WM-Quali 2022
Der beschwerliche Weg an die WM 2022 – die grösste Prüfung, seit Vladimir Petkovic Nationaltrainer ist

Die Schweiz trifft in der Qualifikation für die WM 2022 auf Italien, Nordirland, Bulgarien und Litauen. Die direkte Qualifikation ist schwierig. Und doch kann die Schweiz mehr gewinnen als verlieren. Eine Analyse.

Etienne Wuillemin
Etienne Wuillemin
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Zuversichtlich im Hinblick auf die WM-Qualifikation 2022 - Vladimir Petkovic

Zuversichtlich im Hinblick auf die WM-Qualifikation 2022 - Vladimir Petkovic

KEYSTONE/ALEXANDRA WEY

Italien, Nordirland, Bulgarien und Litauen. So heissen die Schweizer Gegner in der Qualifikation für die WM 2022 in Katar. Der erste Gedanke ist kein guter: Weil sich nur der Gruppensieger direkt für die WM qualifiziert, wird die Reise für die Schweiz beschwerlich. Warum? Weil mit Italien ein Gegner im Weg steht, der nach einigen schwarzen Jahren auferstanden ist.

Aber «unmöglich»? Es ist ein Wort, das im Vokabular von Vladimir Petkovic nicht existiert. Der Nationaltrainer sagt in einer ersten Reaktion: «Italien ist der Favorit. Aber wir sind auch genug gut, um mitzuhalten.» Captain Granit Xhaka gar: «Wir müssen uns überhaupt nicht verstecken. Wir haben in den letzten Jahren bewiesen, dass wir gegen alle grossen Mannschaften punkten können. Ich bin überzeugt, dass wir eine gute Kampagne spielen werden und uns direkt qualifizieren können.»

Es sind forsche Ansagen. Ansagen, die ab März 2021, wenn die WM-Qualifikation beginnt, auf dem Prüfstand stehen. Eines ist jetzt schon klar: Die Spiele im Hinblick auf Katar werden die grösste Prüfung für die Nati, seit Petkovic im Sommer 2014 übernommen hat. Sollte es am Ende nur zu Rang 2 reichen, folgt eine komplizierte Barrage. Gegen Nordirland reichte es 2017 noch, sich via Hin- und Rückspiel an die WM zu spielen. Nun wären in einem Finalturnier zwei Siege gegen zwei Gegner nötig.

Siege gegen Italien? Die Schweiz ist zu wenig gefestigt, als dass man dies erwarten dürfte

So richtig weiss man immer noch nicht, was man von der Ausgabe 2020 der Nationalmannschaft halten soll. In sieben Spielen gelang der Schweiz kein einziger Sieg auf dem Rasen. Einzig das 3:0-Forfait – das vom internationalen Sportgerichtshof noch bestätigt werden muss – rettete Petkovic und sein Team vor dem Abstieg in die Liga B der Nations League.

Gleichzeitig errangen die Schweizer in den Vergleichen mit Deutschland und Spanien aber drei Unentschieden. Und jedes Mal blieb die Erkenntnis, dass eigentlich mehr möglich gewesen wäre. Die Frage ist also: Gelingt es den Schweizern tatsächlich, ihre Lehren aus diesen Erlebnissen zu ziehen? Und in entscheidenden Spielen einen Brocken wie Italien auch zu besiegen? Es wäre eine grosse Leistung. Aber Siege gegen Italien zu erwarten, wäre vermessen. Dafür ist die Schweiz noch zu wenig gefestigt.

Nachdem die Italiener die WM 2018 verpasst hatten, kam es zum Neuanfang unter Roberto Mancini. Und seither geht es aufwärts. In der EM-Qualifikation blieb die «Squadra Azzurra» makellos, in diesem Herbst spielte sie sich ohne Niederlage ans Finalturnier der Nations League. Es stechen nicht einzelne Superstars heraus.

Die Namen der Stunde heissen Verratti, Jorginho, Barella oder Immobile. Derweil halten die reichlich mit Erfahrung gesegneten Chiellini und Bonucci noch immer die Abwehr zusammen. Und das starke Gerüst wird von mehreren starken jungen Spielern ergänzt, die schon viel mehr als bloss Talente sind.

Erinnerungen an 1993: Marc Hottiger schiesst die Schweiz zum Sieg gegen Italien. Es ist der letzte Erfolg gegen unsere südlichen Nachbarn bis heute.

Erinnerungen an 1993: Marc Hottiger schiesst die Schweiz zum Sieg gegen Italien. Es ist der letzte Erfolg gegen unsere südlichen Nachbarn bis heute.

Keystone

Auf der Gegner-Wunschliste der Schweizer stand Italien bestimmt nicht zuoberst. Aus 58 Vergleichen resultierten erst acht Schweizer Siege, der letzte im Mai 1993. Vielleicht hilft ja die Erinnerung daran. Jenes 1:0, erzielt von Marc Hottiger, war einer der Schlüssel zur Teilnahme an der WM 1994, der ersten nach 28 Jahren. Das letzte Duell Schweiz – Italien fand 2010 in Genf statt, endete 1:1. Nun werden im Jahr 2021 gleich drei folgen.

Weil die beiden Länder auch an der EM aufeinandertreffen. «Italien? Da haben die Leute den Fussball im Blut. Sie leben ihn, das spürt man jeden Tag, spätestens wenn man den Fernseher anstellt», sinniert Petkovic noch. Die Aufgabe ist für ihn, der den Fussball unseres südlichen Nachbarn so schätzt, der zuvor bei Lazio Rom gewirkt und den Cup gewonnen hatte, besonders reizvoll.

Die Frage, wie sehr sich der Absturz in der Weltrangliste rächt

Die weiteren Gruppengegner der Schweiz sind zwar tückisch. Vor allem das nächste Aufeinandertreffen mit Nordirland, dem Barrage-Gegner von 2017, weckt zwiespältige Erinnerungen, die Pfiffe des Schweizer Publikums gegen Haris Seferovic sind noch immer nicht ganz verhallt. Und trotzdem darf man von diesem Nationalteam erwarten, dass es diese Aufgaben souverän bewältigt. Bulgarien hat den Nimbus von einst längst verloren. Und Litauen, eine Hochburg des Basketballs, spielt in Europas Fussballelite seit jeher keine Rolle.

Aber eben: Es bleibt die Frage, ob sich der Absturz der Schweizer in der Weltrangliste, der dazu führte, dass sie aus dem ersten Lostopf gefallen sind, jetzt rächt. Weil die Hürde Italien zu hoch ist. Doch vermutlich kommt ­Petkovic die Ausgangslage sogar ein bisschen entgegen. Denn anders als in den letzten Qualifikationen kann die Schweiz nicht viel verlieren. Dafür sehr viel gewinnen.

Das sagt der Nati-Trainer zur Auslosung:

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