viele Anwälte.

Alle schweigen.

CONSTANTIN zufrieden
Also, die Saison wird abgebrochen. Wie werten wir die laufende Meisterschaft?

SPYCHER eilig
Wir sollten das Klassement zur Saisonhälfte nehmen. Weil zur Saisonhälfte jeder zweimal gegen jeden gespielt hatte. Das ist fair.

LÜTHI protestierend
Sicher nicht! Nur weil ihr dann Meister wärt.

SPYCHER singt verträumt
Irgendwenn weisch genau, wo de häre ghörsch.

HÜPPI entsetzt
Das wäre eine Frechheit.

CANEPA erbost
Ein Witz!

Heusler stürmt auf die Bühne. Trägt Massanzug und einen eindrucksvollen Aktenkoffer. Setzt sich auf den verwaisten Stuhl. Entnimmt dem Aktenkoffer Ordner und Taschenrechner, kostet schliesslich die Spannung aus.

HEUSLER charismatisch
Entschuldigen Sie bitte, meine Herren. Weil sich Herrn Alpstaeg und Herrn Sawiris, naja, nicht immer ganz einig sind, bin ich nun hier.

Alle skeptisch.

HEUSLER sehr charismatisch
Ich schlage vor, wir spielen die laufende Saison fertig. Der FC Sion muss nicht antreten, steht dafür aber im Cupfinal. Thun und Xamax steigen nicht ab, weil die Super League in der kommenden Spielzeit aus zwölf Teams besteht. Lausanne und GC steigen auf. Wir führen die Final- sowie Auf- und Abstiegsrunde wieder ein. Die Challenge League wird ebenfalls auf zwölf Mannschaften aufgestockt. Entweder durch Teams, die klagen. Oder U21-Mannschaften von Super-League-Teams. So ist der Sprung zwischen U21- und A-Team nicht mehr so gross. Der Schweizer Fussballverband richtet ein Fond ein, um die Challenge League während den ersten Jahren finanziell zu unterstützen. Damit sie den Übergang schafft. Ich kandidiere als Ligapräsident. Noch Fragen?

Alle jubeln.

Heusler ab.