«Das Selbstvertrauen hat gelitten»

Meister Bern bleiben noch vier Spiele, um sich fürs NLA-Playoff zu qualifizieren. Der Rheintaler Stürmer Ivo Rüthemann, lange Zeit ein Leistungsträger des Teams, kommt kaum mehr zum Einsatz. Er gilt als Sinnbild für Berns verkorkste Saison.

Matthias Hafen/Bern
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Der 37jährige Ostschweizer Ivo Rüthemann glaubt nicht daran, dass er nächste Saison noch für den SC Bern spielen wird. (Bild: PETER KLAUNZER (KEYSTONE))

Der 37jährige Ostschweizer Ivo Rüthemann glaubt nicht daran, dass er nächste Saison noch für den SC Bern spielen wird. (Bild: PETER KLAUNZER (KEYSTONE))

Herr Rüthemann, vier Partien bleiben dem SC Bern, um sich von Rang neun auf einen Playoff-Platz zu verbessern. Läuft Ihnen zum Qualifikationsende die Zeit davon?

Ivo Rüthemann: Wir haben ein Spiel weniger ausgetragen als das achtplazierte Lausanne und deshalb unser Schicksal noch immer in den eigenen Händen. Das ist das Wichtigste.

Heute spielt Bern zu Hause gegen Rapperswil-Jona. Sie kommen wohl noch in der vierten Linie zum Einsatz, wenn überhaupt. Tut Ihnen das weh, wenn Sie daran denken, dass Sie vor zwei Jahren oder auch vergangene Saison noch einer der Leistungsträger waren?

Rüthemann: Wenn es nur mir schlecht laufen würde und der Mannschaft nicht, dann wäre es für mich ein sehr begrenztes Problem. Denn ich spiele Eishockey, um mit der Mannschaft Erfolg zu haben. Dass es aktuell dem ganzen Team nicht läuft, ist für mich schon sehr frustrierend.

Sie gelten als Sinnbild für die verkorkste Saison des SC Bern. Nehmen Sie das persönlich?

Rüthemann: Ich kann mir sehr gut eine eigene Meinung bilden zu dem, wozu ich fähig bin. Deshalb hat für mich die Berichterstattung in den Medien keine grosse Bedeutung. Zudem habe ich meine Trainer und Mitspieler, die mir helfen. Mit diesen Quellen bin ich gut bedient, um zu wissen, wo ich stehe.

Auch die Clubführung scheint das Vertrauen in Sie verloren zu haben. Sie erwägt, den Vertrag mit Ihnen Ende Saison nicht zu verlängern.

Rüthemann: Wir haben das älteste Team der NLA und wir hatten sehr erfolgreiche Jahre damit. Logisch, zeichnet sich irgendwann ein Generationenwechsel ab. Wenn wir vergangene Saison im Playoff-Viertelfinal ausgeschieden wären – und wir standen nahe davor – dann wären damals schon Rufe nach dem Umbruch im Kader laut geworden. Doch wir kamen weiter und holten schliesslich den Titel. Da sieht man, wie nahe Erfolg und Misserfolg beieinanderliegen.

Dann war es richtig, mit den zahlreichen älteren Spielern im Kader weiterzumachen?

Rüthemann: Es gibt für eine Mannschaft nicht viel Wertvolleres als erfahrene Spieler, die noch auf Topniveau spielen können. Solange ein Club mit ihnen Erfolg hat, sollte er auch mit ihnen weiterziehen.

Zurzeit ist der SC Bern aber nicht sehr erfolgreich. Rechnen Sie damit, auch nächste Saison noch hier zu spielen?

Rüthemann: So, wie die Saison verlaufen ist, wohl nicht.

Was sind denn Ihre Optionen?

Rüthemann: Sportlich ist meine Zukunft ziemlich überschaubar. Auch, weil ich sage, dass ich nur in der Nationalliga A spiele – und das nur bei einem Team, das um die Meisterschaft spielen kann.

Etwas anderes kommt für Sie nicht in Frage?

Rüthemann: Nein. Sonst höre ich lieber auf.

Und wenn Sie ein NLB-Club mit einem lukrativen Vertrag ködert?

Rüthemann: Keine Chance. Da denke ich nicht einmal darüber nach. Das widerspricht den Ansprüchen, die ich an mich stelle.

Sie studierten an der Universität Bern Betriebswirtschaft und haben auch schon diverse Praktika absolviert. Ist zum jetzigen Zeitpunkt auch das Karriereende als Eishockeyprofi ein Thema?

Rüthemann: Ich bin sicher nicht mehr allzu weit davon entfernt. Gereift sind diese Gedanken aber noch nicht. Die Lust, Eishockey zu spielen, verspüre ich immer noch.

Würden Sie die aktuelle Saison als Ihre schwierigste bezeichnen?

Rüthemann: Es ist sicher kein neues Erlebnis für mich. In meiner 15. Saison in Bern bin ich nun zum dritten Mal in einen solchen Strichkampf involviert. Zweimal haben wir uns noch fürs Playoff qualifizieren können.

Wird es Bern auch das dritte Mal schaffen?

Rüthemann: Davon bin ich überzeugt. Wir haben noch vier Spiele. Die Zeit während der Olympiapause nutzten wir, um die Ideen unseres neuen Trainers Guy Boucher zu verinnerlichen.

Nun spielt der SC Bern aber nicht eine Saison, wie Sie sich das vorgestellt haben, oder?

Rüthemann: Nein, sicher nicht. Wir haben eigentlich ein starkes Kader. Doch blieb bislang leider ein Grossteil von uns hinter den Erwartungen zurück.

Zählen Sie sich da auch dazu?

Rüthemann: Ja sicher, sonst hätte ich eine ganz schlechte Meinung von mir.

Sie spielen keine grosse Rolle mehr im SC Bern, erhalten teilweise nicht einmal mehr Einsätze. Wie hat sich dieser Abstieg entwickelt?

Rüthemann: Über die Saison nahmen meine Eiszeit und mein Einfluss aufs Spiel Stufe um Stufe ab. Schon in der Vorbereitung schenkte mir der Trainer kein Vertrauen mehr im Powerplay.

Konnten Sie diesen Entscheid von Antti Törmänen damals verstehen?

Rüthemann: Ja und nein. Der Erfolg der Mannschaft steht für mich an erster Stelle. Und ich sehe durchaus, dass wir einige Spieler haben, die Powerplay spielen können. Ich zähle mich aber auch dazu. Das war auch meine Message an den Trainer: Dass ich noch bereit, gewillt und fähig bin, so dem Team zu helfen. Dass es irgendwann einen Umbruch gibt, ist normal. Ich bin auch schon 37jährig. Wenn ein Trainer nur schon darüber nachdenkt, ob er mich im Powerplay noch bringen soll oder nicht, ist das schon ein Zeichen.

Denken Sie, dass Sie unter Coach Boucher in dieser Saison nochmals die Möglichkeit erhalten, zu zeigen, was in Ihnen steckt?

Rüthemann: Man sollte nicht zu weit vorwärtsschauen und auch nicht zu viele Hoffnungen und Erwartungen haben. Ich probiere, mich bestmöglich zu präsentieren. Wenn ich die Chance erhalte, werde ich sie packen.

Was steckt denn noch in Ihnen?

Rüthemann: Schwierig zu beantworten. So wie die Saison verlaufen ist, hat mein Selbstvertrauen schon ein bisschen gelitten. Aber ich habe nichts verlernt. Und den Glauben an mich habe ich bestimmt nicht verloren.

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