Das britische Abbild St. Gallens

FUSSBALL. Swansea City und der FC St.Gallen haben Gemeinsamkeiten. Beide sind kürzlich knapp am Ruin vorbeigeschlittert und stehen heute am Höhepunkt der Clubgeschichte. Und: Beide wissen eine fussballbegeisterte Region hinter sich.

Ralf Streule
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Swansea-Spieler beglückwünschen zu Hause im Liberty Stadium Jonjo Shelvey, Torschütze beim 2:2 gegen Liverpool mit Steven Gerrard. (Bild: ap/Nick Potts)

Swansea-Spieler beglückwünschen zu Hause im Liberty Stadium Jonjo Shelvey, Torschütze beim 2:2 gegen Liverpool mit Steven Gerrard. (Bild: ap/Nick Potts)

Keine Frage: Das Gefälle zwischen Swansea City und dem FC St.Gallen, der morgen Abend in Wales antritt, ist riesig. Der Marktwert aller Swansea-Spieler ist mit knapp 150 Millionen Franken rund zehnmal höher als derjenige der St.Galler. Swansea spielt in einer der besten Ligen Europas, steht dort im Mittelfeld, hat kürzlich gegen Grössen wie Liverpool oder Arsenal eine gute Figur gemacht. Zudem ist Swansea in den vergangenen Jahren zu einem weit herum bekannten Team geworden, hat sich zum Beispiel auch in Asien einen Namen gemacht, was die Trikotwerbung eines asiatischen Finanzinstituts zeigt. Was die Grössenunterschiede zwischen den beiden ebenfalls unterstreicht, ist das mangelnde Interesse in Wales am FC St.Gallen (siehe Kasten).

Die Vergangenheit verbindet

Doch so gross das Gefälle zwischen den beiden Teams auch ist, mindestens in einer Sache dürften sich die Anhänger morgen Abend bestens verstehen: Beide wissen, was es heisst, mit ihrem Club zu leiden. Beide Teams stammen aus Regionen, die auf der Fussballkarte ihres Landes eine untergeordnete Rolle spielen, teils gar belächelt werden. Und sie haben eine vergleichbare Vergangenheit: Sowohl die Waliser als auch die Ostschweizer Clubgeschichte ist arm an Glanzlichtern. Beide reiten derzeit aber auf einer Erfolgswelle. Und auch diese haben sie einer ähnlichen Strategie zu verdanken: Die Grundpfeiler heissen beidenorts Stabilität und kalkulierbares Risiko.

Sowohl in Wales als auch in der Ostschweiz stand Misswirtschaft am Anfang des Aufstiegs. St.Gallen stand 2010 kurz vor dem Konkurs, wurde dank Investoren rund um Dölf Früh wieder auf die Beine gebracht. In Swansea nahmen vor gut zehn Jahren mehrere Geschäftsleute das Schicksal des Clubs in die Hand, als dieser verschuldet war und lediglich in der fünfthöchsten Liga Grossbritanniens spielte. Was dank ihrer Investitionen schliesslich geschah, ist im britischen Fussball eine Ausnahme. Dank umsichtiger Führung und breiter Unterstützung durch die fussballverrückte Bevölkerung stieg der Club Liga um Liga empor. 2011 stieg Swansea als erster walisischer Club in die Premier League auf. Und auch dort etablierte er sich, obschon er zunächst mit dem tiefsten Budget der Liga auskommen musste. Ein Grossinvestor fehlt bis heute, was den Club von vielen anderen Premier-League-Clubs unterscheidet, zum Beispiel vom walisischen Rivalen Cardiff City, der in seiner ersten Premier-League-Saison auf die Unterstützung eines malaysischen Mäzens zählen kann.

Lieber am unteren Tabellenende

Dennoch ist Swansea City inzwischen auch finanziell in der Mitte der Premier League angekommen, vor allem dank hoher TV-Einnahmen. Viele Fans sehen die Entwicklung mit Misstrauen, kritisieren Spielerlöhne wie auch Rekordtransfers wie denjenigen von Wilfried Bony für 17 Millionen Franken. Die Vereinsspitze hat aber versichert, solche Ausgaben blieben die Ausnahme. Dennoch wird in Fan-Foren gejammert, der Verein drohe nun auch zur Geldmaschine zu werden. Bescheidenheit und Weitsicht wird gefordert. Lieber leiden die Waliser am unteren Tabellenende, als mit ansehen zu müssen, wie sich der Club verschuldet. Ähnliches hat man in St.Gallen auch schon gehört.

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