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Déjà-vu für die Franzosen

Frankreich will 20 Jahre nach dem einzigen WM-Titel wieder auf den Thron zurück. Der damalige Captain Didier Deschamps muss als Trainer aber zuerst einige Unruhen bewältigen – vor allem um Paul Pogba.
Raphael Gutzwiller
Didier Deschamps (Vierter von links): 1998 als Spieler mit Frankreich Weltmeister – 20 Jahre später als Trainer mit Frankreich Weltmeister? (Bild: Nolwenn Le Gouic/Getty (Paris, 10. Juni 2016))

Didier Deschamps (Vierter von links): 1998 als Spieler mit Frankreich Weltmeister – 20 Jahre später als Trainer mit Frankreich Weltmeister? (Bild: Nolwenn Le Gouic/Getty (Paris, 10. Juni 2016))

Es war ein Moment für die Ewigkeit: Als am 12. Juli 1998 der französische Captain Didier Deschamps im Stade de France den Pokal des Weltmeisters in die Höhe reckte, war Frankreich dort angelangt, wo es sich selber sieht: zuoberst.

20 Jahre später zählt Frankreich wieder zu den grossen Titelfavoriten, ist gemessen am talentierten Kader wohl sogar Kronfavorit. Und wie schon 2014 in Brasilien und 2016 an der Heim-EM steht der ehemalige Weltmeister-Captain Deschamps an der Seitenlinie. Der Nationaltrainer kann auf eine beeindruckende Mannschaft zurückgreifen und insbesondere in der Offensive aus dem Vollen schöpfen. Für «Les Bleus» stürmen etwa die Supertalente Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé oder Thomas Lemar, dazu kommen Atlético-Star Antoine Griezmann und Chelsea-Angreifer Olivier Giroud. Im Schnitt hat ein französischer Internationaler einen Marktwert von rund 50 Millionen Franken, ein Stammspieler 60 Millionen.

Über die fussballerische Klasse herrscht Einigkeit: Frankreich hat eine der talentiertesten Nationalmannschaften seiner Geschichte. Dennoch gibt es Negativstimmen über das Team. Wie so oft ist es unruhig im Umfeld der Franzosen. Da war zuerst der Skandal um Paris-Mittelfeldspieler Adrien Rabiot. Anders als die meisten Nationalmannschaften hatte Deschamps sogleich das definitive 23-Mann-Kader bekanntgegeben. Daneben veröffentlichte er eine 11-Mann-Liste mit Spielern, die sich fit halten und auf Abruf bereitstehen sollten. Für Rabiot kam das aber nicht in Frage. In einem E-Mail tat der 23-Jährige dem Nationaltrainer seinen Unmut kund und schrieb, dass er für die WM nicht zur Verfügung stehe. Der Nationaltrainer nannte das Mail «einen grossen Fehler».

Pfiffe gegen Paul Pogba

Nur wenige Tage später gab es erneutes Ungemach. Beim Testspiel gegen Italien letzten Freitag (3:1) wurden Paul Pogba sowie Florian Thauvin von den eigenen Fans in Nizza ausgepfiffen. Während Thauvins Pfiffe vor allem deshalb erfolgt waren, weil er für Olympique Marseille spielt, haben die Pfiffe gegen Pogba eine tiefere Bedeutung. Erneut war er gegen Italien weniger positiv in Erscheinung getreten, als es die Fans von ihm erwarten. Zudem sagte er in einem Interview gegenüber Canal + ein bisschen sehr selbstbewusst: «Ich war der beste Rookie bei der WM 2014. Ich hoffe, dass ich diesmal der beste Spieler sein werde.» Solche Aussagen machen Pogba in Frankreich unbeliebt, vor allem da er an der Heim-Euro 2016 mit einer abschätzigen Geste beim 2:0-Sieg gegen Albanien bereits den Unmut auf sich gezogen hatte. Nun will Pogba sein Image korrigieren. Gegenüber «France Football» sagte er: «Ich werde oft kritisiert von Menschen, die mich nicht kennen. Sie sehen mich von aussen und denken, ich sei arrogant, aber das stimmt nicht.» Auf seine Position bezogen meinte er: «Ich bin eine Acht, werde aber beurteilt, als wäre ich ein Spielmacher. Dass ich mehr kritisiert werde als andere Spieler, habe ich akzeptiert, ich sehe es als Herausforderung.»

Unruhen im französischen Team sind ein Déjà-vu. Unvergessen ist der Skandal an der WM 2010 in Südafrika. Stürmer Nicolas Anelka hatte den damaligen Nationaltrainer Raymond Domenech mit nicht jugendfreien Worten beleidigt, Captain Patrice Evra liess den «Verräter» suchen, der die Anelka-Entgleisung den Medien gesteckt hatte. Anel­ka musste vor dem letzten Spiel gegen Südafrika abreisen, deshalb weigerte sich das Team, zu trainieren. Frankreich schied mit nur einem Punkt bereits in der Gruppenphase aus. Das Standing der «Equipe Tricolore» war in der Folge auf dem Tiefpunkt angelangt, man hatte sich vom einstigen Weltmeister entliebt. Als arrogante Schnösel wurden die Spieler bezeichnet, Aussenminister Bernard Kouchner nannte das Team «eine Karikatur Frankreichs», Ex-Weltmeister Bixente Lizarazu verglich den Auftritt mit einem «Irrenhaus».

Doch die Sorge, dass sich in diesem Jahr Ähnliches ereignen könnte, ist unbegründet. Zu angesehen ist Didier Deschamps bei den Spielern im Vergleich zum damaligen Trainer Raymond Domenech. Zwar besitzt der wohlüberlegte Deschamps nie die Strahlkraft eines Zinédine Zidane, wird aber von den meisten Franzosen für seine Leistungen als Weltmeister 1998 und Europameister 2000 respektiert. Zudem hat er das französische Team nach seiner Übernahme 2012 wieder aufgebaut, führte es 2016 an der Heim-EM immerhin in den Final.

Selbst die B-Elf wäre ein Titelkandidat

Wer Nationaltrainer Frankreichs ist, wird dennoch oft kritisiert. Staatspräsident Emmanuel Macron meinte kürzlich, er wisse nicht, ob er oder Deschamps einen schwierigeren Job hätte. Beim ehemaligen Weltmeister-Captain heisst es, er sei zu konservativ und lasse seine riesigen Talente zu selten spielen. Selbst Paris-Supertalent Kylian Mbappé darf nicht immer ran. Zudem sei auch nach vier Jahren noch keine klare spielerische Handschrift zu erkennen. Doch Deschamps hat es geschafft, wieder Ruhe einkehren zu lassen in der Mannschaft. Das zeigte sich nach den Pfiffen gegen Pogba, als selbst Konkurrent Corentin Tolisso die Fans stark kritisierte.

Dazu hat Deschamps schwierige Entscheidungen getroffen, er sortierte etwa Karim Benzema (Real Madrid) aus, einen der Beteiligten des Streiks in Südafrika. Deschamps’ Personalentscheide sorgen auch sonst immer mal wieder für Diskussionen. Dies überrascht bei dem Überangebot an guten Fussballern jedoch nicht: Selbst ein Team mit den Spielern, die es nicht ins Kader geschafft haben, würde zu den Favoriten zählen: Neben Benzema und Rabiot fehlen in Russland unter anderem Coman (Bayern München), Lacazette (Arsenal), Martial (Manchester United) und Sissoko (Tottenham).

Wer solche Spieler zu Hause lassen kann, muss ein unglaubliches Team zur Verfügung haben. Trotzdem stapelt Deschamps tief, Deutschland, Brasilien und Spanien seien die Favoriten, sie hätten Teams mit grösserer internationaler Erfahrung. «Da sind wir noch weit hinterher.» Auf die Frage, ob er eine Ansammlung Weltklassespieler oder ein Team habe, meinte er: «Meine jungen Spieler haben noch mangelnde Erfahrung. Sie sind teilweise teuer verkauft worden, aber sie sind noch keine Führungsspieler.» Trotzdem: Wenn am 15. Juli der WM-Final abgepfiffen wird, erwartet ganz Frankreich, dass Deschamps die Trophäe in die Höhe reckt – nach 20 Jahren und drei Tagen erneut. Dieses Déjà-vu würde den Franzosen gefallen.

Frankreich

Einwohner: 67 Millionen
Weltrangliste: 7
WM-Teilnahmen: 15
WM-Titel: 1 (1998)
Gründung Verband: 1887
Beitritt zur Fifa: 1904

Besonderheit

In Paris gibt es eine grosse Anhängerschaft des Schwarzfahrens in öffentlichen Verkehrsmitteln. So gross, dass sie sich organisiert und gegenseitig untereinander versichert hat: Alle zahlen monatlich etwas in einen gemeinsamen Topf ein, aus dem Geldbussen der «Versicherungsnehmer» finanziert werden.

Kader

Torhüter: Lloris (Tottenham), Mandanda (Marseille), Areola (Paris).

Verteidiger: Hernández (Atlético Madrid), Kimpembe (Paris), Mendy (Manchester City), Pavard (VfB Stuttgart), Rami (Marseille), Sidibe (Monaco), Umtiti (Barcelona), Varane (Real Madrid).

Mittelfeld: Kanté (Chelsea), Matuidi (Juventus), N’Zonzi (FC Sevilla), Pogba (Man. United), Tolisso (Bayern).

Stürmer: Dembélé (Barcelona), Fekir (Lyon), Giroud (Chelsea), Griezmann (Atlético Madrid), Lemar (Monaco), Mbappé (Paris), Thauvin (Marseille).

Trainer: Didier Deschamps.

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