Das Schweizer Banden-Problem

Der Zusammenhang zwischen Gehirnerschütterungen und Banden wird schon seit Jahren diskutiert. Doch während in der NHL die flexiblen Banden die Norm sind, findet man in der NLA noch starre Banden – aus Kostengründen.

Kristian Kapp
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EISHOCKEY. Gehirnerschütterungen. Ein grosses wie heikles Thema im Eishockey. Es gibt kaum betroffene Sportler, die öffentlich darüber sprechen wollen, was in ihnen vorgeht, wenn sie Tage, Wochen oder gar Monate nicht mehr spielen können. Die Tage im dunklen Zimmer, die Unsicherheit, die schlechte Laune, die Schwindelgefühle. Bryce Salvador, zurückgetretener Captain der New Jersey Devils, beschreibt es im «Players Tribune», einem Onlinemagazin mit von Sportlern verfassten Artikeln, eindrücklich, was er 2011 durchmachte: «Meine Familie erkannte mich nicht mehr. Alles nervte mich: meine Kinder, Lärm, Licht. Ich konnte nicht mehr auswärts essen gehen, nichts Soziales unternehmen, nicht trainieren, nicht ins Kino gehen, ohne dass ich mich in der Nacht danach übergeben hätte.»

Harte Checks gehören dazu

Gehirnerschütterungen gehören im Eishockey mittlerweile dazu. Es ist seit Jahren eine Dauerdiskussion. Soll man die Regeln ändern? Das Spiel verlangsamen? Was tun, um dem Sport nicht die Seele zu rauben? Denn harte Checks gehören dazu. Die Ausrüstungen und Schoner der Spieler werden immer besser, aber auch härter. Ein Check mit einem Ellbogenschoner der alten Generation richtete noch weniger Schaden an als einer mit den High-Tech-Modellen der Neuzeit. Das Spiel wurde schneller, die Spieler grösser, schwerer, athletischer. Die vor zehn Jahren eingeführte «Null-toleranz» hat nicht nur die erhoffte kleinere Anzahl Behinderungen im Spiel ohne Scheibe gebracht, sondern auch mehr Checks, gerade im engen Raum hinter den Toren.

Die schweren Folgen

Gehirnerschütterungen sind komplexe Angelegenheiten, funktionelle Störungen. «Wie eine Computerfestplatte, die es durchgeschüttelt hat und die sich dann wieder einrenken muss», sagt Walter Kistler, Teamarzt des HC Davos. Gefährlich werde es, wenn der Spieler trotz Gehirnerschütterung weiterspiele – selbst wenn dies erst am nächsten Tag der Fall ist: «Wenn es während dieses Einrenkens wieder zur gleichen Verletzung kommt, kann es zu strukturellen Schäden im Gehirn kommen. Klassische Beispiele gibt es bei Boxern zu sehen, die Schädigungen fürs Leben erleiden.» Auch wenn Gehirnerschütterungen im Eishockey nicht eliminiert werden können: Es gibt Wege, sie zu reduzieren. Ein wichtiger, aber in der Schweiz zu wenig diskutierter Ansatz sind die Banden. Die modernen, flexiblen, die in der NHL längst Usus sind, haben auch in Europa, zum Beispiel in Schweden und Finnland, Einzug gehalten. Das Besondere an diesen Banden: Sie geben sowohl im unteren, aber vor allem im oberen Teil, jenem aus Glas, nach und absorbieren einen grossen Teil der Kräfte, die bei einem Bodycheck an der Bande auf den Spieler einwirken. Statt dem starren Sicherheitsglas wird Acryl verwendet, befestigt werden sie nicht mit Stahlträgern. Zudem ist der sogenannte Handlauf, der Rand am Ort, wo Bande und Glas aufeinandertreffen, deutlich kleiner.

Vorreiter Wiler Bergholz

Experten aus Sport- und Medizinbereich sind sich einig: Der Unfall des Freiburgers Julien Sprunger an der WM 2009 in der Schweiz hatte auch darum gravierende Verletzungsfolgen am Halswirbel, weil er nach einem Check des Amerikaners David Backes rückwärts ungebremst auf diese grosse Kante im Rink der Berner Arena fiel. Seit 2014 ist es gar wissenschaftlich belegt, dass flexible Banden mehr Sicherheit bieten als «gewöhnliche». Der internationale Verband IIHF untersuchte zwischen 2006 und 2013 alle Verletzungen an Weltmeisterschaften aller Stufen. Die Analyse betreffend Unterschied zwischen den beiden Banden-Arten lieferte bemerkenswerte Zahlen: Mit den flexiblen Banden haben sich Schulter- und Kopfverletzungen um 29 Prozent verringert. Und trotzdem: In der NLA verfügen mit Lugano, Lausanne und Biel nur drei Teams über Rinks mit Sicherheitsbanden. Vom Verband Swiss Ice Hockey Federation (SIHF) aus gibt es keine Pflicht für eine Änderung. «Nur wenn jemand ein neues Stadion baut oder ein bestehendes saniert, sind die neuen Banden ein Muss. Ansonsten können wir bloss eine Empfehlung abgeben», sagt Ueli Schwarz, der Direktor der National League. In der neuen Wiler Eishalle Bergholz wurde 2013 solch eine biegsame Bande installiert.

Schwarz weiss: «Es geht um die Finanzierung.» Rund eine Viertelmillion Franken kostet die Investition in eine neue Sicherheitsbande. Da die Eishallen nicht den NLA-Clubs gehören, müssten die Betreiber der Arenen die Kosten übernehmen. Beispiel Davos, wo die Arena der Gemeinde gehört: Vor fünf Jahren erhielt die Heimstätte des HC Davos neue Banden, allerdings nur bedingt und nicht an allen Orten flexible. «Wir haben zu einem relativ blöden Moment ersetzt. Es waren die Anfänge der Anfänge der neuen Technologie», sagt Davos-Präsident Gaudenz Domenig. Er würde ebenfalls gerne die Sicherheitsbanden in seiner Halle sehen – finanziert von der Gemeinde: «Wir zahlen ja für die Eishalle inklusive Banden.»

Darauf muss er jedoch bis 2018 warten. Der Davoser Landammann Tarcisius Caviezel will sich dazu nicht konkret äussern: «Das bringt nichts. Schliesslich bereiten wir den Umbau des Stadions ab 2018 vor. Dort werden dann alle Fragen, die im Raum stehen, aufgegriffen: die Auflagen der Feuerpolizei einerseits und die Bedürfnisse des HC Davos, in einem dem 21. Jahrhundert entsprechenden Stadion zu spielen, andererseits.»

Schwarz: «Drei bis fünf Jahre»

Davos-Teamarzt Kistler musste erst vor zwei Wochen den Unfall von Félicien Du Bois, der sich nach einem an der Bande kassierten Check eine Gehirnerschütterung zuzog, begutachten. Es war eine klassische Situation, die wohl bei einer flexiblen Bande weniger gravierende Folgen gehabt hätte. Kistler ist Mitglied der Medizinischen Kommission im SIHF. «Zuletzt gab es 2013 Diskussionen», sagt er. «Wir müssten wieder einmal einen Vorstoss Richtung Verband machen.» Und was sagt man dort? Direktor Schwarz: «Wir können nicht mit dem Finger schnippen und Änderungen von einem Tag auf den anderen fordern. Ich gehe aber davon aus, dass sich in drei bis fünf Jahren diese Banden auch bei uns durchsetzen werden.»