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Daniela Ryf, die Unbesiegte: «Tut es nicht weh, verändert sich auch nichts»

Seit fast zwei Jahren hat die Triathletin Daniela Ryf jeden Wettkampf gewonnen, an dem sie teilgenommen hat. Nun strebt sie den fünften Triumph beim Ironman Hawaii an. Was treibt die fast Unbesiegbare an? Keine Siege, keine Rekorde, sagt die 32-Jährige selber.
Simon Häring

Seit fast zwei Jahren ist Daniela Ryf in einem Wettkampf nicht mehr bezwungen worden. Am letzten Wochenende gewann sie in Nizza zum fünften Mal die Weltmeisterschaften über die halbe Ironman-Distanz - quasi aus dem Training heraus. Das grosse Ziel der 32-Jährigen ist indes ein anderes: der fünfte Erfolg beim Ironman Hawaii. 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer auf dem Fahrrad, und zum Abschluss ein Marathon über 42,195 Kilometer. Bei Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit und starken Winden. Es ist ein Rennen der Superlative, das wohl härteste, das dieser Sport zu bieten hat. Eines, das nur bestreiten kann, wer den Körper über Monate, ja über Jahre, auf Höchstleistung getrimmt hat. «Nie im Leben würde ich hier antreten, wenn ich nicht absolut bereit dazu wäre. Dafür ist es einfach zu hart», sagt Daniela Ryf.

Daniela Ryf im Training auf Gran Canaria (Bild: Red Bull Content Pool).

Daniela Ryf im Training auf Gran Canaria (Bild: Red Bull Content Pool).

Doch sie ist bereit, das war sie immer, wenn der Höhepunkt der Saison anstand. Siege sind für die Solothurnerin zwar Gewohnheit, aber längst nicht selbstverständlich, «denn im Triathlon kann viel passieren». Eine verlorene Trinkflasche hier, ein verpasster Verpflegungsstand dort, eine Berührung mit einer Qualle. Nicht ist undenkbar. Am Donnerstag reiste sie mit 100 Kilogramm Gepäck nach Hawaii, wo am 12. Oktober der Ironman ausgetragen wird. Ryf sagt: «Der Grossteil der Arbeit ist getan, alles läuft nach Plan.» Wie alles in ihrer Karriere, seit sie vor sieben Jahren auf die Langdistanz gewechselt ist. Die Vorbereitung sei der harte Teil, das Rennen, «das Gefühl des Fliegens», die Belohnung. In ihrer Welt sind die Stunden im Keller der Eltern in Feldbrunnen, wo sie stundenlang auf der Rolle trainiert, die Tortur. Und der Ironman die Kür.

«Ich will nicht wissen,was mein Limit ist»

Und doch stellt sich die Frage, was ihr Antrieb ist. Sind es Siege? Zeitrekorde, wie sie ihn im letzten Jahr Berührung mit einer Qualle im Schwimmen aufgestellt hat? Siege seien es nicht, sie seien aber schön und würden für ihre Entbehrungen entschädigen. Leistungen seien indes nicht mit jenen aus dem Vorjahr zu vergleichen, weil die Bedingungen nie gleich seien, also sind es auch nicht Zeiten, die Ryf antreiben. Sie möchte Rennen zeigen, die Menschen beeindrucken. Solche, die nicht in Vergessenheit geraten. «Solche, die mich Stolz machen.» Es gehe darum, Erlebnisse und Erinnerungen zu schaffen. Und darum, die Grenzen des Körpers auszuloten, getrieben von Grenzerfahrungen. Daniela Ryf sagt immer, sie könne noch besser werden. Hat sie ein Gefühl dafür, wozu sie noch fähig sein könnte? Ist es nicht gerade der Körper, der ihr irgendwann Grenzen setzt? Ryf antwortet mit einer Gegenfrage: «Wer sagt, was mein Limit ist?» Ich weiss es nicht, und ich will es auch nicht wissen, denn das wäre demotivierend.»

Vier Mal in Folge gewann Ryf den Ironman Hawaii (Bild: Red Bull Content Pool).

Vier Mal in Folge gewann Ryf den Ironman Hawaii (Bild: Red Bull Content Pool).

Ihre Suche nach den Grenzen ist ein ständiger Drahtseilakt. Was ist zu viel? Was ist zu wenig? Bei dieser Frage legt Daniela Ryf ihr Schicksal voll und ganz in die Hände ihres Trainers, Brett Sutton. Was sie in den letzten drei Wochen vor dem Rennen erwartet? Sie weiss es nicht, sie lasse sich überraschen. Sicher werde sie lange Einheiten auf dem Fahrrad bestreiten, damit sie sich in den vier Stunden im Sattel wohl fühle. «Obwohl: Ob ich mich wohl fühle, ist nicht so wichtig», korrigiert sie sich. Sie werde aber sicher noch an ihre Grenzen gehen, müsse aber auch darauf achten, dass der Körper nicht zu sehr ausgelaugt werde. Es sei nicht so, dass sie gerne leide, «aber das Leiden gehört dazu». Auch sie jammere manchmal über das, was ihr Trainer von ihr verlange. Doch Ryf sagt auch: «Tut es nicht weh, verändert sich nichts. Also muss ich raus aus meiner Komfortzone.» So sei das überall im Leben.

Triathletin Daniela Ryf in ihrer Heimatstadt Solothurn. (Bild: Alex Spichale, 12. Dezember 2018)Triathletin Daniela Ryf in ihrer Heimatstadt Solothurn. (Bild: Alex Spichale, 12. Dezember 2018)
Ein Traumjahr geht zu Ende: Nach ihrem Sieg am Ironman von Hawaii im Oktober... (Bild: Al Bello/Getty)Ein Traumjahr geht zu Ende: Nach ihrem Sieg am Ironman von Hawaii im Oktober... (Bild: Al Bello/Getty)
wird die Solothurner Triathletin Daniela Ryf vor wenigen Tagen als Schweizer Sportlerin des Jahres ausgezeichnet. (Bild: René Ruis/Keystone)wird die Solothurner Triathletin Daniela Ryf vor wenigen Tagen als Schweizer Sportlerin des Jahres ausgezeichnet. (Bild: René Ruis/Keystone)
Ich will Jede Person einholen, ganz egal, ob Mann oder Frau. (Bild: Urs Lindt / Freshfocus)Ich will Jede Person einholen, ganz egal, ob Mann oder Frau. (Bild: Urs Lindt / Freshfocus)
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«Ich fühle mich nicht so stark, wie ich wirke»

Trotz ihren zuletzt vier Siegen in Folge beim Ironman Hawaii wisse sie, dass sie nicht unschlagbar sei. «Die einen haben zu viel Respekt vor mir, bei anderen merke ich, dass sie mich unbedingt bezwingen wollen», sagt Ryf. Sie ist die Referenz, an der sich alle orientieren. Nur sie sagt: «Ich schaue auf mich und wenn ich die richtigen Dinge tue, kommen die Siege von alleine.» Siege als angenehmes Nebenprodukt. Doch was ist schon ein Sieg mehr oder weniger, wenn man für sich und andere Momente für die Ewigkeit erschaffen kann? «Triathlon bringt das Beste in uns hervor», erklärte Daniela Ryf vor einem Jahr die Faszination für ihren Sport. Was das Beste ist? Das weiss offenbar selbst die Beste nicht. Sie will es auch nicht wissen. Und so begibt sich Daniela Ryf auf den nächsten Drahtseilakt. Getrieben von diesen Grenzerfahrungen.

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