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CHAMPIONS LEAGUE: Gents Schweizer Robin Hood

Danijel Milicevic hat mit Gent die Achtelfinals der Champions League erreicht. Gegen Wolfsburg setzte es im Hinspiel allerdings eine 2:3-Niederlage ab. Im Rückspiel könnte der Tessiner mit seinen torgefährlichen Standards das Märchen des belgischen Clubs weiterführen.
Alexandra Pavlovic
Der Ball Landet direkt im Tor: Danijel Milicevic (am Ball) erzielt im November gegen Lyon den 1:1-Ausgleich. (Bild: GUILLAUME HORCAJUELO (EPA))

Der Ball Landet direkt im Tor: Danijel Milicevic (am Ball) erzielt im November gegen Lyon den 1:1-Ausgleich. (Bild: GUILLAUME HORCAJUELO (EPA))

FUSSBALL. Wenn im heutigen Champions-League-Rückspiel der VfL Wolfsburg auf KAA Gent trifft, sind die Namen der Schweizer Ricardo Rodriguez oder Diego Benaglio geläufig. Bei Danijel Milicevic klingelt es kaum – oder bisher noch nicht. Doch spätestens seit der 30-Jährige mit der belgischen Mannschaft Grössen wie Valencia oder Lyon in der Champions-League-Gruppenphase hinter sich gelassen hat, dürfte auch der Name des Tessiners geläufig sein.

Das Tor im richtigen Moment
"Unbeschreiblich", nennt Danijel Milicevic das Gefühl mit den Gentnern derzeit in der Königsklasse mitmischen zu können. Über Nacht geriet der KAA Gent (siehe Kasten) in den Fokus der Öffentlichkeit. "Plötzlich waren wir nicht mehr die "kleinen" Belgier, sondern ernstzunehmende Gegner." Das Erfolgsrezept seiner Mannschaft sei vor allem der Teamgeist. "Wir haben keine Diven, jeder rackert für jeden", sagt der 30-Jährige. Besonders auch ihr Trainer ist eine wichtige Stütze. Er sei ein akribischer Taktiker, gehe auf jeden Fehler ein und verlange umgehend Verbesserungen. "Das bringt jeden einzelnen von uns weiter und stärkt nicht nur unseren Lern-, sondern auch unseren Siegeswillen."

Mit dem Erfolg in der Champions League, stieg auch Milicevics persönlicher. Der Marktwert des offensiven Mittelfeldspielers lag vor zwei Jahren noch bei 800'000 Euro. Heute sind es 4,5 Millionen Euro. Kein Wunder: Der Tessiner hat mit Gent in der vergangenen Saison nicht nur die Meisterschaft gewonnen, sondern auch mit entscheidenden Toren das Weiterkommen seiner Mannschaft in der Champions League gesichert. Besonders die Tore in der Königsklasse gaben der Karriere des Rechtsfusses nochmals enormen Schub. "Ein Tor im richtigen Moment kann dein Leben verändern", sagt Milicevic. Dass sich dieser Spruch, den ihm sein ehemaliger Juniorentrainer aus Lugano einst mit auf den Weg gegeben hat, bewahrheiten würde, glaubte er damals kaum. "Heute weiss ich, wie recht er hatte", sagt Milicevic.

Die Tür nach Belgien
Derzeit stehen alle Zeichen auf Erfolg - selbstverständlich ist das für den Schweizer mit serbischen Wurzeln nicht. Dass es im Leben auch einmal abwärts gehen kann, weiss Danijel Milicevic nur zu gut. Seine Karriere als Profi schien vor Jahren zu enden, noch bevor sie richtig begonnen hatte.

Mit 17 Jahren lief der Tessiner beim FC Lugano erstmals als Profi auf. Sein damaliger Trainer und Förderer war Vladimir Petkovic - der heutige Trainer der Schweizer Nationalmannschaft. Zwei Jahre spielte er im Tessin, ehe Milicevic zu Yverdon wechselte. Es schien vorwärts zu gehen. Doch mit 22 Jahren löste er seinen Vertrag beim damaligen Arbeitgeber auf. Milicevic sah sich sportlich kaum mehr gefordert und kündigte den Kontrakt. Er war fortan arbeitslos. Sechs Monate lang.

"Es war zwar eine schwierige, aber auch lehrreiche Zeit", erinnert sich der heute 30-Jährige. Er habe sein Leben überdacht, gesehen wer die wahren Freunde seien und schliesslich überlegt, wie es weiter gehen soll. Denn: "Einen Plan B hatte ich nicht", sagt Mili, wie er von Freunden genannt wird. "Weil ich aber auch einen zu verbissenen und ehrgeizigen Charakter habe, konnte und wollte ich damals meinen Traum als Fussballprofi so schnell nicht begraben." Durch die Unterstützung seiner Familie und Freunde habe er den Glauben an sich nicht verloren. Er wartete ab, behielt die Geduld. "Ich habe gespürt, dass sich irgendwann eine Tür für mich öffnen würde", so Milicevic. Und er behielt Recht. Es öffnete sich eine Richtung Belgien.

AS Eupen unterbreitete dem damals 23-Jährigen einen Vertrag. Milicevic sagte zu und wagt 2009 den Schritt ins Ausland. "Obwohl ich damals für gutes Geld in einigen Schweizer Vereinen hätte spielen können, lehnte ich ab", sagt er. Geld sei ihm nicht wichtig gewesen. In erster Linie wollte er sich fussballerisch weiterentwickeln und suchte eine neue sportliche Herausforderung. In Belgien sah er die Chance seine Ziele zu erreichen und seine Karriere nochmals neu zu lancieren.

Seine Spezialität: Die Standards
Eupen und Charleroi waren Milicevics Stationen. Auf dem Weg nach oben war seine Karriere geprägt von Glücksmomenten wie Aufstiege in die erste belgische Liga, aber auch von Enttäuschungen wie Abstiege in die zweite Liga. Dennoch ging es stufenweise voran. Der Offensivspieler ackerte weiter verbissen an sich. Seine Qualitäten- er ist Links- wie Rechtsaussen einsetzbar, tritt präzise Standards, die zu seinen Spezialtäten gehören - blieben daher nicht lange unerkannt. Liga-Konkurrent Gent warb den Standard-Spezialisten 2014 ab. Mit den "Büffeln", wie die Genter in der Heimat genannt werden, gewann er schliesslich 2015 die belgische Meisterschaft. Der erste nationale Titelgewinn in der 116-jährigen Vereinsgeschichte. "Einer meiner grössten Glücksmomente als Profi", sagt Milicevic.

Von den Fans wird der Mann mit der Rückennummer 77 Robin Hood genannt. Gründe hat das zwei: Einerseits wegen seiner torgefährlichen Standards, andererseits wegen der unverkennbaren Torpose. Erzielt Milicevic ein Tor, formt er die Hände zu Pfeil und Bogen. "Die Idee dazu entstand mehr aus Jux", erklärt sich der Tessiner. "Ich musste einem Freund versprechen, der beste Torschütze der Liga zu werden. Mit einem präzisen, scharfen Schuss, wie ein Pfeil eben." Der Jux ist nun sein Markenzeichen.

Schweiz, Serbien oder Bosnien
Die Karriere des Gentner Danijel Milicevic ist derzeit auf dem Höhepunkt. Dank seiner guten Leistungen hat der Club dem Schweizer erst kürzlich eine Vertragsverlängerung angeboten. Er hat zugesagt. Für weitere dreieinhalb Jahre hat der 30-Jährige unterschrieben. Ob er jemals wieder in der Schweiz spielen wird, weiss er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. "Ich habe auch schon darüber nachgedacht. Zumal ich in der Schweiz aufgewachsen bin und hier meine Familie und Freunde habe." Regelmässig verfolge er auch die Spiele in der Super-League, besonders die seines Stammvereins Lugano. "Meine Karriere dort zu beenden wäre schön", sagt er.

Nicht nur KAA Gent hat Interesse den Offensivspieler zu verpflichten. Danijel Milicevic hat sich dank seines Erfolges auch für die Nationalmannschaft interessant gemacht. Der Tessiner hat diesbezüglich ein Privileg. Er hat die Möglichkeit für drei Nationen aufzulaufen: Für die Schweiz, für Serbien oder für Bosnien-Herzegowina. Seine Familie stammt aus Ugljevik, einem Ortsteil des heutigen Bosnien-Herzegowinas. Da die Familie aber auch zur Volksgruppe der Serben gehört, kann Milicevic drei Nationalitäten beanspruchen.

In der Schweizer Nationalmannschaft steht mit Vladimir Petkovic sein alter Förderer aus der Zeit in Lugano an der Spitze. "Die Schweiz ist meine Heimat, für die Schweiz würde ich gerne spielen", sagt Milicevic auf ein mögliches Engagement angesprochen. Ein Aufgebot scheint jedoch in weiter Ferne. "Ich bin nicht mehr der Jüngste und Petkovic hat mir zu verstehen gegeben, dass meine Position bereits gut besetzt ist." Die Absage hat der 30-Jährige ohne Wenn und Aber akzeptiert. Scheidet eine Nation aus, bleiben noch zwei. Vom serbischen Verband habe er bis anhin nichts gehört. Die Bosnier hingegen bemühen sich stärker, um die Dienste des Tessiners. Bosniens-Trainer Mehmed Bazdarevic habe ihn bereits kontaktiert, sagt Milicevic. Ob er ein Aufgebot für das Testspiel gegen die Schweiz am 25. März erhalten wird, weiss er aber noch nicht. "Noch ist alles offen. Aber ich werde Geduld haben, wie bis anhin. Vielleicht klappt es ja." Sollte Milicevic mit Bosnien-Herzegowina im März im Letzigrund auflaufen, dürfte sein Name auf dem Matchblatt zumindest dann, keine Überraschung sein.

KAA Gent

Koninklijke Atletiek Associatie Gent (KAA Gent) stand vor nicht allzu langer Zeit vor dem Ruin. 23 Millionen Euro Schulden hatte der Traditionsklub zu Beginn des Jahrtausends. Der Konkurs war nur eine Frage der Zeit. Doch Rettung nahte in der Person von Präsident Ivan de Witte. Der Unternehmer konnte die VDK Spaarbank als Hauptsponsor verpflichten und so den Klub vor dem Absturz bewahren. Zudem wurde das alte Stadion verkauft und Spieler mit Gewinn verkauft. 2013 war der Verein schliesslich schuldenfrei. Im Sommer desselben Jahres wurde das neues Stadion, das 20'000 Zuschauer fasst, in Betrieb genommen. (lex)

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