«Angriff  ist die beste Verteidigung»: Radprofi Stefan Küng spricht über seinen Weg zur WM-Medaille

Chef oder Mitläufer? Diese Frage stellte sich der Veloprofi Stefan Küng einige Male in dieser Saison. Dann gewinnt er eine WM-Medaille.

Daniel Good
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Stefan Küng (rechts) an der Spitze des WM-Strassenrennens der Profis im Regen Nordenglands. (Bild: Freshfocus)

Stefan Küng (rechts) an der Spitze des WM-Strassenrennens der Profis im Regen Nordenglands. (Bild: Freshfocus)

Im vergangenen Jahr stand er am Scheideweg. Stefan Küng, damals noch nicht 25-jährig, war ein guter Rennfahrer. Einige Siege auf höchster Stufe hatte er schon ergattert, aber meistens waren ihm die Hände gebunden. Als Helfer in einem der besten Teams der Welt mit vielen Stars.

Wollte er sein Talent weiterhin in den Dienst anderer stellen, oder war er in der Lage, Leader einer starken Profimannschaft zu sein? Als Nachwuchsfahrer war Küng einer der Besten der Welt. «Hätte ich noch einmal als Helfer unterschrieben, wären wieder zwei, drei Jahre vergangen. Ich aber wollte sehen, ob ich auch als Leader tauge», sagt er nach seinem ersten Jahr in der französische Equipe Groupama.

Plötzlich waren Zweifel da

Küng war gut vorbereitet für den Rollenwechsel. Im ersten Zeitfahren für den neuen Rennstall siegte er. In den belgischen Frühlingsklassikern war er Leader seines Teams. Ein Exploit in seinen Lieblingsrennen blieb ihm freilich versagt. Küng war oft mit dabei, aber meistens reichte es bloss zu Platzierungen zwischen den Rängen zehn bis zwanzig.

Auf einen Schlag waren Zweifel da. Küng sagt: «Eigentlich zählen im Radsport nur die Siege. Im musste mich fragen: Habe ich zu wenig Potenzial? War der Entscheid falsch, die Rolle zu wechseln und mehr Verantwortung zu übernehmen?» Immerhin beendete er Paris–Roubaix als Elfter. Das war ein Lichtblick.

Auch im Zeitfahren lief es nicht mehr nach Wunsch

In den Zeitfahren, seiner Spezialdisziplin, lief es aber auch nicht mehr nach Wunsch. Die Abstimmung auf das neue Material war schwierig. Erst wenige Tage vor der EM im August hatte Küng das Gefühl, auf der Zeitfahrmaschine wieder auf dem richtigen Weg zu sein. EM-Silber verpasste er um ein paar Zehntelsekunden. «Aber das Vertrauen war wieder da», so Küng nach dem vierten EM-Rang.

Er hatte auch das Gefühl, einen Monat später im WM-Zeitfahren in Nordengland gut unterwegs gewesen zu sein. Aber Platz zehn war nicht das, was er sich vorgestellt hatte. «Ich war in Form und hatte diese Prüfung das ganze Jahr im Kopf. Ich war recht enttäuscht, zumal ich sechs Prozent bessere Körperwerte als im Vorjahr hatte.»

Die falsche Reifenwahl im WM-Zeitfahren

Eine Analyse im Nachgang des WM-Zeitfahrens ergab, dass die Reifenwahl falsch war. «Ich verlor deshalb etwa eine Sekunde pro Kilometer», sagt Küng. Immerhin erfüllte er mit Platz zehn die Limite für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Nur vier Tage nach der unbefriedigenden Vorstellung im WM-Zeitfahren verbuchte Küng den grössten Erfolg seiner Karriere. «Es regnete in Strömen. Das habe ich gerne während eines Rennens.» Im Training hat es Küng lieber ohne Niederschlag. Im Wettkampf um die WM-Medaillen setzte sich der Thurgauer gut 60 Kilometer vor dem Ziel vom Feld ab.  Küng sagt:

«Ich dachte mir, Angriff ist die beste Verteidigung.»

Küng holte Ende September in Harrogate mit Bronze das erste WM-Edelmetall eines Schweizer Strassenprofis seit 20 Jahren. «In der zweiten Saisonhälfte habe ich den Knopf aufgetan», sagt er.

Schweizer Medaillen an der Profi-Strassen-WM

  1. Albert Büchi                       Bronze 1931
  2. Paul Egli                               Bronze 1937
  3. Paul Egli                               Silber 1938
  4. Leo Amberg                         Bronze 1938
  5.  Hans Knecht                      Gold 1946
  6. Ferdy Kübler                       Silber 1949
  7. Ferdy Kübler                       Bronze 1950
  8. Ferdy Kübler                       Gold 1951 
  9. Gottffried Weilenmann    Silber 1952
  10. Fritz Schär                           Silber 1953 
  11. Mauro Gianetti                   Silber 1996
  12. Oscar Camenzind               Gold 1998
  13. Markus Zberg                     Silber 1999 
  14. Stefan Küng                        Bronze 2019

Jetzt weiss Küng, dass er es kann

Mit dem neuen Selbstvertrauen war Küng im Herbstklassiker Paris–Tours der stärkste Fahrer im Feld, aber insgesamt drei Defekte warfen ihn immer wieder zurück. So blieb ihm der 13. Rang. In der ersten Saisonhälfte hätte ihn das zum Grübeln gebracht, nun aber weiss er, dass er es kann.

Start der Tour de Suisse in seinem Wohnort

Seit gut einer Woche bereitet er sich auf die neue Saison vor. «Mit der WM in der Schweiz, den Olympischen Spielen und dem Start der Tour de Suisse in Frauenfeld warten grosse Herausforderungen auf mich.»

Küng will bereit sein, wenn es wieder darum geht, der Chef im Sattel zu sein.