Das schwere Los eines Helfers

Seit dieser Saison schnuppert Patrick Schelling mit seinem Team IAM Cycling Luft an der World Tour, der höchsten Stufe im Radsport. Der junge Profi wird dort eingesetzt, wo ihn die Mannschaft gerade braucht – oft sehr kurzfristig.

Christian Brägger
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Patrick Schelling tankt für die kommenden Aufgaben Kraft im heimischen Toggenburg. (Bild: David Suter)

Patrick Schelling tankt für die kommenden Aufgaben Kraft im heimischen Toggenburg. (Bild: David Suter)

RAD. Einfach von den Strapazen der vergangenen Rennen erholen und die hartnäckige Erkältung überwinden. Das hat sich Patrick Schelling, der seit 2013 für den Schweizer Rennstall IAM Cycling fährt, für die Tage in der Heimat in Hemberg zum Ziel gesetzt. Am Wochenende dann steigt er wieder aufs Rad, und bereits nächsten Mittwoch fährt der 24-Jährige vielleicht die Ardennen-Klassiker Flèche–Wallonne und am darauffolgenden Sonntag Lüttich–Bastogne–Lüttich. Das kann, muss aber nicht sein.

Falls IAM nämlich plant, Schelling für den Giro d'Italia im Mai zu nominieren, wird es wohl nichts mit den beiden Rennen in Belgien. Und dann gäbe es wohl auch noch den Plan C, den Radprofi sonst irgendwo starten zu lassen. Der sportliche Hauptleiter Rik Verbrugghe, ein Belgier, wird das kurzfristig entscheiden; es hängt davon ab, wer bei IAM verletzt ist und ersetzt werden muss, welche Teamstrategie für das jeweilige Rennen gewählt wird – und ob es Schelling benötigt. Allein, die ihm zugedachte Rolle ist immer dieselbe, und sie wird es auch künftig sein: er ist ein klassischer Helfer bei IAM. «An allen Rennen verrichte ich jeweils Helferdienste.»

«Es ist nicht immer einfach»

Bereits die Vorsaison lief nach diesem Muster ab. Dort fahren, wo er am meisten helfen kann. Es sind Lehrjahre für Schelling, von denen er später zehren wird. Weil sein Arbeitgeber für diese Saison in die höchste Kategorie, die World Tour, aufgestiegen ist, sind nun die Teilnahmen an den wichtigsten Rennen der Saison Pflicht, das Niveau ist ungleich höher. Schelling sagt: «Es ist derzeit mein Schicksal, von der Kurzfristigkeit zu leben. Ich muss einfach ständig bereit sein.» Das sei nicht immer einfach, weil man sich auf nichts einstellen könne und es eine seriöse Planung erschwere. «Von den Entscheiden anderer abhängig zu sein, ist sicher nicht optimal. Aber so ist nun mal mein Beruf.» Derzeit gehe er nicht davon aus, Ende Monat die Tour de Romandie zu fahren. Und die Tour de Suisse im Juni stehe wohl auch nicht auf dem Programm. Aber das könne sich ja noch ändern.

Der Hemberger weiss sich sehr wohl einzuschätzen. In der Hierarchie sieht er sich bei IAM weit hinten, sein Status als Helfer und Junger sagt ihm dies auch. «Der Radprofi ist ein echter Mannschaftssportler geworden und nicht mehr vergleichbar mit seiner früheren Ausrichtung. So sind auch wir Helfer viel wichtiger geworden.» Schelling muss sich unterordnen. Es zählt nur die Mannschaft, nicht der Einzelne. Dennoch verfolgt er noch eigene Ziele. «Bei Lüttich–Bastogne–Lüttich oder auch sonstwo wäre ich gerne einmal in der ersten Fluchtgruppe dabei, die dann auch im TV übertragen wird. Das Peloton lässt die ersten Ausreisser ja meistens länger gewähren.» Dies wäre dann die ideale Vorlage für sein zweites Ziel, irgendwann einmal eine Etappe zu gewinnen.

Nach Stürzen ansteigende Form

Schelling sagt: «Meine Form ist besser geworden, bisher verlief die Saison jedoch nicht wie erhofft.» In der Tat: Im Training wurde Schelling Mitte März in Appenzell von einem Auto angefahren, kurz darauf stürzte er am Critérium International und musste aufgeben, und die Baskenland-Rundfahrt beendete er wegen Magenbeschwerden und Krankheit ebenfalls nicht. Trainer und Fahrer wissen, dass jetzt eine Steigerung folgen muss.

Für die grossen Rundfahrten mangelt es dem 62 kg schweren Radprofi indes an Erfahrung: «Ich weiss nicht, wie das mein Körper durchstehen würde.» Es ist auch das Schicksal von Helfern wie Schelling, ihr Potenzial gar nicht so richtig zu kennen.

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