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«Das ist Verrat am Fussball»: Ex-Fifa-Chef Sepp Blatter im Interview

Vor drei Jahren wurde er suspendiert. Doch was bei der Fifa passierte, beschäftigt Sepp Blatter noch immer.
Interview: Jürg Ackermann, Christian Brägger
Sepp Blatter, zwischen 1998 und 2015 Chef des mächtigsten Sportverbandes der Welt. (Bild: Michel Canonica, Zürich, 30. Mai 2018)

Sepp Blatter, zwischen 1998 und 2015 Chef des mächtigsten Sportverbandes der Welt. (Bild: Michel Canonica, Zürich, 30. Mai 2018)

Herr Blatter, Wladimir Putin persönlich hat Sie zur Fussball-WM eingeladen. Was haben Sie für ein Verhältnis zum russischen Präsidenten?

Ich kenne Putin schon lange – seit Lancierung der Kandidatur Russlands für die WM 2018. Seit über zehn Jahren. Nach der WM-Vergabe 2010 in Zürich sahen wir uns bei einem Nachtessen im Dolder. Er hat mir lange nicht zugetraut, dass wir die WM nach Russland vergeben würden. Als das feststand, wurde er offen und sagte: «Jetzt sind wir Freunde.»

Sie haben einander seither immer wieder getroffen?

Ja, das ergab sich in meiner Funktion als Fifa-Chef. In Sankt Petersburg versuchte er mich einmal zu einem Eishockeymatch zu überreden. Meine schlittschuhläuferischen Fähigkeiten genügen aber russischen Ansprüchen nicht. Deshalb winkte ich ab. Er war nicht nur zu mir sehr zuvorkommend.

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite regiert Putin mit eiserner Hand, tritt demokratische Prinzipien mit Füssen. War Ihnen das egal?

Über Politik habe ich mit ihm nie geredet. Das war nicht meine Aufgabe.

Aber als Fifa-Präsident hätten Sie die Möglichkeit gehabt, Einfluss zu nehmen.

Ich habe viele Staatspräsidenten getroffen. Nicht alle haben europäische oder amerikanische Prinzipien vertreten. Hätte ich mich einmischen oder nicht mit ihnen reden sollen? Ich kann als Fifa-Präsident nicht nur das gut finden, was genau so funktioniert wie in der Schweiz. Einmal traf ich Simbabwes Präsident Mugabe. Er litt schon damals an Parkinson. Als wir vor die Medien traten, nahm er meine Hand, damit sein Zittern nicht auffiel. Eine Zeitung schrieb danach: «Stellt euch vor. Der Blatter gibt dem Mugabe die Hand.» Das ist doch absurd. Ich hatte einfach Mitleid mit ihm.

Die Fifa steckt noch immer in einer Krise. Trotzdem sagen Sie, die Ausstrahlung der WM sei fantastisch. Wie geht das zusammen?

Ich werde nun schon zum elften Mal an einer Endrunde dabei sein. Das ist das grösste Sportereignis der Welt. Dass sie einen derart grossen Nimbus hat, ist fantastisch. Die Dramaturgie eines Fussballspiels ist kaum zu toppen. Das ist beste Unterhaltung – verbunden mit vielen Emotionen und Leidenschaft, auch wenn drum herum nicht alles stimmt.

Wie erklären Sie sich diese Faszination für den Fussball?

Der Fussball ist vergleichbar mit der klassischen griechischen Tragödie: Einheit des Ortes, eine Einheit der Zeit, Einheit der Handlung. Das begeistert die Menschen. Und jeder Mensch kickt schon als Säugling im Mutterleib. Das ist eine instinktive Bewegung. Schon im alten China vor unserer Zeitrechnung spielte man mit dem Ball. Auch die Azteken oder Mayas kannten Formen von Ballspielen. Und heute ist er eine Schule des Lebens. Er basiert auf Selbstdisziplin, auf Respekt, auf Fairplay.

Das sind schöne Worte. Die Fifa hat diese Werte mit Korruptionsaffären verraten.

Ich bin bis heute zutiefst enttäuscht von den Leuten, die das gemacht haben. Nehmen wir Jeffrey Webb. Er präsentierte sich bei seiner Wahl als Präsident der karibischen und nordamerikanischen Verbände als Heilsbringer. Ein Jahr später wurde er in Zürich verhaftet – und hat sofort zugegeben, dass er sich bereichert hat. Meine Gutgläubigkeit, mein Vertrauen wurden ausgenutzt.

Sie waren der Präsident. Sie trugen die Verantwortung. Auch in der Privatwirtschaft wird der CEO abgesetzt, wenn etwas falsch läuft.

Aber in der Privatwirtschaft wird niemand bestraft, der so erfolgreich geschäftet, wie wir das taten. Wir machten Rekordumsätze. Als ich 1975 zur Fifa kam, waren wir 11 Leute. Als ich suspendiert wurde, hatte die Fifa 1,4 Milliarden Reserven und eine Milliarde Cash. Da sehen Sie die Dimensionen. Der Fussball hat unter meiner Präsidentschaft einen weltweiten Siegeszug angetreten.

Die Fifa leidet bis heute unter dem Korruptionsimage aus Ihrer Ära.

Es ist zu einfach, alles mir anzuhängen. Bleiben wir bei den Fakten. Im September 2015 hat die Bundesanwaltschaft den Fall Platini-Blatter eröffnet, aber passiert ist seither nichts. Ich habe zwar einen super Rechtsanwalt, aber er hatte bisher nichts zu tun. Er musste mich noch gar nie in einem Straffall verteidigen. Wenn ich twittere, kommen manchmal Rückmeldungen von Leuten, die sagen: «Wir dachten, du seist im Gefängnis.» Das zeigt das schiefe Bild, das viele Leute von mir haben.

Warum sollen wir glauben, dass Sie keine Mitschuld tragen?

Ein Schuldspruch kann nur ein Richter fällen. Ich war als Fifa-Präsident nur verantwortlich für die Leute, die ich selber eingestellt habe, die am Fifa-Hauptsitz in Zürich gearbeitet haben. Und die waren nicht korrupt. Die Mitglieder des Exekutivkomitees, die der Korruption überführt wurden, wurden von den Konföderationen in Südamerika und in Nordamerika mit Karibik gewählt. Da hatte ich gar keinen Einfluss. Genau darum habe ich 2011 den Vorschlag lanciert, dass wir Exekutivmitglieder vor ihrer Wahl auf Herz und Nieren prüfen. Von wem kam das Veto? Von der Uefa. Sie wollte nicht, dass ein Fifa-Gremium ihre Leute kontrolliert. Die Fifa ist eine Organisation mit 211 Verbänden, mehr als bei der UNO. Auch in einzelnen UNO-Mitgliedsstaaten gibt es Korruption – aber ist deshalb die ganze UNO korrupt? Nein! Das Gleiche gilt für die Fifa.

Warum bietet der Fussball Nährboden für kriminelle Handlungen?

Das gibt es nicht nur im Fussball, sondern überall auf der Welt. Man muss die Relationen wahren: Von den 40 Funktionären, die die US-Justiz verhaftet hat, sind nur wenige verurteilt worden.

Die Fifa will das Teilnehmerfeld der WM auf 48 Teams aufstocken.

Wir sind mit 32 Teilnehmern gut gefahren. Ein überblickbares Feld, das hochstehenden Fussball garantierte. Eine Aufblähung trägt sicher nicht zu einer Steigerung der Qualität bei.

Neu soll auch in Dreiergruppen gespielt werden.

Das ist Unsinn, weil es Raum für Absprachen öffnet, weil eine Mannschaft im letzten Gruppenspiel Zuschauer ist. Genau das ist an der WM 1982 in Spanien passiert, als die letzten Gruppenspiele noch nicht zeitgleich stattgefunden haben. Dass wir von der Fifa beim abgekarteten Spiel zwischen Österreich und Deutschland, der Schande von Gijon, nicht eingegriffen haben, bereitet mir noch heute Kopfzerbrechen. Dabei handelte es sich nur um ein Vorrundenspiel.

Die Fifa führt in Russland den Videobeweis ein.

Das ist viel zu früh, viel zu überstürzt. In allen Meisterschaften, in denen er getestet wurde, gab es grosse Probleme. Die meisten Schiedsrichter, die in Russland zum Einsatz kommen, haben noch gar keine Matchpraxis mit dem Videobeweis. Das ist keine gute Voraussetzung.

Was sagen Sie dazu, dass Ihr Nachfolger Gianni Infantino mit 22 Milliarden Sponsorengeldern eine Club-WM aufziehen will?

Eine Club-WM mit 24 Mannschaften und dann an einen Investor verkaufen: Das ist Verrat am Fussball. Die besten Spieler können nicht ständig spielen. Und im Kalender hat es gar keinen Platz mehr. Wir bräuchten dann einen gregorianischen Kalender mit 500 Tagen. Aber ich kritisiere nicht nur die Fifa.

Sondern?

In der Uefa geistern Ideen herum, die Champions League künftig am Wochenende durchzuführen. Um Himmels Willen: Lasst doch das Wochenende den nationalen Meisterschaften, den Amateurclubs. Es droht eine Übersättigung. Der Fussball nimmt anderen Sportarten immer mehr Popularität und Geld weg. Darum sollte er nicht noch grösser werden, sondern dort bleiben, wo er jetzt ist.

Wird der Fussball kollabieren, wenn er ständig wächst?

Nein, der Fussball nicht. Aber bei der Fifa würde ich das nicht ausschliessen. Der nächste Kongress wird darum wegweisend sein. Sollte man tatsächlich beschliessen, eine aufgeblasene Club-WM einzuführen, dann könnte eines Tages alles implodieren. Infantino hat den Verbänden versprochen, dass sie noch mehr Geld erhalten.

Die Fifa hat den Fussball schon unter Ihrer Führung verkauft, indem sie die WM 2022 an Qatar, an ein Land ohne Fussballtradition, vergab.

Das war kein Verkauf. Mitentscheidend war damals eine politische Intervention des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, der Michel Platini empfahl, aus wirtschaftspolitischen Gründen für Qatar zu stimmen.

Die Bundesanwaltschaft gab bekannt, dass sie kein Verfahren gegen Platini führt. Was heisst das für Sie?

Ich hoffe: Etwas Gutes! Die 2-Millionen-Zahlung an Platini, die Gegenstand der Ermittlungen ist, war ein legaler Vorgang. Platini, mit dem ich übrigens nur noch über meinen Anwalt verkehre, hat uns eine Rechnung mit dem Lohnausstand geschickt. Dies wurde dann wie eine normale Lohnzahlung behandelt mit Sozialabzügen und allem. Die Fifa-Finanzkontrolle hat das abgesegnet.

Es gab aber keinen schriftlichen Vertrag.

Wir hatten einen mündlichen Vertrag.

Sie kämpfen um Ihre Rehabilitation. Warum geniessen Sie bei einem Glas Walliser Rotwein nicht Ihren Lebensabend?

Da verstehen Sie mich falsch. Ich will nicht zurück in den Fussball. Ich will nur, dass der Fall von der Bundesanwaltschaft sauber gelöst wird.

Es gibt noch ein anderes Problem. Sie verschacherten TV-Rechte unter dem Marktwert an Jack Warner, dem Präsidenten des karibischen Fussballverbandes, der diese dann teuer weiterverkaufte. Damit sicherten Sie sich Loyalitäten.

Dieser Fernsehvertrag war rechtens. Er wurde im Jahr 2000 aufgesetzt. Kein Mensch wusste damals, wie sich die Fernsehrechte entwickeln würden. Zudem war Warner verpflichtet, 50 Prozent der Profite der Fifa zurückzuzahlen. Das ist doch kein strafrechtlicher Vorgang.

Aber Sie haben einem Funktionär vertraut, der später mehrfach der Korruption überführt wurde.

Ich bin von Natur aus ein vertrauensvoller Mensch und habe nach bestem Gewissen gehandelt. Als das grosse Theater mit der US-Justiz kam, war das darum wie ein Erdbeben. Das hat mir zugesetzt, ich habe mich bis heute nicht richtig erholt davon. Als ich abtrat, hatte die Fifa 2,4 Milliarden auf der Seite. Der neue Präsident Gianni Infantino sollte mir dafür danken, dass er sein Amt so antreten konnte.

Er distanziert sich bei jeder Gelegenheit von Ihnen. Warum?

Das müssen Sie ihn selber fragen. Das war nicht immer so. Als er im Februar 2016 Fifa-Präsident wurde, hat er bei mir einen Wein getrunken und Salami gegessen. Er sicherte mir zu, dass ich die privaten Dinge bei der Fifa noch regeln kann. Ich habe bis heute keine Antwort von ihm. Seither ist Funkstille und wir kommunizieren nur noch über unsere Anwälte.

Sie haben ein Buch geschrieben, auf Französisch, mit dem Titel «Ma verité». Ist das auch «la verité»?

Die Wahrheit? Niemand hat sie. Das ist ein Buch darüber, wie ich im Leben stehe, wie ich die Dinge sehe, was ich erlebt habe. Das ist keine Revanche. Es hat in Frankreich viele Kommentare ausgelöst.

Was ist Ihre grösste Leistung in Ihren Jahren als Fifa-Präsident?

Ich bin zufrieden, dass der Fussball weltweit organisiert gespielt wird und dass er so viele Leute zusammenbringt. Dass der Fussball – auch mit Unterstützungsgeldern von der Fifa – viele Kinder von der Strasse wegholt und ihnen eine Perspektive gibt, ist eine grossartige Leistung. Der Fussball ist ein sozial-kulturelles Gut geworden, in allen Schichten. Da fällt mir grad noch eine Episode ein.

Erzählen Sie.

2011 am Eröffnungsspiel der Frauen-WM zwischen Deutschland und Kanada sass ich neben Angela Merkel. Plötzlich stand sie auf und rief aus voller Kehle: «Schiedsrichter! Schiedsrichter!» Dann setzte sie sich wieder und sagte zu mir. «Das sollte ich nicht tun. Aber Sie sind doch mit mir einverstanden, dass das ein Fehlentscheid des Schiedsrichters war?!» Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie im Fussball die sozialen Unterschiede aufgehoben werden. Der Arbeiter und der Rechtsanwalt, die Politikerin und der Buschauffeur sind im gleichen Stadion. Sie alle können gleichwertig als Spezialisten über ein Spiel diskutieren.

Wer wird eigentlich Weltmeister?

Der Sieger des Finals (lacht). Im Ernst: Brasilien, Deutschland und Frankreich sind die Favoriten. Nigeria ist Aussenseiter. Und wenn die Schweiz die Vorrunde übersteht, dann ist das schon gut.

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