«Dass die kamen, war ein Urknall»

Zum 15. Mal organisieren Marcel Walker und Simon Enzler die Appenzeller Kabarett-Tage. Walker und Enzler über Wunschkandidaten und Reibung und wie es ihnen gelungen ist, Gerhard Polt nach Appenzell zu holen.

Julia Nehmiz
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Erfolgreiche Festivalmacher: Marcel Walker und Simon Enzler. (Bild: miz)

Erfolgreiche Festivalmacher: Marcel Walker und Simon Enzler. (Bild: miz)

Haben Sie bei den Vorbereitungen der ersten Appenzeller Kabarett-Tage damit gerechnet, dass Sie das 14 Jahre später immer noch tun?

Simon Enzler: Nein, in dem Alter, in dem wir damals waren, schaut man nicht so weit in die Zukunft.

Marcel Walker: Der mutigste Akt war, «erste» zu schreiben: «Erste Appenzeller Kabarett-Tage». Das lässt vermuten, dass es noch weitere gibt. Aber es hätten ja auch gut die letzten sein können.

Wie hat das Publikum reagiert?

Enzler: Die 180 Plätze waren ausverkauft. Die ersten Kabarett-Tage fanden im Hotel Hecht Appenzell statt. Marcel organisierte dort kulturelle Veranstaltungen. Die Leute wussten also, dass da immer wieder etwas geboten wird. Aufgetreten sind Joachim Rittmeyer und beim «goldige Biberflade» Esther Kälin, Cabaret Logo und Divertimento.

Walker: Unsere Taktik war immer, die Räume nach der gefühlten Kraft des Festivals auszuwählen. Zuerst waren wir nur im «Hecht», dann kam der Kronensaal dazu, später das Gymnasium, dann sind wir in die Aula Gringel. Wir sind organisch gewachsen, von 180 auf 560 Plätze.

Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, solch ein Festival in Appenzell auf die Beine zu stellen?

Enzler: Als wir den ersten Auftritt von Daniel Ziegler und mir organisierten, kam uns am Stammtisch des Hotels Hecht in Appenzell die Idee: Ein Kabarett-Festival wäre schon noch cool.

Walker: Wir dachten, das passt nach Appenzell.

Enzler: Aber wir hatten überhaupt keine Ahnung von den organisatorischen Aufwänden und finanziellen Risiken. (Lacht.)

Verdienen Sie mit dem Festival?

Walker: Wir machen das ohne Lohn. Wie die vierzig Helferinnen und Helfer auch. Diese guten Geister entschädigen wir mit einem Team-Essen.

Die Künstler erhalten aber schon eine Gage?

Enzler: Klar, sonst würden sie auch nicht kommen. Ein Helge Schneider ohne Gage…

Wie finanzieren Sie das Festival?

Walker: Mit den Einnahmen aus dem Ticketverkauf decken wir 50 Prozent der Kosten.

Das ist viel.

Walker: Ja, bei anderen Festivals liegt das bei 10 bis 30 Prozent. Die andere Hälfte kommt von Sponsoren. Ohne Sponsoren wäre das Billett doppelt so teuer, aber der Saal bliebe leer.

Enzler: Oder halbleer. Nein, wir wollen ein Festival für alle sein, mit Land-Preisen. In Appenzell können wir Künstler viel günstiger anbieten als in Zürich.

Was, wenn einmal zu wenig Zuschauer kommen?

Enzler: Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass an drei Abenden hintereinander zu wenig Zuschauer kommen. Es kann aber mal sein, dass man sich nicht ganz mit dem Publikum findet.

Ist das schon einmal passiert?

Enzler: Nein, im Vorfeld eigentlich nicht. Aber es haben schon mal Leute gesagt, «das hätte ich mir jetzt besser vorgestellt».

Walker: Aber wir würden vielleicht nur langweilig programmieren, wenn es nicht auch mal eine kleine Überraschung gäbe und eine Reibung. Wenn allen alles gefällt, ist es etwas seicht. Und: Wir informieren ja, wer bei uns auftritt. Wer sich Rösti bestellt, obwohl er sie nicht gern hat, ist selber schuld. (Grinst.)

Wer entscheidet, ob es Rösti gibt? Wer wählt die Künstler aus?

Enzler: Das besprechen wir miteinander. Wir haben seit Jahren eine Wunschliste, die manchmal abgebaut wird, dann wieder ein bisschen wächst. Leute wie Harald Schmidt, Hape Kerkeling, Dieter Nuhr oder Monika Gruber sind seit eh und je drauf. Helge Schneider war ein Wunschkandidat der ersten Stunde, jetzt bringen wir ihn endlich hierher.

Warum hat das so lange gedauert?

Enzler: Marcel ist seit ungefähr zehn Jahren dran. Manchmal habe ich einen Kontakt über den eigenen Job, das erleichtert es dann, aber es gibt auch so harte Nüsse wie den Helge Schneider, wo er zehn Jahre ackern muss.

Walker: Manchmal braucht man einfach einen Hebel, sprich Kontakte. Aber letztlich entscheidet das Angebot, wer Zeit hat und kommen kann.

Wie weit voraus müssen Sie anfragen?

Walker: Das Management von Dieter Nuhr hat geschrieben, Appenzell sei sicher toll. Aber es sei halt so, Nuhr habe bereits jetzt für die nächsten drei Jahre 1000 Anfragen. Bei 150 Auftritten im Jahr sei das also schon rein statistisch schwierig – ich solle mir keine Hoffnungen machen und weiterschauen.

Im Jahr 2000 hatten Sie eher wenige Kontakte.

Walker: Bei den ersten Kabarett-Tagen trat Joachim Rittmeyer auf, und Viktor Giacobbo sass in der Jury für den «goldige Biberflade». Die wussten nicht, wer wir waren, wir konnten noch nichts vorweisen. Dass die gekommen sind, war eigentlich ein Urknall.

Enzler: Im zweiten Jahr konnten wir einen absoluten Jugendtraum verwirklichen: Gerhard Polt kam nach Appenzell. Er musste über eine ganz miserable Hausanlage vom Theatersaal des Gymnasiums spielen, es gab einen Scheinwerfer. Gut, er hat nicht mehr gewollt, aber wir hätten auch nicht mehr gehabt.

Wie haben Sie Polt engagiert?

Walker: Simon hat damals Polts Nummer im Telefonbuch gesucht und ihn privat angerufen.

Enzler: Polt hat die Hand auf den Hörer gehalten und seine Frau gefragt: «Appenzell, darf ich, kann ich da?» Und dann zu mir: «Ja, das geht, ich komme.» Wir waren völlige Anfänger, Polt hat nie einen Vertrag von uns bekommen. Wenn er nicht gekommen wäre, wäre das unser letztes Festival gewesen.

Können Sie noch ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern?

Walker: In den Anfangsjahren ging es teils wild zu und her. Einmal haben wir mit Gerhard Polt Schnaps getrunken. Er ist dann auf sein Zimmer. Zehn Minuten später gehe ich die Treppe hoch, da erscheint von oben ein riesiger Schatten: «I find mei Zimma nimma.»

Enzler: Schön war auch, als wir mit Piet Klocke bei uns gegessen und gefeiert haben, und er hat es sich nicht nehmen lassen, beim Geschirrabwaschen zu helfen – nachts um drei.

Do–Sa, 3.–5. April, Aula Gringel, Appenzell: Duo Fischbach, Helge Schneider, Rolf Schmid. kabarett-tage.ch

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