Dauerkarte für die zweite Reihe

Wenn der FC St. Gallen heute ab 20 Uhr bei den Young Boys gastiert, tritt er gegen einen früheren St. Galler Spieler an. Harald Gämperle, Assistenztrainer der Berner, schnupperte am Job des Chef-Trainers – gilt aber als «ewiger Assistent».

Ralf Streule
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Der Bazenheider Harald Gämperle (Mitte) beäugt mit Cheftrainer Adi Hütter das Team bei der Laufarbeit. (Bild: ky/Lukas Lehmann)

Der Bazenheider Harald Gämperle (Mitte) beäugt mit Cheftrainer Adi Hütter das Team bei der Laufarbeit. (Bild: ky/Lukas Lehmann)

Als bei den Young Boys nach dem verpatzen Saisonstart vieles drunter und drüber ging, spielte ein Ostschweizer eine Hauptrolle. Der Bazenheider Harald «Harry» Gämperle, von 1986 bis 1990 Aussenverteidiger beim FC St. Gallen, wurde nach der Entlassung von Uli Forte plötzlich vom Assistenz- zum Interimstrainer. Ein Teil des Young-Boys-Umfelds sah ihn gar als möglichen Nachfolger Fortes. Es kam aber nicht so weit. «Ich hätte wohl alle Spiele gewinnen müssen», sagt Gämperle. Die Niederlagen in der Europa-League-Qualifikation in dieser Zeit gegen Karabach Agdam aus Aserbaidschan machten den Weg frei für die Verpflichtung von Adi Hütter.

Der Entscheid, nicht an ihm festzuhalten, sei vielleicht nicht nur ein sportlicher gewesen, sagt Gämperle. Genauer wird er mit seiner Aussage nicht. In den Medien wurde in jener Zeit oft von der Nähe zwischen Gämperle und Sportchef Fredy Bickel geredet, der den St.Galler vom FC Zürich nach Bern geholt hatte. Es ist eine Nähe, die von einem anderen Teil des Clubumfelds bald als Vetternwirtschaft ausgelegt wurde. Vielleicht ist Gämperle auch wegen diesen Verquickungen nicht befördert worden.

Immer im zweiten Glied

Wie auch immer. Gämperle muss weiterhin mit dem Ruf leben, der ihm seit langem nacheilt: demjenigen des «ewigen Assistenten». Denn bereits beim FC Zürich hatte Gämperle 2012 nur kurz ad interim als Cheftrainer übernommen, bevor Rolf Fringer auf Urs Fischer folgte. Vielleicht sind die Bilder von den Swiss Sport Awards 2007 schönstes Symbol für die Situation von Harald Gämperle. Als damals Lucien Favre zum Trainer des Jahres erkoren wurde, konnte der Romand den Preis selber nicht abholen. Gämperle sprang ein, hievte sich für kurze Zeit in die erste Reihe und ins Rampenlicht – um danach wieder als Assistent zu arbeiten.

Für den 47-Jährigen, der mit seiner Frau und zwei Söhnen im luzernischen Rothenburg lebt, ist die Situation nicht weiter schlimm. Auch wenn er die nötigen Lizenzen in der Tasche und auch Lust darauf hätte, ein Super-League-Team als Cheftrainer zu führen, fühlt er sich wohl in seiner Rolle. «Ich bin gerne Assistent, und bei den Young Boys am richtigen Ort», sagt er, in einem Ostschweizer Dialekt, der sich trotz fussballerischer Wanderjahre nicht verfärbt hat.

Mit Favre in die Bundesliga

Nach seiner Zeit in St. Gallen, wo er besonders den Herbstmeister-Titel mit der «Chilenen-Fraktion» in bester Erinnerung hat, zog es Gämperle 1990 zu den Grasshoppers, später zu Xamax. Als Assistenztrainer verdiente er sich seine Sporen bei den Young Boys ab, über Baden kam er nach Zürich, wo er mit Favre 2006 und 2007 den Meistertitel feierte. Mit ihm wechselte er zu Hertha Berlin. Nach der Rückkehr nach Zürich folgte 2013 das Engagement bei den Young Boys.

Die Wechsel seien für ihn nie ein Problem gewesen, sagt der vierfache Internationale. Er sei anpassungsfähig. Und er ist loyal: Über die Vorzüge der verschiedenen Cheftrainer äussert er sich nicht. «Jedes positive Wort über den einen ist ein negatives über den anderen.» Hütter jedenfalls sei für die Young Boys eine «sehr gute Wahl». Auch, dass Hütter mit Christian Peintinger einen zweiten Assistenten nach Bern holte, ist für Gämperle kein Problem.

Die Baisse

Ein Problem sind für ihn vielmehr die zuletzt erfolglosen Auftritte der Berner. Die Baisse habe drei Gründe. Erstens die Chancenauswertung, zweitens die Gegner, die sich auf die «neuen Young Boys» unter Hütter eingestellt hätten. Und drittens das Verletzungspech. Renato Steffen und Miralem Sulejmani fehlten, Steve von Bergen und Guillaume Hoarau tun es immer noch.

Dass er als Ostschweizer gegen St.Gallen antritt, ist für ihn längst nichts Besonderes mehr. Unzählige Male stand er seinem ehemaligen Verein bereits gegenüber. Heute werde es zu einem «engen Spiel zwischen zwei ähnlich spielenden Mannschaften» kommen, sagt er. Auf die Statistik, dass St.Gallen seit 2005 in Bern nicht mehr gewonnen hat, gibt er wenig.

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