Darts-Profi Peter Wright – ein Paradiesvogel mit bewegter Vergangenheit

Peter Wright hat sich als Darts-Profi und als buntestes Gesicht der Szene einen Namen gemacht. Ab heute beginnt die WM.

René Barmettler
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Peter Wright, das «Chamäleon» der Dartszene.

Peter Wright, das «Chamäleon» der Dartszene.

Bilder: Keystone

Mit der Zeit gewöhnt man sich an die se speziellen Auftritte. Doch wer Peter Wright ein erstes Mal vor einem Darts-Match am Fernsehen zu Gesicht bekommt, dürfte zumindest irritiert sein. Zunächst fällt der Schotte durch seine Frisur auf. Wild, bunt, schrill: Er hat, so scheint’s, noch keinen Farbtopf ausgelassen. Der 49-Jährige präsentiert an jedem Spiel eine neue Variante seines Irokesenschnitts – einem Chamäleon gleich. Auf der linken Kopfseite ist indes immer dasselbe zu sehen: ein grüner Schlangenkopf mit gefletschten Zähnen und roter Zunge. Deshalb auch sein Darts-Nickname Snakebite, der Schlangenbiss. Der Grund für diese Bemalung ist aber nicht das Reptil. In England ist der Snakebite ein Drink, Wrights Lieblingsdrink. Es ist eine Mischung aus Bier und Cider.

Nach der publikumswirksamen Begrüssungszeremonie, in der möglichst viele Leute abgeklatscht und die Liebsten abgeküsst werden, betritt Peter Wright die Bühne. Der Auftritt ist immer derselbe: Er hüpft mit einer gewöhnungsbedürftigen, ebenso bunten Schlabberhose seitwärts vor den begeisterten Zuschauern hin und her. Nach und nach verschwindet sein breites Lachen aus seinem Gesicht. Die Konzentrationsphase beginnt. Wenn es nämlich vor dem Darts-Board zur Sache geht, haben die meisten Gegner nicht mehr viel zu lachen.

Fehlendes Selbsttrauen verhindert frühere Karriere

Peter Wrights Leben, bevor er Profi wurde, war indes wenig paradiesisch. Er wuchs in einer von Armut geprägten Gegend Londons auf. Die Mutter war mit ihm aus Schottland geflüchtet, weil sie ihr den fünfjährigen Sohn wegnehmen wollten. Seinen Vater, der nicht mehr lebt, kennt Wright nur von Fotos. Als er an seinem 13. Geburtstag drei Pfeile geschenkt bekam, malte er sich Zielscheiben auf Bäume und begann zu trainieren, für eine Dartsscheibe reichte das Geld nicht. Wenige Jahre danach gehörte Wright bereits zu den besten Spielern Lodons. «Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und den Weg in die Profikarriere früher einschlagen», sagte er 2017 der Zeitschrift «Welt», «denn dass ich Talent hatte, war mir schon immer klar gewesen. Aber ich habe zu lange auf die gehört, die mir das nicht zutrauten.»

Trotz seiner herausragenden Qualitäten spielte Wright nur auf regionalem Level. 1995 trat er bei der WM an, brachte Richie Burnett, die damalige Nummer eins der Weltrangliste, an den Rand einer Niederlage. Aber auch danach traute er sich eine Profikarriere nicht zu, er hörte auf die falschen Leute. Er schlug sich in der Folge mit Gelegenheitsjobs durch, als Hilfsarbeiter auf dem Bau, in Fabriken oder Ferienlagern: «Abzüglich aller Fixkosten blieben mir etwa 14 Pfund pro Woche. Ausser meiner Frau hatte ich niemanden, der mich unterstützte.»

Es ist sein Glück, eine starke Frau an seiner Seite zu wissen: Joanne glaubte an ihn. Sie überzeugte ihn, seinen Traum zu leben und es endlich als Profi zu versuchen. Der Erfolg blieb jedoch aus – vorerst. In seinem ersten Profijahr 2008 spielte er 1200 Pfund ein. Ständige Zweifel an seinen Fähigkeiten plagten ihn. Als auch nach den nächsten vier Saisons stets Aufwand und Einkommen nicht in Einklang gebracht werden konnten, fassten die Wrights einen Entschluss. «Wir mussten uns eingestehen, dass das Leben als Profi zu wenig abwarf. Das Geld reichte einfach nicht. 2013 entschieden wir, dass die kommende WM meine letzte sein würde.»

Seine Frau Joanne nimmt ihm fast alles ab

Doch dann geschah etwas schier Unfassbares. Peter Wright spielte sich an der WM, dem vermeintlich letzten Turnier als Profi, bis in den Final, wo er schliesslich Michael van Gerwen unterlag. 100000 Pfund betrug das Preisgeld. Mit 43 Jahren war das der endgültige Startschuss in eine späte Profikarriere. Von diesem Augenblick weg war er nicht mehr bloss ein Paradiesvogel. Die Party auf der Bühne konnte beginnen. «Don’t stop the Party» von «Pitbull featuring TJR» ertönt jeweils, wenn Peter Wright zur Dartsbühne schreitet. 2014 wurde er zum ersten Mal für die Premier League Darts nominiert. In diesem Jahr schnappte er sich seinen ersten Titel auf der European Tour in Düsseldorf. 2015 trumpfte er ebenso gross auf: Final am UK Open, Halbfinal am World Matchplay und an den European Championship. Bei den World Series Finals in seiner schottischen Heimat Glasgow unterlag Wright in einem dramatischen Final Michael van Gerwen mit 10:11. Beim World Cup of Darts erreichte er zusammen mit Gary Anderson den Final, den er gegen England mit Adrian Lewis und Phil Taylor verlor. In der Weltrangliste kämpfte er sich bis auf den zweiten Rang vor. Für einen grossen Titel reichte es ihm allerdings bis heute nicht. Finanziell ist die dreiköpfige Familie, die zurückgezogen in einer umgebauten Scheune in Mendham in der Grafschaft Suffolk lebt, inzwischen unabhängig, sein Vermögen wird auf über vier Millionen Franken geschätzt.

Ohne seine Frau Joanne wäre dies alles nicht möglich geworden: «Ich verdanke Jo alles, sie hat mich aufgebaut, wenn ich schlecht drauf war, gab mir einen Tritt in den Hintern, wenn ich ihn brauchte und hielt unsere Familie zusammen. Ohne sie wäre ich auf keinen Fall dort, wo ich heute bin, und dafür bin ich ihr sehr dankbar.» Joanne Wright ist bei jedem Turnier an der Seite ihres Mannes, sorgt für ihn als Managerin hinter den Kulissen. Sie chauffiert ihn und ist auch für die kunstvollen Interpretationen auf seinem Kopf verantwortlich. Die gelernte Haarstylistin wendet jeweils vor jedem Spiel zwei Stunden für die «Kriegsbemalung» auf.

An der heute beginnenden WM im Alexandra Palace nördlich von London nimmt Peter Wright einen erneuten Anlauf zum WM-Titel. Die letzten beiden Jahre schied er bereits früh aus. Im Vorjahr ereilte ihn kurz vor der WM eine Gallenkolik. Aber auch diesmal, bei bester Gesundheit, gehört der Weltranglistensiebte nicht zu den Topfavoriten. Aber beim «Punk» der Dartsszene weiss man nie. Mit seinen schrillen Auftritten wird er auf jeden Fall für Begeisterung im Publikum sorgen.

Van Barneveld tritt nach dieser Darts-WM ab

Mindestens noch einmal schallt die Rocky-Hymne «Eye of the Tiger» durch den in Orange getauchten Ally Pally, noch einmal schreitet Raymond van Barneveld mit grimmigem Blick und unter tosendem Jubel seiner «Barney Army» zur Bühne. Doch nach der heute Freitag startenden WM ist für die niederländische Darts-Ikone dann endgültig Schluss – es ist ein Rücktritt, der einer Erlösung gleichkommt. Denn wenn der allerletzte Pfeil geworfen ist, hat auch das Leiden des fünfmaligen Weltmeisters ein Ende. «Manchmal frage ich mich, warum ich nicht nach der letzten WM aufgehört habe. Es schmerzt und man leidet nur. Das ist nicht der Raymond van Barneveld, den man kennt, der jedes Jahr Turniere gewinnt», klagte der 52-Jährige. «Ich geniesse absolut gar nichts, es ist das schlimmste Jahr meines Lebens.» Die Einsicht, nicht mehr mit den Grossen mithalten zu können, reifte in seiner Abschiedssaison auf immer schmerzvollere Weise. Van Barnevelds letzter Turniersieg liegt bereits über fünf Jahre zurück, statt Titel bestimmten zuletzt nur noch Formtiefs, Motivationsprobleme und private Rückschläge die Karriere des Niederländers. Da er in der Weltrangliste auf Rang 40 abgerutscht ist, muss er bereits am Samstag (alle Partien auf Sport 1) in der ersten Runde gegen den US-Amerikaner Darin Young ran. Es könnte schon das letzte Spiel einer ruhmreichen Laufbahn sein (vier WM-Titel bei der British Darts Organisation BDO und ein WM-Titel bei den Professionals (PDC) 2007. Der vierfache Vater und Grossvater von drei Enkeln sehnt sich schon lange danach, sich mehr seiner Familie widmen zu können. Spätestens ab Neujahr, dem Final-Tag, wird dieser Wunsch in Erfüllung gehen. (sid)