Pyeongchang
Das Phänomen der Volunteers: Im Tempel der olympischen Götter dienen

Die Volunteers helfen in Südkorea selbst bei klirrender Kälte. Unser Autor ist immer wieder Fasziniert vom Phänomen der Volunteers. Was treibt nur so viele Menschen zur unbezahlten Tätigkeit? Und doch muss es so sein, damit sie etwas Magisches sind.

Klaus Zaugg
Klaus Zaugg
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Volunteers an den Olympischen Winterspielen 2018, hier an der Abfahrtspiste in Jeongseong

Volunteers an den Olympischen Winterspielen 2018, hier an der Abfahrtspiste in Jeongseong

Keystone

Karl Marx. Ich muss immer wieder an den wortgewaltigen Kritiker des Kapitalismus und der Religion denken. Es zieht. Gefühlte minus 15 Grad. Und da steht ein älterer, freundlicher Herr in bunten olympischen Kleidern beim Eingang zur Hockeyarena. Er tut es freiwillig. Ohne Bezahlung. Er bezahlt sogar die Reise und die Unterkunft selber. Er ist Volunteer. Einer der 22 000 freiwilligen Helferinnen und Helfer.

Wenn das Karl Marx wüsste! Die IOC-Kapitalisten schaffen es nicht nur, die Kosten für die Spiele zu sozialisieren (dem Volk aufzuerlegen) und den Gewinn zu privatisieren (für sich zu behalten).

Sie bringen es auch noch fertig, eine riesige Schar von Helfern gratis für sich arbeiten zu lassen. Der Arbeitswert der 22 000 Volunteers wird hier auf mehr als 50 Millionen Franken geschätzt. Und würde allen die Reise und eine anständige Unterkunft bezahlt, wären es bald 100 Millionen. Die Spielekosten insgesamt mindestens 10 Milliarden Franken.

Das Phänomen der olympischen Volunteers fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Was motiviert bloss Zehntausende für diese Tätigkeit? Die meisten werden nie einen olympischen Helden aus der Nähe sehen. Sie werden sterbenslangweilige Jobs haben. Und hier frieren sie auch noch.

Sektenforscher, Theologen, Politologen und Soziologen sollten sich intensiv mit diesem Phänomen befassen. Die Strahlkraft der fünf Ringe ist so stark, dass Zehntausende freiwillig gratis tätig sind, um die Elite noch reicher zu machen. Das IOC zieht derweil so hohe Gewinne aus den Spielen, dass es ohne Probleme möglich wäre, die Helferschar grosszügig zu bezahlen.

Aber wenn die Volunteers Geld bekämen, dann wären sie nur noch gewöhnliches Personal. Wie die Putzequipen im Hotel. Und nicht mehr auserwählte Dienerinnen und Diener in den Tempeln der olympischen Götter. Die ganze Magie wäre dahin. Es wäre wie ein Erwachen aus einem Traum, und die meisten würden sich fragen: Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?

Tja, wer weiss, vielleicht sind so einst die Pyramiden gebaut worden. Für höhere Werte – eine angemessene Ruhestätte für einen gottgleichen Herrscher – haben möglicherweise auch Zehntausende freiwillig geschuftet. Wir wissen es nicht. Und übertreiben wollen wir ja auch nicht. Pyramidenbauen war sicherlich ungleich anstrengender als das kleine bisschen Frieren für die olympische Idee.

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