Dankbar für jedes Spiel

Pirmin Schwegler absolvierte in der Bundesliga für Eintracht Frankfurt die beste Hinrunde seiner Karriere. Das Leben als Fussballprofi ist für den 23jährigen Innerschweizer nicht aussergewöhnlich. Aussergewöhnlich ist, dass er noch lebt.

Roger Stilz
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«Durch das Erlebte habe ich früh zu relativieren gelernt»: Pirmin Schwegler. (Bild: imago)

«Durch das Erlebte habe ich früh zu relativieren gelernt»: Pirmin Schwegler. (Bild: imago)

Fussball. Pirmin Schwegler darf auf die Plazierung in der Top-Mittelfeldspieler-Tabelle des deutschen Fachmagazins «Kicker» stolz sein. Nach der Hinrunde in der Bundesliga belegt er Rang 13. Gerade einmal einen Platz hinter dem aktuell komplettesten deutschen Akteur, dem Münchner Bastian Schweinsteiger. Das Konzept ist bekannt: Jeder Profi wird in jedem Spiel benotet. Der Durchschnitt ergibt die Rangliste.

Schwegler ist bei den Topspielern angelangt. Sein Arbeitgeber Eintracht Frankfurt belegt – nicht zuletzt dank Schweglers starken Auftritten – den siebten Platz. Nach Ablauf einer Hinrunde war der Verein zuletzt in der Saison 1993/94 besser klassiert. Schwegler, der in Ettiswil bei Luzern aufwuchs, gehörte in den 17 Partien stets der Startformation an. Dem zentralen Mittelfeldspieler gelang ein Tor, hinzu kamen drei Assists. Zum Auftakt der Rückrunde empfängt Eintracht Frankfurt am Sonntag das an vierter Stelle klassierte Hannover.

Akute Leukämie

Der Fussballer hat früh gelernt zu gewichten. Im Alter von 18 Monaten wurde bei Schwegler akute Leukämie diagnostiziert. «Die Heilungschancen wurden auf zehn Prozent prognostiziert. Bis zum vierten Lebensjahr wusste man nicht, ob ich durchkomme», so Schwegler, der in 14 Monaten zwölf Chemotherapien über sich ergehen lassen musste. Mit 4 Jahren wurde er als gesund angesehen, musste allerdings bis zum 15. Lebensjahr viermal pro Jahr nach Bern zur Kontrolle fahren – für die Angehörigen stets eine Reise ins Ungewisse. «Ich erkannte erst mit der Zeit, dass die Krankheit für die Familie eine schwierige Phase war. Für mich persönlich gehörten die Reisen nach Bern zum Alltag – wie die Hausaufgaben.»

Kurz vor Weihnachten wurde seine persönliche Internetseite www.pirmin-schwegler.ch aufgeschaltet. Schlicht und übersichtlich gehalten ist da kein Profi zu sehen, der sich feiert und selbst darstellt. Sondern einer, der sich engagiert und danke sagt. Es ist keine normale Seite, weil Schweglers Geschichte keine normale ist. «Es war mir stets klar, dass ich einen Auftritt mit meiner Krankheit und vor allem mit der Hilfe für betroffene Kinder verbinden will.»

«Spiele sind Geschenke»

Der junge Mann formuliert seine Sätze ruhig, fast bedächtig. So wie er spielt, spricht er auch: überlegt. Mit 15 galt er als geheilt. Mit 16 debütierte er mit Luzern in der Challenge League. Das Talent war nicht zu übersehen. Aber schon oft sind ruhige Charaktere im aggressiven Profigeschäft untergegangen. Bei Schwegler jedoch beisst sich der steigende Druck die Zähne aus: «Ich sehe das Geschäft mit anderen Augen. Durch das Erlebte habe ich früh zu relativieren gelernt und ich weiss, dass Tage und Spiele Geschenke sind. Es ist sicherlich so, dass im Fussball vieles durch eine schwarz-weisse Brille betrachtet wird. Da ist viel Show dabei. Und einiges erscheint mir ab und zu übertrieben und unnötig. Aber ich liebe das Spiel und will es geniessen.» In der Schweizer Nationalmannschaft nimmt Schwegler neben Gökhan Inler den Platz von Benjamin Huggel ein. Der Innerschweizer ist mit einer überdurchschnittlichen Spielintelligenz ausgestattet und kann sich auch in engen Situationen auf seine Ruhe und ausgefeilte Technik verlassen.

Auf www.pirmin-schwegler.ch findet sich ein direkter Link zur «Berner Stiftung für krebskranke Kinder und Jugendliche». Der Fussballer geht voran, spendet 5000 Franken als Startkapital. «Ich zahle der Stiftung seit drei Jahren etwas dazu.» Schwegler hat früh gelernt, Tag für Tag zu nehmen. Vielleicht mag er deshalb die neue Eintracht: «Der eingeschlagene Weg ist der richtige. Eintracht Frankfurt ist finanziell gesund. Der Club weiss, dass er Schritt für Schritt machen muss, um voranzukommen.» Sein Kontrakt läuft noch bis 2012. Die Verantwortlichen haben ihr Interesse an einer frühzeitigen Vertragsverlängerung angemeldet.