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Brasiliens grosses Hoffen auf Neymar Júnior

Vier Jahre nach dem 1:7 im WM-Halbfinal gegen Deutschland zählt Brasilien wieder zu den Favoriten. Wie 2014 ruhen die Hoffnungen auf Superstar Neymar. Die Frage ist: Erreicht er rechtzeitig seine Bestform?
Raphael Gutzwiller
Gott sei Dank: Bei seinem Comeback gegen Kroatien erzielte Neymar den Führungstreffer, am Ende stand es 2:0 für Brasilien. (Bild: Peter Powell/EPA (Liverpool, 3. Juni 2018))

Gott sei Dank: Bei seinem Comeback gegen Kroatien erzielte Neymar den Führungstreffer, am Ende stand es 2:0 für Brasilien. (Bild: Peter Powell/EPA (Liverpool, 3. Juni 2018))

Es war die zweitschlimmste Niederlage in der Geschichte des brasilianischen Fussballs. Gewiss, die Tragkraft der Pleite von 1950 im WM-Final gegen Uruguay konnte dieses 1:7 an der Heim-WM 2014 nicht erreichen. Doch die Kanterniederlage gegen Deutschland im WM-Halbfinal ging in die brasilianische Fussballgeschichte ein, zu der ja auch fünf Weltmeistertitel gehören.

Die WM 1950 absolvierte Brasilien ebenfalls im eigenen Land. Nach der 1:2-Niederlage gegen Uruguay im mit rund 200 000 Zuschauern gefüllten Nationalstadion Maracanã ersetzten die Brasilianer ihre weissen Trikots und wechselten auf das heute legendäre Gelb mit den blauen Hosen. Weitreichende Folge hatte die Niederlage für den damaligen Torhüter Paulo Moacyr Barbosa Nascimento. Er wurde zum Sündenbock ernannt, später beschrieb er sein restliches Leben als Qual. Kurz vor seinem Tod im Jahr 2000 sagte er in einem Interview: «Die höchste Strafe in Brasilien sind 30 Jahre Haft. Aber meine Haftstrafe sitze ich nun seit 50 Jahren ab.»

Nach dem 1:7 gegen Deutschland 2014 passierte verhältnismässig wenig. Auch wenn man in Stürmer Fred wieder einen Sündenbock fand, der im Spiel um den dritten Platz nicht mehr eingesetzt wurde und danach nie mehr ein Aufgebot für das Nationalteam erhielt. Auch wechselte man den Trainer, auf Luiz Felipe Scolari folgte Carlos Dunga. Mit Dunga engagierte man einen Mann aus der Vergangenheit, er war schon von 2006 bis 2010 Brasiliens Nationaltrainer gewesen. Der Retro-Versuch endete im nächsten Debakel. Im Juni 2016 schied Brasilien wegen einer 0:1-Niederlage gegen Peru bereits in der Gruppenphase der Copa America aus.

Es war das früheste Out der Seleção bei der Copa seit 1987. Dieses Debakel löste auf höchster Ebene einen Prozess der Neuorientierung aus. Adenor Leonadro Bachi mit dem Künstlernamen Tite übernahm das Zepter an der Seitenlinie. «Bei meinem Amtsantritt war der Druck ein komplett anderer. Es ging darum, Brasilien irgendwie zur WM zu bringen», erinnert sich Tite. Und das gelang überragend: Mit zehn Siegen und zwei Unentschieden qualifizierte man sich als Sieger der Südamerika-Gruppe für Russland.

60 Jahre nach dem ersten WM-Titel für Brasilien steigt die Seleção einmal mehr als einer der Topfavoriten in die Weltmeisterschaft. Das hochgelobte und stets verehrte Joga Bonito bekam unter Tite einen neuen Anstrich. Man setzte auf eine organisierte Abwehr, agierte im Mittelfeld schnörkellos und vertraute vorne auf die Geniestreiche von Neymar Júnior.

Doch ob Neymar an der Weltmeisterschaft mittun kann, war lange ungewiss. Gross war die Aufregung gewesen Ende Februar. Im Ligaspiel gegen Olympique Marseille verletzte sich der brasilianische Superstar. Erinnerungen wurden wach: Vor vier Jahren im Final gegen Deutschland fehlte Neymar nämlich ebenfalls verletzt. Im Viertelfinal gegen Kolumbien war er von Gegenspieler Juan Zuniga übel gefoult worden. Wie das Ergebnis im Halbfinal ohne Neymar gegen den späteren Weltmeister aussah, wissen wir.

Unter riesigem Rummel traf der Mann in Rio ein, wo er von Brasiliens Teamarzt operiert wurde. Sein Aufbautraining absolvierte Neymar dann in der Heimat. Noch ist der Gesundheitszustand des Superstars ungewiss, zuletzt ging es aber steil bergauf. Am Sonntag im Testspiel gegen Kroatien gab er sein Comeback, er wurde zur Pause eingewechselt. Nach einem herrlichen Solo traf er zum 1:0. «Seine Präsenz hat uns besser gemacht», lobte danach Nationaltrainer Tite. Und die brasilianischen Fans wurden wieder einmal darin bestärkt, dass ein möglicher Weltmeistertitel von der Formkurve Neymars abhängt. Er steht jetzt bei 54 Toren in 83 Länderspielen. Neymar selber sagte nach seinem Auftritt gegen Kroatien, er sei erst bei 80 Prozent. Ob er spielen wird, stehe aber nicht in Frage. «Ich bin fit, und mein Fuss fühlt sich gut an. Ich fühle mich nicht komplett wohl, habe immer noch ein bisschen Angst, in die Zweikämpfe zu gehen, aber das wird mich nicht vom Spielen an der Weltmeisterschaft abhalten.» Früher machte er bereits einmal jene Aussage, die zeigt, wie viel ihm ein WM-Titel bedeuten würde: «Ich hoffe, dass mein Traum von einem WM-Titel diesmal nicht wieder vorzeitig unterbrochen wird.»

Brasilianische Superstars haben Tradition

In der brasilianischen Fussballgeschichte haben Superstars eine so lange Tradition wie in keinem anderen Land der Welt. Stets hatten die Brasilianer einen Leader, einen Hoffnungsträger, einen Fussballgott. Zuerst war es Pelé, der wohl beste Fussballer der Geschichte, später hatte man Garrincha, Zico, Sócrates, Romario, Rivaldo und Ronaldo. Alle wurden mindestens einmal Weltmeister.

Und nun hat man eben Neymar. Zweifelsohne ist er fussballerisch für die Mannschaft enorm wichtig. Sein Mitspieler Marcelo sagt etwa: «Es ist eine grosse Ehre, mit einem Spieler wie ihm für die Seleção aufzulaufen.» Philippe Coutinho meint: «Messi und Ronaldo sind schon seit vielen Jahren da oben. Es wäre Zeit für andere Spieler, zu beweisen, der Beste der Welt zu sein.» Dabei dachte er natürlich an Neymar. An den Zauberer am Ball, der jeweils die ganze Aufmerksamkeit von gleich mehreren Verteidigern auf sich zieht. Mit seinen Dribblings kommt er entweder durch oder öffnet durch das Binden mehrerer Verteidiger Räume für seine Mitspieler.

Inzwischen gibt es gar Stimmen, die besagen, dass Neymar im überhöhten Markt der Fussballer mehr als jene 222 Millionen Franken wert sein könnte, die Paris im letzten Sommer bezahlte. Real Madrid soll für ihn inzwischen angeblich über 400 Millionen Franken bieten.

Neymar ist zwar der grosse Hoffnungsträger, aber auch sonst kann Brasilien auf viele namhafte Spieler zählen. Die Wunschelf für das Startspiel gegen die Schweiz hat Nationaltrainer Tite übrigens bereits im Februar kommuniziert. Bis auf Dani Alves (Paris) sind davon auch alle in Russland mit dabei. Die Startelf Brasilien sähe demnach so aus: Alisson (Roma); Marcelo (Real), Miranda (Inter), Danilo (Manchester City); Paulinho (Barcelona), Renato Augusto (Peking Guoan), Casemiro (Real Madrid); Neymar, Coutinho (Barcelona) und Gabriel Jesus (Manchester City). Ausser Marcelo hat keiner dieser Spieler beim 1:7 gegen Deutschland gespielt.

Brasilien

Einwohner: 207,7 Millionen
Weltrangliste: 2
WM-Teilnahmen: 21
WM-Titel: 5 (1958, 1962, 1970, 1994, 2002)
Gründung Verband: 1914
Beitritt zur Fifa: 1923

Besonderheit

Der Schimpanse Tiao kandidierte 1988 bei der Bürgermeisterwahl von Rio de Janeiro für die Bananenpartei. Wahlmotto: «Wählt einen Affen – ihr bekommt einen Affen!» Er erzielte mit 400 000 Stimmen das drittbeste Ergebnis der 12 Kandidaten.

Kader

Torhüter: Alisson (AS Roma), Ederson (Manchester City), Cassio (Corinthians).

Verteidiger: Marquinhos (Paris Saint-Germain), Thiago Silva (Paris Saint-Germain), Miranda (Inter Mailand), Pedro Geromel (Gremio Porto Alegre), Danilo (Manchester City), Fagner (Corinthians), Filipe Luis (Atlético Madrid), Marcelo (Real Madrid).

Mittelfeld: Casemiro (Real Madrid), Fernandinho (Manchester City), Fred (Schachtar Donezk), Paulinho (Barcelona), Philippe Coutinho (Barcelona), Renato Augusto (Peking Guoan), Willian (Chelsea).

Stürmer: Douglas Costa (Juventus Turin), Gabriel Jesus (Manchester City), Neymar (Paris Saint-Germain), Roberto Firmino (Liverpool), Taison (Schachtar Donezk).

Trainer: Tite.

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