«Das kannte ich zuvor nicht»

Der FC St. Gallen empfängt diese Woche zweimal Luzern – heute um 20 Uhr im Cup-Achtelfinal und am Sonntag in der Meisterschaft. St. Gallens Alain Wiss über seinen ehemaligen Club, Trainings am Abend und seine Wohngemeinschaft.

Patricia Loher
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Herr Wiss, Ihre Mannschaft hat sich am Samstag beim FC Zürich in letzter Sekunde einen Punkt gesichert. Wie gross war die Erleichterung nach dem 2:2?

Alain Wiss: So etwas ist positiv für die Moral. Wichtig war auch, dass wir den Vier-Punkte-Vorsprung auf den FC Zürich wahren konnten. Für mich lief es nach meiner Einwechslung weniger gut: Ich hatte noch keinen Ball berührt, als wir das 1:2 kassierten.

Woran liegt es, dass St. Gallen eine schwierige Phase durchmacht?

Wiss: In Zürich hatten wir die Chancen, um 2:0 oder 2:1 in Führung zu gehen. Hinzu kam: Hätten wir die eine oder andere Aktion sauberer ausgespielt, wären wir zu weiteren guten Möglichkeiten gekommen. Es fehlt oft nicht viel, aber es ist das Entscheidende.

Sie sind aus Luzern gekommen und waren von Beginn an ein Leistungsträger. Hat Sie das überrascht?

Wiss: Überrascht war ich nicht, aber froh. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass alles reibungslos klappt, wenn man den Club wechselt. Ich kam aber nicht nach St. Gallen und sagte: Ich schaue einmal, wie das wird. Mein Ziel war es immer, hier Verantwortung zu übernehmen.

Wenige Wochen nach Ihrem Wechsel zu St. Gallen gab es mit dem Rücktritt von Saibene gleiche eine Veränderung. Wie erleben Sie seinen Nachfolger Joe Zinnbauer?

Wiss: Er ist ein Macher und bringt neue Ideen ein. Im Moment trainieren wir beispielsweise abends. Das kannte ich zuvor nicht. Aber der Hintergedanke ist klar: Wir sollen den Matchtag, der sich wesentlich von einem normalen Tag unterscheidet, simulieren. Auch in Bezug auf die Ernährung.

Was will Zinnbauer im Spiel des FC St. Gallen verändern?

Wiss: Wir schlagen nicht mehr jeden Ball gleich weg. Wir versuchen, von hinten aufzubauen und das Spiel zu machen. Unser Ziel ist es auch, vermehrt ein Pressing aufzuziehen. Noch klappt nicht alles so, wie es sollte. Aber wenn wir all das, was der Trainer will, umsetzen können, werden wir eine gefährliche Waffe besitzen.

Ist es ein Problem, dass Zinnbauer mit dem Team keine Vorbereitung absolvieren konnte? Dass er schnell viel ändern muss?

Wiss: Er versucht, in Testpartien während der Saison Abläufe durchzuspielen und Automatismen zu trainieren. Tests wie gegen Nürnberg, Wil oder Amriswil sind nicht dafür da, um einfach ein bisschen zu spielen. Wir gehen in jedes Testspiel mit deutlich definierten Zielen und Aufgaben.

Für die Mannschaft ist es ein Mentalitätswechsel: Vom eher ruhigen Saibene zum kommunikativen Zinnbauer.

Wiss: Zinnbauer ist ein Trainer, der in der Tat sehr viel Wert auf die Kommunikation legt. Wahrscheinlich ist es auch nicht jedem Spieler möglich, alle diese Informationen gleich gut aufzunehmen. Auch der Trainer selber sagt, er liefere dem Team zu Beginn sehr viele Informationen und dass er viel von jedem einzelnen fordere. Deshalb brauchen wir noch ein bisschen Geduld.

Sie haben vor Ihrem Wechsel zu St. Gallen immer für Luzern gespielt. Nun treffen Sie heute im Cup und am Sonntag in der Meisterschaft auf Ihr ehemaliges Team. Sind es spezielle Begegnungen?

Wiss: Es sind für mich natürlich spezielle Spiele. Allerdings war die erste Partie im August in Luzern noch ein bisschen aussergewöhnlicher. Zum erstenmal lief ich damals in diesem Stadion als Gegner auf und ich wusste nicht, wie mich die Zuschauer empfangen würden. Glücklicherweise ist alles gut über die Bühne gegangen.

Wie beurteilen Sie die Ausgangslage in diesen zwei Spielen?

Wiss: Die Chancen stehen in beiden Partien 50:50. Unser Vorteil ist, dass wir zu Hause spielen. Aber Luzern ist in dieser Saison sehr auswärtsstark. Eine grosse Bedeutung hat der Cup: Ich möchte unbedingt mit St. Gallen einmal einen Final erreichen. Ich glaube, das könnte eine aussergewöhnliche Erfahrung mit viel Gänsehaut werden.

Sie wohnen in Sirnach. Wie haben Sie sich eingelebt?

Wiss: Es passt sehr gut für mich, natürlich vermisse ich die Familie und meine Freundin, die in Luzern geblieben ist. Doch die Wege sind ja nicht weit. In Sirnach bilde ich mit Claudio Holenstein (ehemaliger Spieler des FC Wil, Red.) eine Wohngemeinschaft. Wir kennen uns aus unserer gemeinsamen Zeit in Luzern. Damals hat sich eine schöne Freundschaft entwickelt. Nun spielt er in Winterthur und bot mir an, bei ihm einzuziehen. Was wir erst später herausgefunden haben: Unsere Väter sind Verkehrspolizisten und spielten früher gemeinsam in der Polizei-Nationalmannschaft.

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