Cuche, der grosse Verlierer

Ski alpin. Didier Cuche taktiert im Super-G-Final von Bormio – und verliert. Weil er nicht unter den ersten 15 klassiert ist, gewinnt der Österreicher Hannes Reichelt die kleine Kristallkugel.

Drucken
Teilen
Didier Cuche ist enttäuscht. Allerdings sucht er die Schuld für die verpasste Kristallkugel nicht bei anderen. (Bild: EQ Images/Andreas Meier)

Didier Cuche ist enttäuscht. Allerdings sucht er die Schuld für die verpasste Kristallkugel nicht bei anderen. (Bild: EQ Images/Andreas Meier)

In Bormio ist eingetreten, was selbst die grössten Schweizer Pessimisten kaum erwartet hatten. Die Österreicher Hannes Reichelt oder Christoph Gruber mussten gewinnen und Didier Cuche durfte nicht unter die ersten 15 kommen, damit dieser die sicher geglaubte kleine Kristallkugel im Super-G noch verlor.

Am Weltcup-Final trat dieser aussergewöhnliche Fall ein. Hannes Reichelt siegte, genau eine Hundertstelsekunde vor Didier Défago, Didier Cuche wurde vom zweitletzten Fahrer noch aus den ersten 15 verdrängt, und dieser Fahrer war ausgerechnet Teamkollege Daniel Albrecht.

Rufeners Vorwürfe

Cheftrainer Martin Rufener nahm denn auch kein Blatt vor den Mund und machte Daniel Albrecht happige Vorwürfe: «Wir haben ihm an den Start gefunkt und ihn aufgefordert: Es gilt Plan B – abbremsen. Er hat sich nicht an diese Anweisung gehalten. Es gibt Momente in einer Karriere, in denen man seine Einzelinteressen dem Team unterordnen muss.»

In der Tat hat der Funkspruch, den die österreichischen Trainer übrigens mithörten, Daniel Albrecht am Start erreicht, zehn Sekunden vor dem Start gemäss Physio Philippe Pellet, drei Sekunden vorher gemäss Albrecht. Da war der Walliser schon voll in der Konzentrationsphase fürs Rennen. Wahrgenommen hat er die Information gleichwohl, sich aber nicht an die «Stallorder» gehalten. «Natürlich ist das blöd für Cuche, er tut mir leid», sagte Daniel Albrecht. «Ich verstehe, wenn er sauer ist. Aber ich kann nicht verantwortlich gemacht werden für seine Leistung.»

Rufeners Entschuldigung

Eine Viertelstunde später trat Martin Rufener nochmals vor die Medien, gemeinsam mit Albrecht, und nahm die massive Kritik zurück: «Ich entschuldige mich in aller Form. In der ersten Emotion habe ich Dinge gesagt, die ich besser nicht gesagt hätte.» Verbandsdirektor Hansruedi Laich brachte es auf den Punkt: «Wir sind im Skisport, nicht in der Formel 1.»

Weil nun Hannes Reichelt die Kristallkugel im Super-G gewann, holte sich Daniel Albrecht natürlich vor allem in Österreich viel Sympathie. «Das ist der Beweis, dass der alpine Skisport ein grundehrlicher Sport ist, obwohl vielfältige Interessen dahinter stehen», sagte ÖSV-Chef Hans Pum. Er selber könne spontan nicht sagen, wie er sich im umgekehrten Fall verhalten hätte.

«Ich allein bin der Trottel»

Cuche war verständlicherweise enttäuscht und verärgert, aber in erster Linie über sich selber: «Ich allein bin der Trottel.» Ihm sei gar nicht in den Sinn gekommen darauf zu hoffen, dass Daniel Albrecht für ihn fahren würde: «Darauf hätte er höchstens selber kommen können. Aber Daniel hat das Recht, für sich selber zu fahren.»

Daniel Albrecht hat sicher noch nicht vergessen, dass er im vergangenen Jahr um die Chance einer WM-Teilnahme im Super-G gebracht worden ist, weil man die Ausscheidung auf einen Zeitpunkt ansetzte, an dem er sich schon auf der Reise zu den nächsten Rennen in Kitzbühel befand. Und im Riesenslalom von Whistler, wo er auf dem Weg zu einem Spitzenplatz ausschied, hatte er sich darüber beklagt, dass er per Funk nicht über die kritische Stelle kurz vor dem Ziel informiert worden war – und von Martin Rufener dafür eine Standpauke erhalten. Diesmal kam der Funk – und Daniel Albrecht sagte: «Man hätte mich ja auch auffordern können zu gewinnen anstatt langsamer zu fahren.»

Défago im Schatten

Hätte sich Didier Défago eine Hundertstelsekunde vor statt hinter Hannes Reichelt klassiert, hätte man sich die Diskussionen ersparen können. So stand Défago trotz seiner Glanzleistung, seinem vierten Rang zwei neben einem Sieg, einmal mehr im Schatten anderer. Wohl noch nie hat ein Athlet mit einem elften Platz international so viel Publizität erhalten wie Daniel Albrecht. (si)

Aktuelle Nachrichten