"Das Geld war zweitrangig"

Einst war der Ostschweizer Moreno Costanzo Captain bei Young Boys, in der kommenden Rückrunde spielt er nun für den FC Aarau. Der 26-jährige frühere Spieler des FC St.Gallen will seine ins Stocken geratene Karriere neu lancieren.

Alexandra Pavlovic
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Vor seinem Wechsel 2010 zu den Young Boys absolvierte Costanzo fast 70 Spiele für St.Gallen. (Bild: Keystone)

Vor seinem Wechsel 2010 zu den Young Boys absolvierte Costanzo fast 70 Spiele für St.Gallen. (Bild: Keystone)

Herr Costanzo, Sie verbrachten zuletzt bei YB mehr Zeit auf der Bank als auf dem Rasen. Wie ist es für einen Spieler, nicht mehr erste Wahl zu sein?
Es ist logisch, dass man als Spieler nicht zufrieden ist. Jedoch gibt es das im Fussball, man muss lernen, damit umzugehen. Als Mensch darf man sich nicht zurückversetzt fühlen, sondern muss nach Lösungen suchen.

Lösungen wie einen Vereinswechsel?
Ja, zum Beispiel.

Wieso haben Sie sich für den FC Aarau entschieden?
Der Präsident, der Sportchef und auch der Trainer wollten mich. Ich spürte deren Vertrauen und sah beim FC Aarau eine Perspektive, um mehr spielen zu können. Auch dass ich an meinem alten Wohnort bleiben kann, hat mit eine Rolle gespielt.

Welches Ziel haben Sie nun mit dem FC Aarau?
Dass wir in der Super League bleiben. Als Spieler möchte ich gerne meinen Beitrag dazu leisten. Da ich als offensiver Mittelfeldspieler an Toren und Assists gemessen werde, ist es mein Ziel, diese Erwartungen zu erfüllen.

In Bern gelang Ihnen das offensichtlich nicht. Wieso standen Sie zuletzt auf dem Abstellgleis, wo Sie doch mit Uli Forte einen Trainer hatten, der Sie stets förderte?
Ich pflege mit Uli Forte noch heute ein gutes Verhältnis. Wir haben stets offen miteinander kommuniziert, so auch, als ich mit meiner Situation nicht mehr zufrieden war. Da habe ich das Gespräch gesucht. Wenn aber von einer Person 15 Tore und 20 Assists pro Saison erwartet werden und man nur sieben Tore und sieben Assists macht, ist die Zufriedenheit weder beim Spieler noch bei den Verantwortlichen da.

Welche Gedanken macht man sich als Spieler in einer solchen Phase über seine Karriere?
Viele. Ich habe bei YB Höhen und Tiefen erlebt. Als ich 2010 nach Bern kam, hatte ich ein Hoch. In der ersten Saison lief es mir perfekt. Noch dazu das Nati-Debut, wo ich gleich ein Tor schoss. Dann wurde ich auch noch Captain bei YB, eine grosse Ehre für mich. Mein Ziel war es ein bis zwei Jahre weiter auf diesem Level zu spielen, um mich danach fürs Ausland zu empfehlen. Aber im Fussball läuft es nicht immer nach Plan. Das Team hatte dann eine schwache Phase. Auch ich habe zuletzt nicht wirklich gut gespielt, dazu stehe ich. So kam das eine zum anderen. Ich wollte aber nicht stehen bleiben, sondern in meiner Karriere einen neuen Schritt wagen.

Einige behaupten, dass der Wechsel von YB nach Aarau ein Rückschritt ist. Wie sehen Sie das?
Es ist sicherlich ein Rückschritt, da will ich nichts beschönigen. Das ist Realität. Ebenso habe ich damit gerechnet, dass sich wegen meines Wechsels kritische Stimmen zu Wort melden. Damit muss jeder Spieler rechnen, sonst ist er im falschen Geschäft. Dennoch muss man im Fussball wie auch im Leben manchmal einen Schritt zurückmachen, um danach zwei Schritte vorwärts zu kommen.

Dass dies funktioniert, hat Davide Callà, der zuvor auch bei Aarau spielte und mittlerweile beim FC Basel mitmischt, bewiesen. Sie hätten aber auch ins Ausland zu den New York Red Bulls gehen können. Wieso haben Sie dieses Angebot ausgeschlagen?
New York Red Bulls klingt sicherlich besser als Aarau. Dennoch wird dort ein anderer Fussball gespielt. Als Spieler ist man in Amerika oft nicht zu Hause, da man aufgrund der grossen Distanzen bereits einige Tage vorher anreisen muss. Für mich als Familienvater nicht die ideale Lösung.

Aber in New York hätten Sie bestimmt mehr verdient.
Das stimmt. Das Angebot aus Amerika war lukrativer. Aber für mich war das Geld zweitrangig. Dann hätte ich ja auch in YB meinen Vertrag, der noch zwei Jahre weiter läuft, aussitzen können. Ich will aber spielen und mich beweisen. Es liegt schliesslich an mir, eine gute Leistung zu zeigen.

Sie waren auch bei diversen anderen Vereinen ein Thema. Was ist dran an den Gerüchten, dass Sie in Vaduz und beim FC St.Gallen ein Thema waren?
Gerüchte gibt es immer. Es ist aber richtig, dass sich der FC Vaduz stark um mich bemüht hat. Vom FC St.Gallen lag – anders als ein Jahr zuvor - jedoch keine Anfrage vor. In dieser Saison sind die Espen auf meiner Position bereits gut besetzt, so dass ich kein Thema war.

Ein Comeback in der Ostschweiz hätten Sie aber nicht ausgeschlossen?
Sicherlich nicht. Wäre ein Angebot da gewesen, hätte ich ein Rückkehr in die Ostschweiz nicht ausgeschlossen. Ausserdem leben meine Familie und viele meiner Freunde hier. Es ist mein zweites Zuhause.

Und wie sieht es mit einem Comeback in der Nationalmannschaft aus?
Sich in meiner jetzigen Situation Gedanken über die Nati zu machen, wäre übertrieben. Ich bin Realist genug, um das mal aussen vor zu lassen. Ich bin zunächst vier Monate leihweise beim FC Aarau und muss zuerst hier meine Leistung bringen, bevor ich mich für anderes empfehle kann. Es gilt abzuwarten, wie sich die Situation bis zum Sommer entwickelt. Danach schaue ich weiter.

Sie scheinen Ihre Entscheidungen wohl überlegt zu treffen. Hängt das auch ein wenig mit Ihrer Situation als Familienvater zusammen?
Sicherlich. Als Vater eines achtmonatigen Sohnes macht man sich über eine Entscheidung zweimal seine Gedanken. Gerade, wenn Angebote aus dem Ausland vorliegen, muss auch die Infrastruktur für meine Familie stimmen. Immerhin sorge ich nun nicht nur für mich, sondern auch für meine Frau und meinen Sohn.

Stinkende Windeln sind demnach kein Problem für Sie?
(lacht). Nein überhaupt nicht. Anfangs hatte ich Respekt davor, mittlerweile gehört es dazu.