CHAMPIONS LEAGUE: Riskantes Spiel

Die Dortmunder sind vorne gefährlich, dadurch jedoch auch konteranfällig. Dies könnte Real Madrid heute ausnutzen, wenn die beiden Teams in der Gruppenphase aufeinandertreffen.

Daniel Theweleit, Dortmund
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In der ersten Runde der Gruppenphase reichte Tottenham die individuelle Qualität der Stürmer Harry Kane (rechts) und Heung-Min Son, um das spielerisch überlegen wirkende Dortmund zu besiegen. (Bild: Andy Rain/EPA)

In der ersten Runde der Gruppenphase reichte Tottenham die individuelle Qualität der Stürmer Harry Kane (rechts) und Heung-Min Son, um das spielerisch überlegen wirkende Dortmund zu besiegen. (Bild: Andy Rain/EPA)

Daniel Theweleit, Dortmund

Maximilian Philipp kann sein Glück kaum fassen vor dem grossen Spiel gegen Real Madrid. Der Neuzugang vom SC Freiburg ist mit seiner beeindruckenden Leistung und seinen beiden Treffern beim 6:1 gegen Mönchengladbach endgültig bei Dortmund angekommen. Die Fraktion der Zweifler, die die 20-Millionen-Euro-Ablöse viel zu hoch fand für einen eher unbekannten Spieler, löst sich gerade auf. «Vor zwei Jahren habe ich noch in der zweiten Liga gekickt», sagt Philipp über die Begegnung mit Cristiano Ronaldo, Adrian Ramos oder Toni Kroos, «ich kannte die nur aus dem Fernseher». Nun darf er mit grosser Wahrscheinlichkeit gegen sie spielen. Denn Trainer Peter Bosz wird sich kaum erlauben können, auf Philipp zu verzichten. Nicht weil der gebürtige Berliner zuletzt so glanzvoll in der Offensive spielte, sondern weil der 23-Jährige ein physisch starker und zuverlässiger Umschaltspieler nach Ballverlusten ist. Und genau ­diese Qualität wird heute eine Schlüsselrolle spielen.

Denn bei allem Glanz, den Dortmund in der ersten Saisonphase ausstrahlte, der Tabellenführer der Bundesliga hat auch eine eindeutige Schwäche: Er ist konteranfällig. «Wir stehen als Team generell höher, und dadurch sind wir vorne sehr gefährlich», sagt Julian Weigl, und Philipp bezeichnet den Bosz-Fussball als «sehr riskant».

Grosse Räume für Gegenangriffe

In London beim 1:3 gegen Tottenham reichte die individuelle Qualität der Stürmer Harry Kane und Heung-Min Son, um das spielerisch überlegen wirkende Dortmund zu besiegen. Wobei nicht nur die Qualität der Angreifer entscheidend ist. Teams mit der Fähigkeit, sich spielerisch aus dem aggressiven Pressing der Dortmunder zu befreien, finden schnell grosse Räume für ihre Gegenangriffe. Niemand zweifelt daran, dass die Offensive von Real Madrid die vier, fünf Kon­termöglichkeiten, die der BVB beim Torrausch gegen Gladbach zugelassen hatte, zu mehre­ren Treffern genutzt hätte. «Da ist eine Qualität auf dem Platz, die Fehler der Gegner bestraft», sagt Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc. Mit Spannung wird erwartet, wie Bosz darauf reagieren wird. Zieht er seinen riskanten Ansatz durch?

In seinen Aufstellungen ist Dortmund unter dem holländischen Trainer variabel, es wird kräftig rotiert, unverändert blieb bisher aber das System. Ganz im Geiste des holländischen Fussballweisen Johan Cruyff spielen die Dortmunder unter Bosz bisher immer in einem 4-3-3-System, das viele Vorteile, aber auch einen Nachteil hat: Es gibt nur ­einen Sechser, der nach Ballverlusten oft weite Wege zurücklegen muss, um Räume zu schliessen. Nuri Sahin ist in dieser Rolle auch noch vergleichsweise langsam und körperlich nicht besonders robust, dieses Problem gehörte zu den Ursachen für die Niederlage bei Tottenham. Wird also Julian Weigl spielen? Oder entscheidet sich Bosz doch mal für zwei Sechser? In jedem Fall ist Real Madrid «vor allem im Umschaltspiel gefährlich», sagt Torhüter Roman Bürki, in der Bundesliga gab es solche Gegner noch nicht. Dort hatte Dortmund ein vergleichsweise einfaches Programm, die grossen Kaliber kommen erst im Verlauf des Herbstes, auch deshalb steht noch ein Fragezeichen hinter dem glanzvollen Saisonauftakt. Zumal nicht nur die riskante Verteidigungsstrategie Gefahren birgt, es kursieren auch Zweifel an der Viererkette.

Keinen Weltklassespieler mehr in der Abwehr

Die Dortmunder haben den Anspruch, zu den besten acht Teams Europas zu gehören, standen seit 2013 dreimal im Viertelfinal der Königsklasse und haben keines der zurückliegenden vier Heimspiele gegen Real Madrid verloren. Doch seit Mats Hummels den Club vor zwei Jahren verlassen hat, gibt es keinen Weltklassespieler mehr in der Abwehr. ­Sokratis im Zentrum stösst auf allerhöchstem Niveau an seine Grenzen, Marc Bartra ist physisch nicht so stark, und Ömer Toprak blickt auf zwei schwache Jahre bei Leverkusen zurück, scheint sich in Dortmund aber zu stabilisieren. Der junge Dan-Axel Zagadou entwickelt sich erst, und auf der Aussenverteidigerposition spielen mit dem derzeit verletzten Marcel Schmelzer, Lukas Piszczek oder Jeremy Toljan solide Leute, die in der Champions League aber nicht das allerhöchste Niveau erreichen.

Es gibt diese alte Weisheit von der Offensive, die Spiele gewinnt, der zufolge Titel aber von einer starken Defensive errungen werden. Bosz wurde im vorigen Jahr in Holland für den attraktiven Fussball von Ajax Amsterdam gefeiert, Meister wurde aber Feyenoord Rotterdam. Einen Titel hat der 53-Jährige als Trainer noch nicht gewonnen.