Das Kreuz als Zeichen

ERMATINGEN. Für den Theologen und Autor Arnold Stadler wird eine künstlerische Intervention in Tuttlingen Anlass, über Glaube und Kunst nachzudenken. Die Künstlerin heisst Margaret Marquardt, sie lebt in Ermatingen.

Jochen Kelter
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Margaret Marquardt hat 2011 in einer sechsmonatigen Aktion den grossen Christus am Kreuz in der evangelischen Stadtkirche Tuttlingen mit Mullbinden völlig verhüllt. Vor ihn hat sie einen von der Decke bis auf den Altarboden reichenden roten «Lichtstrahl» gesetzt. «Ver bun den» gehört zu ihrem Werkkomplex «Heilung».

Verhüllen ist Zeigen

Diese Intervention, dieses «Sichtbarmachen» durch Verhüllen, wie er es nennen würde, hat den Romancier Arnold Stadler, Büchner-Preisträger 1999 und Chronist Oberschwabens, offenbar in ihren Bann geschlagen und zu einem Essay aus mehreren Textteilen veranlasst, der zusammen mit ästhetisch überzeugenden mehrfarbigen Fotografien der Kunstaktion in ihren verschiedenen Phasen als Buch vorliegt.

Stadler gesteht der Künstlerin ohne weiteres zu, dass ihre Arbeit keineswegs in einem christlichen Zusammenhang steht und dass «das Kreuz längst dem primär-kirchlichen Kontext entrissen und zu einer säkularisierten Metapher geworden» ist. Aber gerade aufgrund der aufgeladenen Symbolik des Kreuzes weist er sehr zu Recht darauf hin, dass Marquardts Eingriff auf mehr zielt als einen ästhetischen Effekt, ein rein ästhetisches Gelingen. «Das Verhüllen», schreibt Stadler, «ist ein Zeigen». Dass wir also des Trostes, des Eingebundenseins, der Heilung bedürfen. «Diese Kunst hat es nicht mit Ästhetik, sondern mit Wahrheit.» Wie alle wahre Kunst, möchte man anfügen, der es um mehr geht als Überraschungseffekt und schönen Schein. «Kunst ist ein Rettungsversuch: Die Wahrheit zum Vorschein bringen.» Die Wahrheit oder zumindest die Andeutung einer Alternative, der Utopie der Heilung und eines Aufgehobenseins. Das Kreuz, sagt Stadler, sei wohl noch immer das bekannteste Zeichen der Welt und das Gegenteil einer «Bankrotterklärung», nämlich «das Zeichen der Versöhnung von Himmel und Erde, Gott und Mensch», das Zeichen für die Erlösung des Menschen. Hierin mag man dem Autor folgen oder nicht. Aber bei der Lektüre wird rasch klar, dass es ihm um mehr geht als Kunst und Kunstgeschichte; mehrfach weist er darauf hin, welche Künstler der Moderne sich mit dem Kreuz beschäftigt haben: Malewitsch, Beuys, Tapies, Warhol, Rothko.

Kunst will mehr als Schein

Es geht um den verlorenen Glauben, dem sie nachtrauern, den Unglauben in der heutigen Welt. Das kann in Sätzen gipfeln wie diesem: «Der Unglaube ist auch ein Glaube», als könnten wir dem Glauben gar nicht entkommen. Nun ja.

Der studierte Theologe nimmt uns mit auf eine rasante Reise durch die Geschichte des Glaubens, des Kreuzes und seiner Kirchen: von der Hagia Sophia, der «Mezquita» von Córdoba über den visionären Fresko Piero della Francescas in der Basilika San Francesco in Arezzo, bis hin zur Tuttlinger Kirche. Das Wichtigste an Stadlers Schrift aber ist sein entschiedenes Bekenntnis zu einer Kunst, die mehr will als Schein und ästhetisches Wohlbehagen.

Arnold Stadler: Da steht ein grosses JA vor mir. Zu einer Arbeit von Margaret Marquardt. Jung und Jung, Salzburg 2013, 94 Seiten mit 14 farbigen Fotografien, Fr. 23.40. www.margaretmarquardt.ch

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