DENKWÜRDIG: «Ein Sport für verrückte Leute»

Jahrhundertspiel, grösstes Comeback der Geschichte, Fussballwunder – als erstem Verein in der Geschichte des Europacups ist es dem FC Barcelona gelungen, ein 0:4 aus dem Hinspiel wettzumachen.

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Jubel bei den Spielern des FC Barcelona: Drei Tore in den letzten sieben Minuten des Spiels brachten die Wende. (Bild: Quique Garcia/EPA)

Jubel bei den Spielern des FC Barcelona: Drei Tore in den letzten sieben Minuten des Spiels brachten die Wende. (Bild: Quique Garcia/EPA)

Als das vielleicht grösste Wunder der Fussballgeschichte perfekt war, brachen im Camp Nou von Barcelona alle Dämme. Lionel Messi stürzte sich entrückt in den Fanblock, Trainer Luis Enrique rutschte ekstatisch jubelnd auf dem Hosenboden über den nassen Rasen, 96 290 Zuschauer hüpften, schrien und weinten vor Glück. «Die Spitäler sollten Hebammen einstellen», sagte Barcelonas Gerard Piqué nach dem ebenso historischen wie verrückten 6:1 (2:0) gegen Paris St-Germain, «heute Nacht werden die Menschen ganz viel Liebe machen.»

Dieses Achtelfinalrückspiel der Champions League wird als Jahrhundertspiel in die Annalen eingehen, als denkwürdigste aller Fussballnächte. «Nach dem 0:4 im Hinspiel», sagte der stolze Katalane Piqué, «wollten uns viele Leute schon beerdigen. Irgendwann wird diese Generation tatsächlich einmal abdanken, aber bis dahin werden wir kämpfen.» Enrique, der wenige Tage nach dem Debakel von Paris seinen Abschied zum Sommer bekanntgegeben hatte, wähnte sich «wie in einem Horrorfilm» – mit glücklichem Ende. «Das ist ein Sport für verrückte Leute», sagte er ungläubig, «echt für Verrückte. Jedes Kind, das im Camp Nou war, wird sich daran für den Rest seines Lebens erinnern.» Vier Tore hatte in der Königsklasse nie zuvor eine Mannschaft aufgeholt. «So werden epische Comebacks geschrieben», sagte Enrique.

Ein Abend der vielen Geschichten

«Das ist das beste Spiel, das ich jemals gemacht habe», sagte Neymar. Der 25-jährige Brasi­lianer feierte hüpfend auf den Strassen der Stadt und mit dem mehrfachen Formel-1-Weltmeister ­Lewis Hamilton. In diversen TV-Studios weltweit rasteten derweil ungläubige Experten aus.

Es war ein Abend vieler kleiner Heldengeschichten. Wie der von Barcelona-Goalie Marc-André ter Stegen, der stark hielt und vor dem 6:1 den entscheidenden Freistoss herausholte. «Mir fehlen ein bisschen die Worte», sagte er nach dem «emotionalen Ende einer hart umkämpften Partie, das ist unglaublich, sehr gross». Oder wie der von Roberto, der im 35. Spiel der Saison erstmals traf. «Diesen Moment werde ich nie vergessen», sagte er. Und inmitten all des Irrsinns versöhnten sich Messi und Enrique mit einer innigen Umarmung.

Es war auch der Abend des deutschen Schiedsrichters Deniz Aytekin, der das Wunder mit mehreren zweifelhaften Entscheidungen mit ermöglichte. «Wir dürfen nicht dem Schiedsrichter die Schuld geben», betonte jedoch Paris’ Captain Thiago Silva, «wir waren es, die versagt haben.» Nicht auszuschliessen ist, dass Trainer Unai Emery das laut «L’Équipe» «historische Schiffswrack Paris St-Germain» im Sommer schon wieder verlassen muss. Clubchef Nasser Al-Khelaifi vermied ein Bekenntnis: «Ob er noch haltbar ist? Das ist nicht der Moment, um darüber zu sprechen», sagte er. (sid)