«Das ist ein Warnschuss vor dem Olympiajahr» – Nino Schurter will an der EM im Tessin seine verkorkste Saison retten

Nino Schurter ist die Mini-Saison bisher missglückt. An der EM im Tessin will er Versöhnung mit dem Rennglück.

Raphael Gutzwiller
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Bisher fehlte sein Rennglück: Nino Schurter.

Bisher fehlte sein Rennglück: Nino Schurter.

Bild: Keystone (Leogang, 9. Oktober 2020)

Für Nino Schurter ist es ein ungewohntes Gefühl. In den letzten Jahren stand der Mountainbike-Star immer dann im Zentrum des Interesses, wenn er wieder einen seiner vielen Titel geholt hat. Diesmal aber sitzt er in einer Medienrunde auf der Veranda in Vezia in der Nähe von Lugano und muss zu ungemütlicheren Fragen Stellung nehmen. Warum ihm das Rennglück abhanden gekommen sei. Oder welche Schlüsse er aus den letzten Enttäuschungen gezogen habe. «Ich würde natürlich lieber über Siege sprechen», sagt Schurter. «Aber vielleicht ist es gar nicht schlecht. Die Resultate sind ein Warnschuss vor dem Olympiajahr.»

Die Titelverteidigung an den Olympischen Spielen ist das erklärte Ziel von Nino Schurter. Vielleicht lassen sich auch dadurch die enttäuschenden Leistungen in dieser kurzen Saison zum Teil erklären. An der WM gab es nur den neunten Rang, in den beiden Weltcuprennen ebenfalls keinen Sieg. Schurter begründet:

«Die gewohnte Planung fiel in diesem Jahr komplett auseinander. Als die Olympischen Spiele auf 2021 verschoben wurden, hat sich der Fokus in diese Richtung entwickelt. Wenn das Ziel ein bisschen in die Ferne rückt, fehlt vielleicht das gewisse letzte Prozent.»

In Leogang fehlte im WM-Rennen noch einiges mehr als dieses eine Prozent, um tatsächlich um den Titel fahren zu können. Das Wetter fiel nicht zu Gunsten von Schurter aus, der auf dem schlammigen Terrain auch darum nicht zu den schnellsten zählte, weil er sich in der Materialwahl vertan hatte.

Das Wetter spielt mit

Im Tessin werden diese Probleme nicht auftauchen. Während des Gesprächs lugt die Sonne hinter den Wolken hervor, am Renntag soll es sonnig sein. «Das Wetter hier gefällt mir bedeutend besser», sagt Schurter. «Darum bin ich optimistisch, dass das Rennglück wieder zurückkommt.»

Guter Wetter gefällt Nino Schurter besser.

Guter Wetter gefällt Nino Schurter besser.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Tatsächlich fehlte in den bisherigen Auftritten auch das Wettkampfglück. Mal war es ein Sturz, mal ein taktischer Fehler, mal die falsche Materialwahl. «In dieser jetzigen Phase merke ich plötzlich, wie viel in den letzten Jahren zusammengepasst hat, damit ich so viele Erfolg haben konnte. Wenn es läuft, dann läuft es. Da will ich wieder hin.»

Die EM im Tessin ist für Schurter eine Chance, um sich wieder gute Gefühle zu holen –auch wenn er sagt, dass der Titel kaum grossen Einfluss auf das Olympiajahr hätte. «Aber ich war noch nie Europameister in der Elite. Darum ist meine Motivation hoch.» Was Schurter dabei nicht erwähnt: Er ist nur deshalb noch nie Europameister geworden, weil er gewöhnlich an der EM gar nicht an den Start geht. Der Stellenwert der Meisterschaften ist nicht hoch, selbst Weltcuprennen werden höher gewichtet. Anders ist es in diesem Jahr aufgrund der aussergewöhnlichen Situation, wonach die EM neben zwei Weltcuprennen und der WM als einziger Wettbewerb stattfindet.

Und so lädt die Startliste für die heutigen Elite-Rennen zum schwärmen ein. Die Topfahrer stehen am Start. Sie sehnen sich nach den vielen Ausfällen nach Rennen auf höchstem Niveau. Einer davon ist Mathias Flückiger, Silbermedaillen-Gewinner an der WM. «Wenn es nach mir ginge, sollte die Europameisterschaft wieder einen höheren Stellenwert bekommen», so der Berner, der sich nach der Medaille keinen zusätzlichen Druck machen möchte. «Ich habe gelernt, locker zu bleiben. Dann ist die Chance auf Erfolg höher.»

Mathias Flückiger mit seiner Silber Medaille. Kommt heute wieder eine dazu?

Mathias Flückiger mit seiner Silber Medaille. Kommt heute wieder eine dazu?

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Diese Chance ist natürlich auch gestiegen, weil der einstige Dominator und stetige Topfavorit plötzlich Mühe bekundet. «Ich glaube nicht, dass Nino schlechter geworden ist, sondern, dass sich viele verbessert haben», sagt Flückiger. «Klar ist: der Kampf um Medaillen ist offener geworden.» Dem einstigen Dominator Nino Schurter kann dies nicht gefallen.

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