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CONFEDERATIONS CUP 2017: Skandale überschatten den Confederations Cup in Russland

Korruption, Ausbeutung, Kostenexplosionen und Hooligans: Das morgen beginnende WM-Testturnier in Russland macht schon vor dem ersten Spiel negative Schlagzeilen.
Stefan Scholl, Moskau
Die Senit-Arena in St. Petersburg verursacht Wirbel. Beim Bau wurde gepfuscht, und die Kosten sind aus dem Ruder gelaufen. (Bild: Anatoly Matsev (St. Petersburg, 22. April 2017))

Die Senit-Arena in St. Petersburg verursacht Wirbel. Beim Bau wurde gepfuscht, und die Kosten sind aus dem Ruder gelaufen. (Bild: Anatoly Matsev (St. Petersburg, 22. April 2017))

Stefan Scholl, Moskau

Nicht dass Russland keine guten Fussballplätze hätte. «Unser Rasen gehört zu den besten der Welt», schwärmt Ljudmila Tschernowa, Sportministerin der Region Krasnodar. Die hünenhafte Frau mit goldblonder Kurzhaarfrisur, als 400-Meter-Läuferin Olympiasiegerin in Moskau 1980, ist stolz auf das Stadion Fischt in Sotschi. Besonders auf den Rasen. Den loben alle, die hier gespielt haben, vom FC Ural Jekaterinburg bis zur belgischen Nationalmannschaft. «Unter der Grasnabe und der Muttererde haben wir eine zwei Meter tiefe Kiesschicht», erklärt Tschernowa. Diese schlucke auch subtropische Regengüsse – es sei praktisch unmöglich, dass auf dem Spielfeld Wasserpfützen entstünden.

Im Stadion Fischt, für umgerechnet 61 Millionen Dollar vom Eröffnungsstadion der Olympischen Winterspiele 2014 zum WM-Fussballstadion mit 42 000 Zuschauerplätzen umgebaut, trifft die deutsche Mannschaft am morgen beginnenden Confederations Cup auf Australien und Kamerun. Aber die Öffentlichkeit interessiert sich weniger für Fischt oder die Stadien in Moskau und Kasan, die nur renoviert werden mussten. Sondern für das ehrgeizigste Projekt der für die WM 2018 errichteten Spielstätten: Die Senit-Arena auf der Krestowski-Insel in St. Petersburg, wo Eröffnungs- und Endspiel des Konföderationen-Cups stattfinden. Ein ehrgeiziges Projekt, mit 68000 Zuschauerplätzen für Fussballspiele und 80 000 für Konzerte, ausfahrbarem Dach und ausfahrbarem Spielfeld. «Es gibt einige Experten, die sagen, das sei der beste Sport- und Kulturkomplex der Welt», freut sich der Petersburger Vizegouverneur Igor Albin gegenüber TV Doschd. Andere Petersburger aber nennen das Stadion «Korruptionsdenkmal» oder «Schieber-Arena»: Statt der geplanten 6,9 Milliarden Rubel wurden in zehn Jahren offiziell 43 Milliarden verbaut, nach Einschätzung des Antikorruptionskämpfers Alexei Nawalny sogar 48 Milliarden Rubel – 670 bis 750 Millionen Euro. Ein Kollege Albins sitzt wegen Millionenschiebungen in U-Haft.

Bereits 17 Bauarbeiter mussten ihr Leben lassen

Das Hightechdach aber leckte, das bewegliche Spielfeld erwies sich wegen zu heftiger Schwingungen erst als unbespielbar, dann entpuppte sich bei der Einweihungspartie der Rasen stellenweise als grün angemalter Sand und musste in aller Hast ausgewechselt werden. Das russische Organisationskomitee versichert, alle anderen WM-Baustellen seien im Zeitplan. Aber auch bei anderen Neubaustadien wie Kaliningrad, Saransk oder Wolgograd sind Zeit- und Geldnöte nicht auszuschliessen. Allerdings lehren ähnliche Erfahrungen aus Sotschi, dass die Infrastruktur am Ende doch stehen wird.

Norwegische Reporter entdeckten im März auf der Petersburger Baustelle Schwarzarbeiter aus Nordkorea, die für zehn Dollar am Tag malochten. 90 Prozent ihres Lohns soll der nordkoreanischen Staat kassieren. Nach einem Bericht von Human Rights Watch werden auf anderen Stadienbaustellen Wander- und Gastarbeiter aus Russland und der GUS, vor allem aus Zentralasien ausgebeutet und oft um ihren Lohn geprellt. Und laut Bericht kostete die WM-Architektur mangels Sicherheitsmassnahmen bisher mindestens 17 Bauarbeiter das Leben. Das sind Missstände, die im russischen Bauwesen allerdings als üblich gelten. «Die Unternehmen prellen oft ganze Brigaden um den Lohn», sagt der Menschenrechtsaktivist Bachrom Chamrojew, «vor der Löhnung tauchen auf den Baustellen oft Polizeistreifen auf, nehmen Tadschiken oder Usbeken wegen angeblich falscher Papiere fest und drohen ihnen mit Deportation, falls sie doch ihr Geld verlangen.»

Das WM-Gastgeberland erfreut sich vor dem Confederations Cup nur begrenzter Sympathien. Die BBC schreckte im März auf mit einem Dokumentarfilm über Hooligans in Moskau und Rostow, die systematisch Kampfsport trainieren und sich regelmässig Massenschlägereien liefern. Allerdings verabreden sie sich dafür in Stadtrandwäldern, im russischen Stadion-Alltag gibt es so gut wie keine Randale. Und russische Experten schliessen brutale Angriffe russischer Schläger wie bei der EM in Frankreich aus. Damals hatten zum Teil mit Mundschutz gewappnete Kraftathleten englische Anhänger überfallartig attackiert und zum Teil schwer verletzt. Aber jetzt ist Russland Gastgeber. «So etwas lassen unsere Organe auf keinen Fall zu», sagt Aleksei Lebedew, Sportchef der Zeitung «Moskowski Komsomoljez». «Anführer der Ultras haben mir erzählt, sie erhielten schon seit Monaten Kontrollanrufe von Sicherheitsbeamten: Sie sollen sich nicht mucksen.»

Hoffen auf einen Exploit und eine Zukunft für die Stadien

Viele Russen hoffen sogar ganz altmodisch auf Völkerverständigung. «Im Kontakt mit den Schlachtenbummlern aus dem Ausland können unsere Leute andere, lebensfrohe Mentalitäten kennen lernen», sagt Andrei, Moskauer Spartak-Anhänger. Für russische Experten und Fans, die seit der EM 2008 nur noch unterdurchschnittliche Leistungen ihrer Nationalmannschaft erlebt haben, ist der Confederations Cup auch sportlich eine grosse Sache. Die Gruppenphase gegen Portugal, Mexico und Neuseeland zu überstehen, gilt schon als Erfolg. Andrei ist sogar noch optimistischer: «Ich habe mir eine Karte für das Spiel um den dritten Platz gekauft.»

Das Stadion Fischt aber erwartet nach der WM ein ungewisses Schicksal. In Sotschi gibt es keinen Fussballklub, der für die russische «Premjer-Liga» taugt. Leerstand droht. «Aber jetzt haben wir einen Sponsor gefunden, der entschlossen ist, den FK Sotschi aus der dritten in die oberste Liga zu führen», erzählt Vizegouverneur Nikolai Daluda. «Und bis die WM vorbei ist, haben wir ja noch knapp zwei Jahre Zeit.» Auch in anderen Austragungsorten werden demnächst Arenen stehen, in die der örtliche Fussball erst hineinwachsen muss.

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