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Das Schweigen der Favoriten vor dem Eidgenössischen Schwingfest

Die Königsanwärter machen sich einen Monat vor dem Eidgenössischen rar. Auch der amtierende Schwingerkönig taucht ab.
Claudio Zanini
Drei der vier meistgenannten Favoriten auf den Königstitel: Armon Orlik, Pirmin Reichmuth und Joel Wicki (von links). (Bild: Alexandra Wey/Keystone (Flüelen, 7. Juli 2019))

Drei der vier meistgenannten Favoriten auf den Königstitel: Armon Orlik, Pirmin Reichmuth und Joel Wicki (von links). (Bild: Alexandra Wey/Keystone (Flüelen, 7. Juli 2019))

Angenommen, die Fussball-WM stünde bevor. Ein bedeutungsvoller Anlass, der nur alle vier Jahre stattfindet. Einige Wochen vor dem Grossereignis hätte das öffentliche Interesse längst ein normales Mass überstiegen. Und in dieser heissen Phase würden sich die Schweizer Nationalspieler komplett zurückziehen. Keine Interviews, keine Medienauftritte, nichts.

Auf den Fussball übertragen ist das Szenario kaum realistisch. Im Schwingsport schon. Einen Monat vor dem ­Eidgenössischen in Zug sind die vier meistgenannten Favoriten so gut wie verschwunden. Joel Wicki, Pirmin Reichmuth, Samuel Giger und Armon Orlik. Interviews, die in den nächsten Wochen erscheinen, wurden bereits ­gedreht und geschrieben. Abgesehen von der Live-Berichterstattung bei den restlichen Schwingfesten nehmen die Königskandidaten keine Medientermine mehr wahr. Schon in der vergangenen Woche teilte Michael Schiendorfer, der Manager von Wicki und Reichmuth, mit, die beiden würden bis zum Eidgenössischen nicht zur Verfügung stehen. Begründet wird das mit zwei Punkten: Erstens sollen die Schwinger sich auf den Saisonhöhepunkt fokussieren und nicht energieraubende Medienarbeit verrichten. Zweitens sollen sie nicht ununterbrochen in der Öffentlichkeit ­stehen. Denn die Schwingergemeinde erwartet eine gewisse Demut der Athleten. Weniger ist grundsätzlich mehr.

Er hat keine Sponsoren, keine Homepage, kein Facebook: Samuel Giger. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Weissenstein, 20. Juli 2019))

Er hat keine Sponsoren, keine Homepage, kein Facebook: Samuel Giger. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Weissenstein, 20. Juli 2019))

Michael Schiendorfer, der in Basel eine Kommunikationsagentur führt, sagt auch: «Ich glaube, Joel und Pirmin haben mit Abstand am meisten Medienarbeit gemacht.» Man darf das durchaus so verstehen, dass Giger und Orlik diejenigen des Favoriten-Quartetts sind, die am wenigsten gemacht haben. Bezüglich der Öffentlichkeitsarbeit scheinen sie geradezu aus der Zeit gefallen. Der Thurgauer Giger hat keine eigene Homepage, kein Instagram, kein Facebook. Er braucht keinen Manager, er verzichtet auf Sponsoren. Einem Spitzenschwinger wie ihm entgeht dadurch ein sechsstelliger Betrag, heisst es. Gegenüber der «Sonntags-Zeitung» sagte Giger im Juni, er habe mit Medienarbeit schlechte Erfahrungen gemacht, die Anfrage lehnte er deshalb ab. Im Vergleich zu Giger ist Orlik etwas mutiger. Er besitzt eine Homepage, hat einen (verwaisten) Facebook-Account, es gibt einige Sponsoren. Wenn Medienanfragen anfallen, regelt das seine Familie.

Die heisse Phase dauert 48 Stunden

Das Spiel mit den Journalisten mag den einen mehr liegen als den anderen. Doch auch Top-Athleten, die sich gut verkaufen können, ziehen sich nun zurück. Der amtierende Schwingerkönig Matthias Glarner gebe ebenfalls keine Interviews mehr, sagt Beni Knecht. Der Berner Oberländer koordiniert für Glarner Medien- und Sponsorenanfragen. Zu seinen Klienten gehört auch Kilian Wenger, König von 2010. Knecht sagt, es brauche nun die nötige Ruhe. «Die Berner haben bis zum Eidgenössischen praktisch jeden Sonntag ein Schwingfest. Zuerst Brünig, dann Engstlenalp, schliesslich das Teilverbandsfest in Münsingen.»

Wie überbordend das Medieninteresse bei einem Königstitel sein kann, hat Knecht zweimal erlebt. Die ersten 48 Stunden nach dem Titelgewinn nennt er die «heisse Phase». Er sagt mahnend: «Der König muss sich bewusst sein, was in den ersten beiden Tagen über ihn hereinbricht. Die ganze Schweiz will dann irgendetwas von ihm.» Nur schon das Schweizer Fernsehen kommt mit einem Dutzend Anfragen, weil verschiedene Sendeformate ein Interview verlangen. Es sind Anfragen, die man nur schwer ausschlagen kann. Die SRG geniesst den Ruf des Schwingsportförderers, sie machte den Sport zum TV-Ereignis und hält die exklusiven Übertragungsrechte für die grossen Feste. Wenn Schwinger Interviews geben, geben sie auch etwas zurück.

Der König hängt über der Kloschüssel

Ob man kurz vor dem Höhepunkt in der Haut der Wickis und Reichmuths stecken möchte, ist zu bezweifeln. Sie stehen im Zentrum eines Anlasses, der generell zu Übertreibungen neigt. 350 000 Zuschauer werden nach Zug strömen. Das sind über zehnmal mehr Menschen, als in der Stadt wohnen. Es wird eine Arena aufgebaut mit Platz für 56 500 Personen – weltweit gibt es kein grösseres temporäres Stadion. Hinzu kommt die Masse vor den Fernsehern. 815 000 sahen den Schlussgang 2016. Matthias Glarner, der damals Armon Orlik bezwang, sagte kürzlich gegenüber der «Schweizer Illustrierten», er habe vor Nervosität an diesem Sonntagmorgen mehrmals erbrechen müssen. Und offenbar ging es nicht nur ihm so. «Ich war bei weitem nicht der Einzige, der über der Kloschüssel hing», sagte er.

Der amtierende Schwingerkönig Matthias Glarner - ein Medienprofi. (Bild: Boris Bürgisser (Hasliberg, 17. Mai 2019))

Der amtierende Schwingerkönig Matthias Glarner - ein Medienprofi. (Bild: Boris Bürgisser (Hasliberg, 17. Mai 2019))

Robert Buchli ist seit elf Jahren als Sportpsychologe im Schwingsport tätig. Er begleitet mehrere Schwinger, die am Eidgenössischen teilnehmen. Buchli sagt, es sei nicht aussergewöhnlich, wenn der Körper in einer Drucksituation Reaktionen zeige. «Wichtig ist, dass der Athlet akzeptiert, dass Druck in einem gewissen Mass dazu gehört. Er soll sich mental darauf vorbereiten, dass er – egal wie er zum Beispiel die Nacht davor schläft – Leistung erbringen kann.» Buchli nimmt den Wimbledon-Final als Beispiel, Djokovic gegen Federer. Das Publikum war parteiisch, skandierte den Namen des Schweizers. Schon vor dem Spiel stellte sich der Serbe darauf ein. Während des Matches verstand er schliesslich ­jedes Mal seinen Namen, wenn sie «Federer» riefen. Die negative Energie wandelte er in positive um.

Ein Wettkampf dieser Grössenordnung wird vielleicht gar in der Vorbereitungsphase entschieden. Dass es darin keine Kapazitäten für öffentliche Auftritte gibt, erstaunt Buchli nicht. «Die Topschwinger, die professionell organisiert sind, haben jetzt andere Prioritäten, als ein gutes Interview zu geben. Wenn sie sich abschirmen, ist das letztlich ein Zeichen von Fokus.»

Ein abgeschirmter Favorit wird Ende August zum Schweizer Allgemeingut. Von einem Extrem wechselt er ins andere. «In den ersten zwei Tagen kann der König nicht abtauchen», sagt Beni Knecht. Doch es dürfte Favoriten geben, die das gerne tun würden.

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