Das Meisterwerk vollendet

Roger Federer hat einmal mehr Tennisgeschichte geschrieben. Mit dem 6:4, 6:2, 6:2 gegen Richard Gasquet realisiert er den ersten Schweizer Daviscup-Triumph – 3:1 gegen Frankreich. Doch der Moment gehört auch Stan Wawrinka.

Matthias Hafen/Lille
Merken
Drucken
Teilen

TENNIS. Die Emotionen übermannten Roger Federer wie bei seinen grössten Triumphen in Wimbledon oder Roland Garros. Nach 162 Minuten verwertete der Schweizer Teamleader seinen ersten von drei Matchbällen und besiegte Richard Gasquet 6:4, 6:2, 6:2. Der dritte Schweizer Punkt am Finalwochenende war im Trockenen, der erstmalige Daviscup-Triumph des Landes Realität. Anders als 1992, als der Final auswärts gegen die USA verloren ging, haben die Schweizer das Meisterwerk gegen Frankreich vollendet. Die Basis dazu hatten Federer und Stan Wawrinka mit dem Gewinn des Doppels am Samstag gelegt.

«Der Sieg gehört den Jungs»

Federer liess sich nach dem letzten gewonnenen Punkt gegen Gasquet auf die Knie fallen, legte sich bäuchlings in den Sand von Lille und weinte Tränen. Endlich, in seinem 17. Profijahr, hatte er auch den Vergleich der Nationen gewonnen, die Team-WM des Tennis. Es war die grösste Trophäe, die in Federers Palmarès noch fehlte. In diesem Moment hatte er sie gewonnen – und wollte sie gar nicht haben. «Der Sieg gehört den Jungs», sagte er vor über 27 000 Zuschauern mit feuchten Augen ins Mikrophon. Und später fügte er an: «Ich kann Stan nicht genügend dafür danken, wie er in diesem Final das Team mitgerissen hat.» In der Tat kam der Erfolg nicht alleine dank Federer zustande. Ausgerechnet beim letzten, grössten und schwierigsten Schritt wuchs der nicht immer zuverlässige Romand über sich hinaus, verhinderte einen 0:2-Rückstand und war im Doppel ein starker Part.

Am Rande des Fairplay

Wawrinka fühlte sich überglücklich: «Seit Jahren habe ich vom Daviscup-Sieg geträumt.» Für ihn ende ein grossartiges Jahr, das mit dem Triumph an den Australian Open begonnen hatte, auf perfekte Weise. Captain Severin Lüthi konnte das Ganze noch nicht ganz fassen. «Ich weiss, wir haben Geschichte geschrieben», sagte er. Erstmals gewann ein Schweizer Team in einer Weltsportart den Titel.

Geschenkt wurde er den Gästen in Lille auch am Abschlusstag nicht. Die Franzosen wollten es den Schweizern nochmals so schwierig wie möglich machen, setzten anstatt Jo-Wilfried Tsonga fürs dritte Einzel Sandplatzspezialist Gasquet ein. Auch verloren die Zuschauer in Lille für einmal den Fairplay-Gedanken und buhten Federer bei dessen Vorstellung im Stadion gnadenlos aus. Immer wieder versuchten sie ihn mit Zwischenrufen aus dem Konzept zu bringen. Es half alles nichts. Gasquet flogen die Bälle nur so um die Ohren. Das erste Aufbäumen des Publikums mit dem ersten Punkt des Franzosen zum 15:0 war irgendwie auch schon das letzte. Federer gelang bereits zum 2:1 das Break, das den ersten Satz entscheiden sollte. Bei eigenem Aufschlag blieb der Schweizer Teamleader unantastbar. Bis am Schluss liess er keinen einzigen Breakball zu. Dafür nahm der Baselbieter seinem Kontrahenten Gasquet regelmässig den Aufschlag ab. Es schien, als konnte Frankreich nur noch ein Hexenschuss helfen – etwas, das Federers Rücken wieder blockieren würde. Doch das trat nicht ein. Den zweiten Durchgang gewann Federer 6:2. Und er hatte weiter nicht vor, nachzulassen.

Ans Limit gegangen

Er hielt sein Versprechen, seine Leaderrolle in diesem Team wahrzunehmen. Auch wenn er seinen Körper dafür bis ans Limit pushen musste. Während Gasquet immer kleiner wurde auf dem Court im Stade Pierre-Mauroy, schraubte sich Federer bei jeder Gelegenheit in die Luft und schmetterte vermeintlich unerreichbare Bälle ins Feld des Franzosen. Nach einer Stunde und 50 Minuten servierte Federer zum Matchgewinn und zum historischen Daviscup-Triumph.