«Das ist eine vergessene Kunst»

Luganos Trainer Doug Shedden nimmt zum sechstenmal in Serie am Spengler Cup teil. Der Kanadier vor dem heutigen Spiel gegen Jokerit Helsinki über Ansprachen, das Forcieren von Spielern und die Beziehung zu Damien Brunner.

Kristian Kapp/Davos
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Herr Shedden, viermal mit dem Team Canada, einmal mit Medvescak und nun mit Lugano – egal, wo Sie gerade arbeiten, eines bleibt gleich: Im Dezember coachen Sie ein Team am Spengler Cup.

Doug Shedden: Es ist wirklich lustig, wie es immer dazu kommt. Aber es ist übrigens auch grossartig, hier zu sein. Und in Kanada werden die Spiele am TV gezeigt. Ich erhalte nach jedem Spiel über hundert SMS von Freunden in der Heimat.

Ihr Team Lugano gewann am Samstag zwar das Startspiel gegen Mannheim 6:3, lag aber zunächst 0:3 zurück.

Shedden: Wir hatten am 24. und 25. nicht trainiert, das merkte man. Wir hatten keine Beine. Ich war sicher: Mannheim hat viele Spieler, die in den 1970er-Jahren geboren sind, also müsste unser Tempo sie besiegen. Danach wachten wir auf.

Damien Brunner sagte, Sie seien nach dem Startdrittel in die Garderobe gekommen und hätten eine «letzte Warnung» ausgesprochen. Was ist die «letzte Warnung»?

Shedden: Ich habe keine Ahnung, wovon er spricht (lacht). Ich habe versucht, nicht herumzuschreien. Und ich habe auch nicht geschrien. Ich sagte den Spielern nur: «Wir hatten einen Deal. Wir wollten nicht nach Davos kommen und wie ein schlechtes Team aussehen, das nicht kämpft. Also schaut euch in die Augen und sagt: <Wir werden hier arbeiten!>» Und diese drei Schweden (Fredrik Pettersson, Linus Klasen, Tony Martensson, die Red.) können manchmal ziemlich gut sein.

Sie übernahmen Lugano als letztklassiertes Team in der Nationalliga A. Nun belegen Sie Platz fünf. Was haben Sie gemacht?

Shedden: Das Team ist gut, das muss man festhalten. Ich weiss nicht, was vorher passiert ist, und ich will es auch nicht wissen. Was mich kümmert ist das, was jetzt passiert. Wir wollen, dass die Spieler ihr Tempo nutzen. Wir haben Leute wie Gregory Hofmann oder Alessio Bertaggia, die gute Skater sind. Das wollen wir nutzen.

In Zug wurden Sie kritisiert, Ihre besten Spieler zu sehr zu forcieren. Das gleiche wird Ihnen nun in Lugano mit den Schweden nachgesagt. Was sagen Sie dazu?

Shedden: Ich sage, dass Leute, die das behaupten, keine Ahnung haben.

Wirklich?

Shedden: Wir messen in jedem Spiel die Eiszeit der Akteure. Die Schweden kommen auf 19 Minuten, die Spieler in der vierten Linie auf 10 bis 12 Minuten. Die Schweden und die guten Akteure wie Damien Brunner spielen Powerplay und Boxplay und die wichtigen Minuten. Ich spiele mit vier Linien. Aber in den letzten Minuten eines Drittels achte ich darauf, je nach Spielstand die richtigen Leute zu bringen. Andere Coaches tun das vielleicht nicht, ich schon. Ich achte auf solche Details. Das ist eine vergessene Kunst des Coachens.

Also wird in Lugano die Energie kein Faktor sein im Playoff?

Shedden: Nein. Wir spielen hier 50 Partien, nicht 82 wie in der NHL. Wir haben nicht einmal richtige Reisen. Wir haben hier vier Pausen während der Saison. Wie soll man da müde sein?

Ein Pettersson scheint seine eigenen Grenzen aber nicht zu kennen.

Shedden: Ja, er ist unser energiegeladener Hase. Wir hatten unsere Probleme. Nach einem schwierigen Start läuft es nun gut zwischen uns.

Einen schwierigen Start?

Shedden: Er arbeitete nicht hart genug. Also, er selbst glaubte schon, er arbeite hart genug. Aber das tat er nicht.

In Lugano sind Sie wieder auf Damien Brunner getroffen. Braucht er eine gute Beziehung zum Coach, damit er produziert?

Shedden: Ich weiss nicht genau, wie er mit anderen Coaches auskam. Mike Babcock in Detroit mochte er gut, den Coach in New Jersey weniger. Wir zwei hatten immer eine spezielle Beziehung. Diese war zunächst sehr einseitig, als er jünger war. Ich musste mich richtig um ihn kümmern. Heute ist er zu einem Mann herangewachsen. Aber unsere Beziehung ist immer noch speziell, auch wenn wir uns mittlerweile ruhiger unterhalten. Ich bin ein Trainer, der seine Spieler gerne gut kennen will, auch persönlich und wie es ihren Familien geht.

Sie selbst scheinen ruhiger als der Doug Shedden damals in Zug.

Shedden: Wenn du älter wirst, wirst du automatisch ruhiger. Und ich hatte vor einem Jahr gesundheitliche Probleme. Nach dem Aus in Zug ging ich nach Florida und erlitt dort einen Herzinfarkt. Das half mir, ruhiger zu werden.

Geht es Ihnen heute wieder gut?

Shedden: Ja. Eine der Arterien war zu 98 Prozent verstopft. Das hatte ich nicht gewusst. In meinem letzten Jahr in Zug war mir bloss aufgefallen, dass mir die Energie fehlte. Das war aber nicht der Grund, warum wir oft verloren (lacht).

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