«Das ist zu wenig»

Missionschef Gian Gilli ist von den Schweizer Leistungen in London enttäuscht. Swiss Olympic prüft nun die Verteilung der Gelder, die Selektionen sowie die Einrichtung eines Olympiazentrums.

Markus Zahnd/London
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Reden an der Bilanz-Medienkonferenz nichts schön: Gian Gilli, Chef de Mission (rechts), und Jörg Schild, Präsident von Swiss Olympic. (Bild: ky/Laurent Gillieron)

Reden an der Bilanz-Medienkonferenz nichts schön: Gian Gilli, Chef de Mission (rechts), und Jörg Schild, Präsident von Swiss Olympic. (Bild: ky/Laurent Gillieron)

«Ich will nichts schönreden, wir haben unser Gesamtziel nicht erreicht», sagte Jörg Schild, Präsident von Swiss Olympic gestern in aller Deutlichkeit. Und auch Gian Gilli, der Chef der Schweizer Mission an den Olympischen Spielen in London, nahm kein Blatt vor den Mund: «Nur ungefähr fünfzig Prozent aller Schweizer Athleten haben am Tag X ihre Leistung abrufen können. Das ist zu wenig.» In seine Bilanz bezog der Bündner dabei nicht nur die verpassten Medaillen einzelner Athleten mit ein, sondern auch die geringe Anzahl an Diplomen. «Denn auch die ersten Plätze nach dem Podest zeigen, wie nahe ein Sportler an der Weltspitze ist.»

Die Leistungen vieler Schweizer bezeichnete Gilli nur als «solid», die Exploits hätten weitgehend gefehlt, die Goldmedaille von Steve Guerdat ausgenommen. Und selbstverständlich sei er auch mit den anderen Medaillengewinnern zufrieden. Die restlichen Verbände aber hätten ihn meist enttäuscht, «über einige Leistungen war ich erstaunt». Denn Gilli war wegen der hohen Anzahl von Athleten auf Weltklasseniveau sehr optimistisch an die Spiele gereist, das Ziel waren fünf bis sieben Medaillen.

Finanzielle Mittel kürzen

Weil dieses Ziel nicht erreicht wurde, wird Swiss Olympic – die Dachorganisation der Schweizer Sportverbände – nun über Konsequenzen nachdenken. «Wir dürfen uns nicht hinter den Ausnahmeathleten verstecken, uns fehlt die Breite», sagte Schild. Daher gehe es jetzt darum zu überprüfen, welche Verbände in Zukunft wie viel Geld erhalten sollen. «Dafür berücksichtigen müssen wir einige Aspekte, allen voran aber das Potenzial einer Sportart sowie deren Vertreter. Die Kriterien dafür haben wir bereits festgelegt.» Das geht allerdings nicht ohne Verlierer. Denn Swiss Olympic stehen nur begrenzte Mittel, die zum grössten Teil aus dem Lotteriefonds sowie vom Bund stammen, zur Verfügung. Einigen Verbänden, dessen Vertreter in London enttäuscht haben, droht nun eine Kürzung der Gelder.

Auch Gilli äusserte sich über mögliche Folgen des enttäuschenden Abschneidens. Für ihn stelle sich vor allem die Frage der Selektion. «Uns erstaunt schon, dass einige Athleten so weit hinter ihren zuvor gezeigten Leistungen waren.» Es müsse daher überprüft werden, ob nur die Resultate im Vorfeld als Massstab herangezogen werden können. «Denn an Olympischen Spielen ist das Niveau nochmals höher als in Weltcups.» Er stehe daher weiterhin für harte Selektionskriterien, «auch wenn zu wenige Schweizer Sportler an Olympischen Spielen nicht gut wären». Vielleicht müsse aber auch über die Herabsetzung des Ziels nachgedacht werden.

Das Wissen austauschen

Gilli ortete bei vielen Sportlern mentale Probleme. Um dieser Schwäche entgegenzuwirken, schwebt dem Bündner ein Olympiazentrum vor. Ein solches Zentrum soll Athleten und Trainern als Ort des Austauschs dienen. «Es gibt in vielen Verbänden regionale Zentren. Das ist gut. Aber es wäre sinnvoll, wenn es auch zwischen den Sportarten einen Austausch von Wissen und Erfahrung geben würde», so Gilli. Ob ein solches Zentrum realisiert werden kann, ist jedoch offen. Der Exekutivrat von Swiss Olympic werde sich diese Idee jedoch anschauen, sagte Schild.

Bild: MARKUS ZAHND/LONDON

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