Cologna fühlt sich bereit für die WM: «Ich weiss, was ich kann. Und ich will eine Medaille gewinnen.»

Dario Cologna reist ohne Weltcup-Podestplatz, aber trotzdem selbstbewusst an die WM. Eine Medaille in Seefeld ist die Zielvorgabe – und der 32-jährige Bündner übt Kritik am diesjährigen Weltcupkalender.

Johannes Kaufmann
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Dario Cologna: "Es ist sicher ratsam, nach der WM-Saison eine Pause einzulegen." (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

Dario Cologna: "Es ist sicher ratsam, nach der WM-Saison eine Pause einzulegen." (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

Während der finalen Vorbereitungsphase auf die Weltmeisterschaften in den Nordischen Ski-Disziplinen in Seefeld (erster Wettkampf ist am kommenden Donnerstag) nimmt sich Dario Cologna Zeit für ein Gespräch in seiner Wahlheimat Davos. Der 32-jährige vierfache Olympiasieger bestreitet im Tirol seine sechste WM. Sein Höhepunkt war die Austragung 2013 in Val di Fiemme, als er Gold im Skiathlon und Silber über 50 Kilometer gewann. 2015 in Falun folgte mit Silber im Skiathlon ein drittes Mal WM-Edelmetall.

Dario Cologna, Ihre bisherige Saison verlief nicht wunschgemäss. Gibt es dafür Ursachen?

In der Tat befinde ich mich vor der WM noch nicht ganz dort, wo ich gerne stehen würde. Ich lasse mich davon aber nicht verrückt machen. Der Saisonhöhepunkt in Seefeld steht erst bevor. Für grundsätzliche Saisonanalysen ist es also noch zu früh.

Auffällig war in vielen Weltcup-Rennen der Abbau gegen Ende des Wettkampfes. Gibt es hierfür schlüssige Gründe?

Beim Weltcup in Ulricehamn, meinem ersten Wettkampf nach der Tour de Ski, war ich zeitmässig nicht weit vom Podest entfernt. Es geht also in die richtige Richtung. Bei zwei, drei Rennen bekundete ich auch Pech bei der Materialwahl.

Die Tour de Ski mussten Sie unter Hustenanfällen beenden. Ist dieses Problem wieder unter Kontrolle?

Die Gründe für den Reizhusten wurden nach der Tour de Ski eingehend medizinisch abgeklärt. Dabei gab es keinerlei Anzeichen für eine allgemeine Verschlechterung der Lage, die Lungenfunktion war wie immer. Die Probleme mit den Hustenanfällen sind nicht neu. Ich muss damit klarkommen. Der Reizhusten tritt vor allem nach Sprint-Wettkämpfen auf. Da ich kaum mehr Sprints laufe, ist es also kein Problem, das mich entscheidend hemmt. Ausser an der Tour de Ski, da kann ich die Sprints selbstverständlich nicht auslassen.

Wie sehr litt Ihr Selbstvertrauen unter der durchzogenen Saison?

Es wäre natürlich optimaler gewesen, mit einem Podestplatz im Gepäck an den Saisonhöhepunkt ins Tirol zu reisen. So etwas beruhigt schon. Trotzdem habe ich keinen Grund zur Sorge. Ich weiss, was ich kann. Vor allem im Skating muss ich mich nicht vor der Konkurrenz verstecken. Und meine Lage ist besser als in der letzten Saison vor der Tour Ski. Damals vor den Olympischen Spielen waren die Zweifel und der Druck bedeutend höher.

"Vor den Olympischen Spielen waren die Zweifel und der Druck grösser", sagt Dario Cologna vor der WM. Zur Erinnerung: In Pyeongchang 2018 holte er Olympia-Gold über 15 km.  (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

"Vor den Olympischen Spielen waren die Zweifel und der Druck grösser", sagt Dario Cologna vor der WM. Zur Erinnerung: In Pyeongchang 2018 holte er Olympia-Gold über 15 km.  (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

Gibt es also Indizien, dass Sie analog zum Vorjahr rechtzeitig zum Saisonhöhepunkt die Topform finden?

Am Grobfahrplan für die Saison habe ich nichts geändert. Der passt. Aber klar, während der Saison kann es Anpassungen geben. Ich absolvierte im Januar einen intensiven, guten Trainingsblock. Dafür liess ich den Weltcup zwei Wochen nach der Tour de Ski in Otepää aus. 20 Sekunden Rückstand auf die Spitze sind alleweil wettzumachen.

Im Vorjahr siegten Sie beim WM-Probegalopp in Seefeld über 15 Kilometer Massenstart. Die Strecke scheint Ihnen zu liegen. Wie charakterisieren Sie die WM-Loipe?

Wichtiger als etwaige Streckenkenntnisse ist der aktuelle Formstand. Wenn die Form passt, kann ich auf jedem Parcours schnell sein. Im Vorjahr liefen wir auf der Skating-Strecke, die auch zum WM-Auftakt im Skiathlon absolviert wird. Die Strecke ist nicht allzu selektiv. Es ist mit einem sehr schnellen Skiathlon mit vielen konkurrenzfähigen Athleten zu rechnen.

Als Haupt-WM-Ziel bezeichnen Sie den Lauf über 50 Kilometer Skating am Schlusstag. Gibt es Überlegungen, zwecks Bündelung der Kräfte auf den Wettkampf über 15 km klassisch zu verzichten?

Mein WM-Fahrplan sieht sämtliche drei Distanzrennen sowie die Staffel als vorletzten Wettkampf vor. Vorerst steht natürlich der Skiathlon im Fokus. Dann sehen wir weiter.

Was wäre für Sie eine gelungene WM?

Ich will eine Medaille gewinnen.

Früher formulierten Sie vor einem Grossanlass selbstbewusst eine Goldmedaille als Ziel.

Ich will eine Medaille gewinnen.

Mit Alexander Legkow, Marcus Hellner und Petter Northug sind drei langjährige Rivalen eher leise von der Langlaufbühne verschwunden. Beschäftigt Sie dies?

Das ist für mich auch der Beweis, dass es sehr schwierig ist, sich über einen langen Zeitpunkt an der absoluten Weltspitze zu behaupten. Der Aufwand ist enorm. Zu den zurückgetretenen Gegnern: Ich bestreite in erster Linie Wettkämpfe für mich, egal gegen wen. Aber klar, es waren definitiv schöne Zeiten mit und gegen Petter Northug. Wir lieferten uns seit der Juniorenzeit sehr harte Duelle. Und es war für mich immer ein ganz besonderer Ansporn, den Ausnahmekönner Northug zu schlagen.

Apropos Ansporn. Es heisst, ein Spitzenläufer habe nur zehn, maximal zwölf Jahren an der Weltspitze. Diese Zeitspanne haben Sie bald erreicht. Gibt es ab und an auch Motivationsprobleme?

Nein. Klar, der Aufwand ist wie erwähnt sehr hoch. Ich muss definitiv auf viel verzichten. Aber ich habe immer noch grossen Spass an dem, was ich tue.

Ihre Karriere ist bis Ende dieses Winters aufgegleist. Wie geht es nach der WM-Saison weiter?

Warten wir doch jetzt erst mal die WM ab. Doch Stand heute spricht eigentlich vieles für eine Fortsetzung der Laufbahn.

Es war von einer längeren Pause nach dem WM-Winter die Rede. Wird dieser Plan umgesetzt?

Nach so vielen Jahren an der Weltspitze ist es zweifellos ratsam, eine längere Pause einzulegen um auch mental wieder neuen Schwung zu holen. Aber wie lange die Auszeit ausfallen wird, entscheide ich nach der Saison.

Möglich wäre in Zukunft der Fokus auf zwei, drei grosse Rennen. Sie gelten jedoch als Läufer der erst durch Wettkämpfe in Topform kommt. Ein Widerspruch?

Ich absolvierte in dieser Saison meine stärksten Wettkämpfe direkt aus dem Training. Da bin ich etwas anders aufgestellt als in früheren Jahren, wo ich in der Tat über viele Wettkämpfe in Form kam. Die Tendenz für die Zukunft geht in die Richtung, etwas weniger Wettkämpfe zu bestreiten. Und der Fokus liegt bei Grossanlässen und den längeren Distanzen. Aber nur zwei, drei Wettkämpfe pro Saison wären mir schon zu wenig.

Apropos längere Distanzen. In der laufenden Saison fällt auf, dass es ein klares Übergewicht an Weltcuprennen über 15 km Einzelstart gibt. Wie sehen Sie dies?

Sehr problematisch. Meines Erachtens ist es ein Problem des diesjährigen Weltcupkalenders. Ausser der Tour de Ski gibt es bis zur WM kein Massenstartrennen. Dies ist ein Ungleichgewicht. Die Einzelstartrennen sind auch weniger attraktiv für die Zuschauer.

Haben Sie als erfahrener und sehr erfolgreicher Athlet da keinerlei Einfluss?

Wir Läufer können unsere Anliegen den Planern des Wettkampfkalenders mitteilen. In den letzten Jahren war dies aber kein grosses Bedürfnis, da dieses Ungleichgewicht von Massenstart und Einzelstartrennen erst dieses Jahr auftauchte. Ich denke auch, dass es in der kommenden Saison wieder anders wird.

Diskussionen gab es auch um die Tour de Ski. Braucht das Format einen neuen Kick?

Schwierige Frage. Ich habe da auch kein Patentrezept für eine etwaige Steigerung der Attraktivität auf Lager. Ich bin aber ein klarer Verfechter für dieses Format und finde es sehr schade, dass einige Athleten die Tour de Ski vor dem Ende verlassen. Es sollte möglich sein, sieben Rennen in neun Tagen zu verkraften. Doch gerade für einen Sprinter macht es keinen Sinn die Tour bis zum Schlusstag auf die Alpe Cermis zu laufen.

Sie sprechen den sehr dichten Weltcupkalender mit Sprint-Rennen bloss eine Woche nach der der Tour de Ski an.

Richtig. Top-Sprinter Federico Pellegrino beispielsweise würde gerne auch einmal die Alpe Cermis bezwingen, aber er muss als Sprinter eine Woche später wieder erholt am Start stehen. Der Wettkampfkalender ist einfach zu dicht, zumindest eine Pause nach der Tour de Ski wäre wünschenswert. Und ich vertrete auch die Meinung, dass bei der Auswahl der Weltcup-Stationen der Faktor Zuschauerinteresse höher gewichtet werden muss. Ein positives Beispiel sind die Rennen in der schwedischen Provinz in Ulricehamn, wo es unglaublich viele begeisterte Zuschauer an der Strecke gibt. Da lebt der Langlauf. Ich würde gerne an diesen Orten noch mehr Rennen bestreiten und hätte gerne weniger Stationen im Kalender, ähnlich wie beim Biathlon. Doch klar, die Verteilung der Weltcuprennen ist auch ein Politikum. Da geht es verständlicherweise auch um Interessen der einzelnen Landesverbände.

Und ich vertrete auch die Meinung, dass bei der Auswahl der Weltcup-Stationen der Faktor Zuschauerinteresse höher gewichtet werden muss. Ein positives Beispiel sind die Rennen in der schwedischen Provinz in Ulricehamn, wo es unglaublich viele begeisterte Zuschauer an der Strecke gibt. Da lebt der Langlauf. Ich würde gerne an diesen Orten noch mehr Rennen bestreiten und hätte gerne weniger Stationen im Kalender, ähnlich wie beim Biathlon. Doch klar, die Verteilung der Weltcuprennen ist auch ein Politikum. Da geht es verständlicherweise auch um Interessen der einzelnen Landesverbände.

Abschliessende Frage. Björn Dählie hat einst in einem Interview geäussert, dass das Aus der klassischen Stilart nur eine Frage der Zeit ist. Wie lautet Ihre Meinung?

So drastisch sehe ich es nicht. Ich bin ein Befürworter für die Beibehaltung der klassischen Technik. Es ist die traditionelle Art des Langlaufs. Und die muss weiter gepflegt werden. Kritisch betrachte ich jedoch die Entwicklung imKlassisch-Sprint. Hier muss das Regelwerk immer weiter ausgebaut werden – Diagonalzonen, Stocklänge oder Streckenprofile – um die Klassische Technik zu bewahren.