«Das Leben auf dem Land gefällt mir einfach besser»

Die 800-m-Läuferin Selina Büchel gehört an der WM in Peking zu den Favoritinnen. Dennoch ist sie keine Athletin wie die anderen. Sie träumte als Kind nicht von Titeln, setzte nie voll auf den Sport und trainiert in einem Landverein.

das Gespräch Führten Roger Braun und Raya Badraun, Bilder: Urs Bucher
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Selina Büchel: «Etwas vom Wichtigsten im Sport ist, dass man glücklich ist. Nur so kann man seine Leistung erbringen.» (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Selina Büchel: «Etwas vom Wichtigsten im Sport ist, dass man glücklich ist. Nur so kann man seine Leistung erbringen.» (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Frau Büchel, wir treffen Sie hier auf dem Trainingsplatz ihres Vereins KTV Bütschwil. Wo ist die 400-Meter-Bahn?

Selina Büchel: Nicht hier. Wir verfügen nur über eine 100-Meter-Strecke. Wenn ich auf der 400-Meter-Bahn trainieren will, muss ich nach Wil fahren.

Das überrascht, wenn man bedenkt, dass Sie gegenwärtig die viertschnellste 800-m-Läuferin der Welt sind. Ist der Landverein aus sportlicher Perspektive wirklich ideal für Sie? Sie sind auch der einzige Profi hier, und trainiert wird im Verein nur viermal pro Woche.

Büchel: Ich finde, ja. Es gibt verschiedene Auffassungen davon, was ideal ist. Für mich stimmt es auf alle Fälle. Ich bin im Toggenburg aufgewachsen. Meine Familie wohnt hier, meine Kollegen und mein Freund. Es ist das Umfeld, in dem ich mich wohl fühle. Etwas vom Wichtigsten im Sport ist, dass man glücklich ist. Nur so kann man seine Leistung erbringen.

Die Schweizer Sprinterin Mujinga Kambundji trainiert in Deutschland in einer der stärksten Gruppen Europas. Wäre das nicht professioneller?

Büchel: Nein, so pauschal kann man das nicht sagen. Für sie scheint es der richtige Weg zu sein, aber nicht für mich. Ich bin gerne ab und zu für zwei, drei Wochen in einem Trainingslager, aber als Sportlerin ist man auch sonst viel unterwegs. Ich mache vieles für den Sport, aber ich bin nicht bereit, jedes Jahr drei Monate im Trainingslager zu verbringen. Es gibt Athleten, die permanent unterwegs sind und nie zu Hause. Das ist nicht das Leben, das ich will. Ich fühle mich sehr wohl in diesem Trainingsumfeld. Ich habe hier einige junge Männer, die etwa gleich schnell laufen wie ich, und die Trainer sind ein absoluter Glücksfall.

Sie werden seit Jahren von Marlis und Urs Göldi trainiert. Was zeichnet sie aus?

Büchel: Vor allem, dass sie einen sehr sorgfältigen Aufbau pflegen. Lange Zeit, bis etwa 20, habe ich deutlich weniger trainiert als andere Athletinnen. Meinen Trainern war wichtig, dass sich mein Körper langsam an die Belastung gewöhnt. Jetzt sehe ich immer deutlicher, wie gut das war. Andere Athletinnen haben bereits in jungen Jahren sehr hart trainiert. Sie sahen damals aus wie ich heute und waren meist auch schneller. Jetzt fällt mir auf, dass sie öfters mit Verletzungen zu kämpfen haben als ich. Natürlich kann es auch mich treffen, aber ich glaube, es war richtig, behutsam vorzugehen. Jetzt ist mein Körper auf die zahlreichen und harten Trainings vorbereitet.

Gab es früher auch komische Reaktionen auf Ihren beschränkten Trainingsumfang?

Büchel: Ja, die gab es schon. Allerdings war auf meiner Seite wohl auch die Leistungsbereitschaft nicht immer da. Ich bin eher in den Spitzensport hineingerutscht. Mit 16 hatte ich nicht das Ziel, in die Weltspitze zu laufen. Ich habe Sport gemacht, weil ich Spass hatte. Natürlich wollte ich schnell sein, aber nie um jeden Preis. Das hatte wohl auch mentale Vorteile. Wenn man mit 20 schon alles ausgereizt hat, wie will man sich da noch verbessern? Ich habe hingegen Schritt für Schritt genommen. So wussten wir jedes Jahr, dass wir noch etwas herausholen können.

Stichwort Motivation: Sie sind in Paris eine sagenhafte Zeit von 1:57,95 gelaufen. Gibt es da überhaupt noch Raum nach oben?

Büchel: Ja, das kann man sich schon fragen. Ich habe mich so lange an der Zwei-Minuten-Grenze aufgerieben – und auf einen Schlag laufe ich eine 1:57-Zeit. Das war ein grossartiger Erfolg. Ich muss aber zugeben, dass es danach schwierig war, mich auf die weiteren Rennen zu konzentrieren. Der Druck war weg. Ich hatte mein Ziel früh in der Saison bereits erreicht.

Ist es denn nicht permanent das Ziel, schneller zu laufen?

Büchel: Ja, das ist es. Und ich weiss, dass es komisch klingt bei einer Leichtathletin: Aber an eine Verbesserung meiner persönlichen Bestleistung habe ich keinen Gedanken mehr verschwendet, nachdem ich die 1:57,95 gelaufen bin. Ich war so zufrieden mit dieser Zeit.

Dass tönt gerade so, als ob Sie gar nicht an die WM in Peking wollten.

Büchel: Nein, das natürlich nicht. Es ist einfach so, dass sich mein Ziel verschoben hat. Es geht nicht mehr darum, schnell zu laufen, sondern möglichst gute Rangierungen zu erzielen. Sicher hat mir aber auch die vierwöchige Pause gutgetan. Ich konnte konzentriert trainieren und mich mental auf die WM vorbereiten. Die 800 Meter sind eine sehr harte Distanz. Man muss bereit sein, bis zum Schluss zu kämpfen. Das kann man in einer Woche nicht zweimal machen. Ich bin deshalb froh, hatte ich Zeit, um meine Batterien wieder aufzuladen, damit ich bereit bin für die WM in Peking.

Sie sind in diesem Jahr über 800 Meter die viertschnellste Frau der Welt. Liegt in Peking eine Medaille in Griffweite?

Büchel: Wenn man sich die Weltbestenliste anschaut, könnte man durchaus auf diese Idee kommen. Man muss sich aber auch bewusst sein, dass das Niveau an der WM extrem hoch sein wird. Viele Athletinnen sind die vergangenen Wochen nur wenige Rennen gelaufen. Ich traue ihnen mehr zu, als sie bisher gezeigt haben. Deshalb ist mein Ziel, in den Final zu kommen.

Hand aufs Herz: Wären Sie nicht enttäuscht, wenn Sie keine Medaille holen würden?

Büchel: Wenn ich jetzt sage, eine Medaille ist das Ziel, gehe ich davon aus, dass die Finalteilnahme locker zu erreichen ist. Dann werde ich im Halbfinal herausfallen, weil ich im Kopf bereits im Final um die Medaille kämpfe. Ich will in erster Linie im Final dabei sein. Dort ist dann alles möglich.

Lange Zeit haben Sie in der Anonymität trainiert und unbemerkt Wettkämpfe absolviert. Nun reissen sich plötzlich die Journalisten um Sie. Wie ist das?

Büchel: Mit meiner Zeit in Paris habe ich eine Schallmauer durchbrochen. Als ich diese Zeit aufstellte, konnte ich damit rechnen, dass das Medieninteresse zunehmen wird. Vieles hat sich aber nicht geändert. Ich mache den Sport immer noch für mich, weil ich Freude daran habe.

Sie scheinen sehr gelassen mit dem Rummel umzugehen.

Büchel: Ja, das ist so. Ich nehme es auch nicht so ernst.

Hatten Sie zum Beispiel keinen Bammel, als Sie ins «Sportpanorama» eingeladen wurden, bei dem rund 300000 Leute zuschauen?

Büchel: Nein, nicht wirklich. Ich nahm es recht gelassen. Ich darf es fast nicht sagen, aber es war mir etwas gleichgültig. Die Medienarbeit wird schnell zum Alltag. Man sieht sie aus einem anderen Blickwinkel. Eins zu eins rüberzubringen, was man denkt, kann man eh nicht.

Würden Sie also nun lieber trainieren, als hier zu sitzen?

Büchel: Ja, das Training macht mir ehrlich gesagt schon mehr Spass. Grundsätzlich ist es aber schön, wenn mehr über Leichtathletik berichtet wird.

Sie scheinen sehr geerdet, Sie sind am liebsten zu Hause im Toggenburg, Sie gehen kaum in Trainingslager, Sie fliegen nach Wettkämpfen im Ausland sofort wieder nach Hause. Sind Sie ein Landei?

Büchel: Ja, ich glaub schon (lacht). Früher in der Sekundarschule habe ich mich dafür geschämt und war froh, dass ich nach Zürich in die Berufsschule konnte. Inzwischen sehe ich die Vorzüge des Landlebens immer mehr.

Was gefällt Ihnen daran?

Büchel: Als Läuferin ist es natürlich genial. Man kann einfach aus dem Haus gehen und loslaufen. Hier im Toggenburg gibt es schöne Laufwege, und auch die Landschaft ist super. In der Stadt, etwa in London, ist das schon etwas schwieriger.

Sagt Ihnen auch die Mentalität auf dem Land besser zu?

Büchel: Ich habe nichts gegen Stadtmenschen, ich fühle mich auch in der Stadt wohl. Das Leben auf dem Land gefällt mir einfach besser. Im übrigen arbeite ich ja in St.Gallen – auch wenn das keine riesige Stadt ist.

Sie haben eine Lehre als Raumplanungszeichnerin mit BMS gemacht. Nun arbeiten Sie in einem 30-Prozent-Pensum für ein Raumplanungsbüro. Wollten Sie nicht bereits früher stärker auf die Karte Sport setzen?

Büchel: Nein, das wollte ich nicht. Ausserdem hätte ich es mir auch gar nicht leisten können. Es war ja alles andere als gegeben, dass ich den Durchbruch schaffe. Früher während der Lehre oder der BMS war es manchmal hart, am Abend noch zu trainieren. Die Zeit fürs Training war oft knapp. Seit etwa drei Jahren arbeite ich deutlich weniger und geniesse es, dass ich mehr Zeit fürs Training habe. Am Morgen aufzustehen und als Erstes trainieren zu können, ist das Grösste. Danach fühle ich mich fit und wach, um in den Tag zu starten. Wenn ich jeweils um 10 Uhr ins Büro komme, haben meine Bürokollegen noch immer müde Augen. Ich dagegen bin hellwach.

Inzwischen benötigen Sie den Beruf wohl nicht mehr, um über die Runden zu kommen. Haben Sie sich schon mal überlegt, den Job ganz an den Nagel zu hängen?

Büchel: Ja, das ist schon ein Thema. Seit ich in St.Gallen arbeite, habe ich jedes Jahr das Pensum reduziert. Nun kommen noch die zusätzlichen Verpflichtungen gegenüber Medien und Sponsoren hinzu. Sowieso komme ich während der Wettkämpfe kaum zum Arbeiten, weil ich die Erholungszeit brauche. Mittlerweile habe ich auch das Gefühl, dass es für das Geschäft nicht mehr so einfach ist. Gleichzeitig gehe ich sehr gerne arbeiten und geniesse es, auf andere Gedanken zu kommen. Gerade wenn es im Training mal nicht so gut läuft, ist es wichtig, Ablenkung zu haben. Sonst würde ich den ganzen Tag darüber nachdenken. Ich werde mir nach der Saison dazu vertieft Gedanken machen. Nun steht erstmal die WM im Fokus.

Neonfarben: Selina Büchels Laufschuhe. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Neonfarben: Selina Büchels Laufschuhe. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))