Boxen
David Haye: Ein böser Bube aus Kalkül

Gjergjaj-Gegner David Haye hat als Boxer auch darum Erfolg, weil er die Regeln des Showbusiness kennt.

Simon Steiner
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Diese zwei Herren werden sich am 21. Mai vor 20000 Zuschauern in London auf die Mütze geben: David Haye (links) und Arnold Gjergjaj. ZVG

Diese zwei Herren werden sich am 21. Mai vor 20000 Zuschauern in London auf die Mütze geben: David Haye (links) und Arnold Gjergjaj. ZVG

Kevin Quigley

Soll keiner sagen, dieser Mann wisse sich nicht zu verkaufen. Natürlich hat David Haye die Aufmerksamkeit auf sich, als er sich 2008 für das Magazin «Men’s Health» in einer Fotomontage inszenieren lässt, mit dem abgetrennten Kopf von Wladimir Klitschko in der Hand.

Haye hält zu diesem Zeitpunkt die WM-Titel von drei Box-Weltverbänden im Cruisergewicht – und holt aus zum Wechsel in die Königsklasse, indem er die damaligen Schwergewichts-Champions, die Brüder Klitschko, mit Provokationen zum Duell auffordert.

Damit ist Haye quasi der Gegenentwurf zu den beiden Ukrainern, die das Schwergewicht über Jahre dominiert haben. Treten Vitali und Wladimir Klitschko als Gentlemen der Szene auf, gebärdet sich der Brite ganz in der Tradition von Mike Tyson als grossmauliger Prolet, der vor keinem verbalen Tiefschlag zurückschreckt und sein Selbstbewusstsein so offensiv zur Schau stellt, dass er fast zu platzen scheint.

Diese Rolle mag in seiner Natur liegen, vor allem aber hat Haye begriffen, dass die Boxwelt mindestens so sehr den Regeln des Showbusiness gehorcht wie jenen des Sports. Und dass es das Publikum mag, wenn einer den bösen Buben spielt. Denn so böse ist er im Grunde gar nicht.

Im Londoner Stadtteil Bermondsey als Sohn eines jamaikanischen Vaters und einer englischen Mutter in einfachen, aber geordneten Verhältnissen aufgewachsen, träumt Haye schon als Dreijähriger vom Weltmeistertitel im Schwergewicht. Mit 10 schlägt er Gleichaltrige reihenweise k. o., vier Jahre später boxt er gegen 30-Jährige. Mit 22 wird er Profi.

Die geköpften Klitschkos

Zum Duell mit den Klitschkos kommt es zunächst nicht, obwohl die Brüder den Fehdehandschuh bald aufnehmen. Haye lässt 2009 beide Kämpfe platzen. In mehreren Pressekonferenzen tritt er in einem T-Shirt auf, das ihn in Siegerpose mit den blutigen Köpfen der Klitschkos in der Hand zeigt.

Den Titelkampf gegen Wladimir sagt er dann aber ab – offiziell wegen einer Rückenverletzung. Das geplante Duell mit Vitali scheitert daran, dass man sich nicht auf einen Vertrag einigen kann.

Dennoch erfüllt sich Haye noch im selben Jahr den Traum vom Schwergewichts-Titel. Am 7. November 2009 besiegt er WBA-Weltmeister Nikolai Walujew in Nürnberg nach Punkten – in einem Kampf zweier äussert ungleicher Gegner.

Mit viel Laufarbeit umtanzt der athletische Brite den 20 cm grösseren und 45 kg schwereren Kontrahenten, bis dieser kaum mehr weiss, wo ihm der Kopf steht. Haye hält den Titel für knapp zwei Jahre, ehe er im Kampf gegen Wladimir Klitschko klar nach Punkten unterliegt.

Die vegane Protein-Bombe

Im Gespräch zu halten weiss sich Haye, der sich auf dem Celebrity-Parkett genauso leichtfüssig bewegt wie im Boxring, auch als Ex-Weltmeister. Wie zum Beispiel mit einer Prügelei im Februar 2012, als der als Fernsehkommentator anwesende Haye bei einer Pressekonferenz vor einem Klitschko-Fight mit seinen Fäusten und einem Kamera-Stativ dreinschlägt.

Nach einer Schulteroperation ist lange nicht klar, ob er nochmals in den Ring zurückkehrt. Haye, der eine Karriere als Schauspieler anstrebt, vertreibt sich die Zeit unter anderem mit der Teilnahme bei der britischen Version der TV-Reality-Show «Ich bin ein Star – holt mich hier raus».

Oder mit der Entwicklung eines rein pflanzlichen Protein-Shakes, mit dem er sein stattliches Muskelpaket seit seiner Bekehrung zum Veganismus in Form hält.

Im Januar 2016 gibt Haye schliesslich gegen den Australier Mark de Mori ein siegreiches Comeback nach dreieinhalb Jahren, ehe er es nun mit Arnold Gjergjaj aufnimmt – um dann nochmals einen WM-Titel zu erobern.

Das Selbstbewusstsein des Millionärs scheint während der langen Pause nicht gelitten zu haben. «Ich bin der beste Boxer der Welt», sagt der «Hayemaker», dessen Kampfname sich sowohl mit «langer Haken» wie mit «Geldmacher» übersetzen liesse.

Seine Lieblingsgegner sind geblieben: «Ein Klitschko-Kampf ist das beste Mittel gegen Schlaflosigkeit. Meine Kämpfe sind dagegen attraktiv fürs Publikum.»

Der gestörte Medientermin

Seinen nächsten Gegner Gjergjaj hat Haye dagegen verbal auffällig sachte angefasst. Die Beleidigungen überlässt er Shannon Biggs. Der frühere WBO-Champion aus den USA störte vor einigen Wochen eine Pressekonferenz mit Haye und Gjergjaj mit einem filmreifen Auftritt mit wüsten Beschimpfungen – und darf nun im Vorprogramm des Kampfes antreten.

Oder war der Auftritt bei der Pressekonferenz etwa inszeniert? Soll keiner sagen, David Haye wisse sich nicht zu verkaufen.