Delikate Situation um Lucien Favre

Lucien Favre, vor wenigen Wochen noch der Trainer-Gewinner der letzten Bundesliga-Saison, steckt mit Borussia Mönchengladbach am Tabellenende fest. Die Situation ist delikat.

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Tief in der Krise: Lucien Favre, Trainer von Borussia Mönchengladbach. (Bild: Keystone)

Tief in der Krise: Lucien Favre, Trainer von Borussia Mönchengladbach. (Bild: Keystone)

Droht nun also tatsächlich der nächsten Borussia ein monumentaler Absturz? Dortmund leistete sich vor einem Jahr während Monaten einen Totalausfall, am Niederrhein bahnt sich eine ähnliche Krise an. Der BVB driftete als Klub mit höchsten europäischen Ambitionen ans Ende der Tabelle ab, Mönchengladbachs steiler Abwärtstrend kommt ausgerechnet im Sommer nach der besten Saison seit dem legendären Fohlen-Spektakel in den goldenen Siebzigerjahren.

Acht Gegentore
In Bremen entglitt Favres Auswahl zum zweiten Mal in Folge ein 1:1. Wie schon gegen Dortmund und Mainz verteidigte die Nummer 3 der letzten Saison suboptimal. In den ersten 270 Meisterschaftsminuten handelte sich die Borussia acht Gegentore ein, nur zwei weniger als in den 17 Spielen vor der Sommerpause. Sie erspielte sich zwar in zwei von drei Partien deutlich mehr Ballbesitz, aber die Bilanz der Torschüsse wirft Fragen auf: 29:53. Ihr Kreislauf funktioniert nicht, Leader wie Granit Xhaka sind vorwiegend mit eigenen Schwankungen beschäftigt. Die defensive Balance − ein Prunkstück der letzten 24 Monate − ist wie weggeblasen.

Für die «Bild-Zeitung» steht deshalb frühzeitig fest: «Gladbach steckt tief in der Krise.» Mit Nachdruck listete das einflussreichste deutsche Organ die harten Fakten auf: «Schlechtester Gladbach-Start aller Zeiten.» Die mit Abstand beste Elf der letzten Rückrunde ist punktelos. Was ist bloss los? Auch die «Rheinische Post» forschte vergeblich nach den Ursachen: «Die Leichtigkeit aus dem Mai ist ernüchternder Tristesse gewichen.» Der «Tagesspiegel» nimmt vor allem «die beängstigenden Ausmasse» wahr.

Die Aussenwahrnehmung ist mit der Sichtweise der verlierenden Beteiligten kongruent. Die Anspannung ist greifbar. Sportchef Max Eberl war nicht nur der drückenden Bremer Hitze wegen schweissnass. Er versuchte die schmerzhafte Null gleichwohl zu relativieren. Sie würden «für Kleinigkeiten» hart bestraft. Granit Xhaka trat vor den deutschen Reportern weniger diplomatisch auf. Mindestens so sehr wie über seine umstrittene gelb-rote Karte (wegen einer Schwalbe des Bremer Captains Fritz) ärgerte sich der Schweizer über den gegenwärtigen Zustand der Equipe: «Wir sind Fussballer und müssen wach sein.»

Favres warnende Hinweise
Mit einem Fehlstart dieser Dimension hatte kein einziger Bundesliga-Experte gerechnet. Seit Lucien Favre das Team im Februar 2011 am Abgrund übernommen hat, ging es nahezu ausnahmslos in eine Richtung: steil nach oben. Ein Bestwert folgte der nächsten Topmarke. Massenhaft Zuschauer, während drei von fünf Spielzeiten unter Favre über 50'000 im Schnitt, Serien aus der Weisweiler-Epoche wurden gebrochen, englische Kommentatoren entwarfen für den Zauber des deutschen Emporkömmlings den Superlativ der Wertschätzung: «Borussia Barcelona!»

Der Westschweizer Coach freute sich über die Komplimente. Aber gleichzeitig trat er eher mehr als weniger auf die Euphoriebremse. Für ihn war der Aufschwung nie selbstverständlich. Bei jeder Gelegenheit platzierte der Romand den warnenden Hinweis, dass die Substanz der Borussia nach wie vor nicht zu vergleichen sei mit den Tenören der Liga. Nicht wenige überhörten, wenn er Sätze wie diesen sagte: «Es gibt nicht nur die Bayern oder Dortmund. Denken Sie auch an Leverkusen, Schalke oder Wolfsburg. Von solchen Konkurrenten sind wir im Prinzip weit entfernt.»

Im Frühling, quasi auf dem Höhepunkt seiner bisher viereinhalbjährigen Amtszeit, am Tag der ersten Qualifikation für den wichtigsten europäischen Klubwettbewerb, entgegnete er der anschwellenden Erwartungshaltung: «Sie träumen.» Favre erblasste damals angesichts des grenzenlosen Jubels fast. Die Fans bliesen zur Jagd auf die Bayern, Favre, mit 226 Bundesliga-Einsätzen einer der erfahrensten Strategen der Branche, rechnete hingegen schon vor ein paar Monaten nicht mit einer problemlosen Fortsetzung der Festspiele: «Wir verlieren zwei deutsche A-Nationalspieler. Das sagt alles.»

Christoph Kramer und Max Kruse verliessen den Klub im Sommer nicht überraschend. Favre verlor wie vor drei Jahren (Reus, Dante und Neustädter) mehrere Schlüsselfiguren. Im Fall von Kramer zeichnete sich die vertraglich vereinbarte Rückkehr zu Bayer Leverkusen frühzeitig ab, der Verkauf von Kruse (zu Wolfsburg) kam zwar überraschender, war wegen einer Ausstiegsklausel zu verhältnismässig tiefen Konditionen (zwölf Millionen Euro) aber scheinbar ebenso wenig zu verhindern.

Auf die beträchtlichen personellen Einbussen reagierte Sportchef Max Eberl zwar, verhielt sich aber speziell bei den Bemühungen zur Besetzung der massgeblichen zweiten Sechser-Position neben dem gesetzten Schweizer Granit Xhaka eher unvorteilhaft. Der von Hannover engagierte Mittelfeldspieler Lars Stindl entspricht so gar nicht dem Profil Kramers, der Kilometer abspulte und Xhakas Risikobereitschaft perfekt abfederte.
Und Josip Drmic, im Angriff der eigentliche Hoffnungsträger, für den die Borussia einen zweistelligen Millionenbetrag an die Bayer-Zentrale überwiesen hat, ist seit seiner Ankunft nur eine teure Schattenfigur. Nach dem 0:4 in Dortmund entzog ihm Favre schon einmal (vorübergehend?) das Vertrauen. Seit jener Blossstellung gewährte ihm der Trainer nur noch 18 Einsatzminuten.

Keine Kurskorrektur geplant
Auf eine qualitative Aufstockung des Kaders verzichtete der Klub. Vom Zukauf von Routine sahen die Taktgeber ab, obschon sich wegen der medizinisch bedingten Ausfälle der beiden Innenverteidiger Martin Stranzl und Alvaro Dominguez eine heikle Situation abzeichnete. Stattdessen investierte Eberl in die ferne Zukunft − beispielsweise in die beiden Zürcher Nico Elvedi (18) und Djibril Sow (18) oder den dänischen U21-Internationalen Andreas Christensen. Doch weder die früheren FCZ-Junioren noch die Chelsea-Leihgabe sind geeignet, die schweren Turbulenzen der Gegenwart einzudämmen.

Eine womöglich kostenintensive Kursänderung im Sinne und zu Gunsten von Favre hat die Führungsetage offenbar nicht vor. Derweil die übrigen international engagierten Bundesligisten aktiv auf dem europäischen «Mercato» mitmischen und die englischen Störmanöver mit Reinvestitionen kontern, verwaltet Eberl nur. Für einen Klub, der in der Ära Favres den Umsatz innert vier Jahren um 80 Prozent auf die Rekordhöhe von 130 Millionen Euro steigerte und den letzten Jahresgewinn (12,8 Millionen) dank der erstmaligen Champion-League-Einnahmen weiter kräftig anheben wird, ist die passive Markthaltung erstaunlich.

Bei der Abwägung der Risiken ist keine einheitliche Linie mehr erkennbar. Die angezählten Fohlen wirken zumindest ansatzweise orientierungslos. Die Momentaufnahme ist unschön bis beunruhigend. Das nächste Heimspiel gegen den HSV ist richtungsweisend. Die Champions-League-Premiere thematisiert vorderhand niemand mehr. Kein gutes Zeichen. (sda)