BRASILIEN: Arena der geplatzten Träume

Kein anderer Platz in Rio de Janeiro beschreibt das Drama rund um Fussball-WM und Olympische Spiele wie das weltberühmte Maracanã. Ein Jahr nach Rio 2016 ist das Stadion ein Mahnmal des Grössenwahns.

Tobias Käufer, Rio De Janeiro
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Flamengo, der populärste Fussballclub Brasiliens, kann sich die teure Stadionmiete für das Maracanã nur noch in Ausnahmefällen leisten. (Bild: Leo Correa/AP (Rio de Janeiro, 5. August 2016))

Flamengo, der populärste Fussballclub Brasiliens, kann sich die teure Stadionmiete für das Maracanã nur noch in Ausnahmefällen leisten. (Bild: Leo Correa/AP (Rio de Janeiro, 5. August 2016))

Tobias Käufer, Rio de Janeiro

Den Preis für den brasilianischen Grössenwahn zahlen jetzt auch die Anhänger von Flamengo: «WM und Olympia haben uns das Maracanã genommen», sagt Felipe Rizzeto verbittert. Der 37-jährige Zeitungsverkäufer aus dem Stadtteil Copacabana im Herzen von Rio de Janeiro ist begeisterter Flamenguista, wie sich die Fans des populärsten Clubs in Brasilien nennen. An seiner Kioskwand hängt der tägliche Wahnsinn aus der Olympiastadt. Die Titelseiten, die vor einem Jahr noch Jamaika-Sprinter Usain Bolt oder US-Schwimmer Michael Phelps präsentierten, zeigen nun die Bilder von Überfällen und unschuldigen Opfern von Querschlägern aus einer der unzähligen Schiessereien.

Rund 316 Millionen Euro kosteten nach offiziellen Angaben der Umbau und die Modernisierung des berühmtesten Stadions in Südamerika. Gehoben auf ein Fünf-Sterne-Niveau für die Premiumprodukte von Fifa und IOC und zugleich weit weg von der brasilianischen Realität. Ins Land geholt wurden die Grossanlässe von Brasiliens früherem Präsidenten Lula da Silva, der Mitte der ersten Dekade dieses Jahrtausends seine Nation auf dem Weg zur Supermacht sah. Damals war der Ölpreis in höchsten Sphären, genauso wie Lulas Träume von einer besseren Zukunft. Statt in die marode Infrastruktur zu investierten, stellte Lula lieber die Weichen für den Bau sündhaft teurer Stadien.

Flamengo spielt nun im Estádio da Ilha do Urubu

Flamengo spielt kaum noch in der riesigen Arena mit ihren gigantischen vier Videoleinwänden und dem extrahellen Licht für HD-Fernsehübertragungen. Nur ein paar Spiele in der Copa Libertadores gerieten zum rauschenden Fest. Stattdessen nennt der frühere Verein der Fussballlegende Zico seit ein paar Monaten das Estádio da Ilha do Urubu sein neues Zuhause. Stahlrohrtribünen haben die Kapazität der in den 1960er-Jahren errichteten Arena mit nur einem Dach auf rund 20000 Plätze vergrössert. Der Club kann sich die teure Stadionmiete für das Maracanã nur noch in Ausnahmefällen leisten. Die Fans gehen auf die Barrikaden, weil Flamengo angesichts des knappen Platzangebotes astronomische Eintrittspreise verlangt. Wegen der horrenden Unterhaltskosten kann der Betreiber das Fünf-Sterne-Stadion Maracanã nur gegen sehr hohe Stadionmieten zur Verfügung stellen, ansonsten droht der Ruin. Der Bundesstaat ist pleite und kann nicht einspringen. So wird das Stadion zu einem Mahnmal für alles, was schiefgelaufen ist rund um WM 2014 und Olympia 2016.

Die Weltverbände Fifa und das Internationale Olympische Komitee IOC haben Rio de Janeiro längst den Rücken zugekehrt. Und mit ihnen zahlreiche Nichtregierungsorganisationen (NGO), die mit der gigantischen Karawane gleich mitgezogen sind nach Russland und Katar. Neben dem Maracanã steht nahezu unberührt die Ruine eines Museums für indigene Kultur. Damals, als das Museum im Rahmen des Maracanã-Umbaus wegen eines Parkplatzes weichen sollte, starteten die NGO publikumswirksame Aktionen, um das Museum zu retten. Jetzt verschimmelt die Bausubstanz, das Ungeziefer krabbelt durch das baufällige Haus. Und auch die selbst ernannten Retter haben das Interesse verloren. Seit Brasilien aus dem weltweiten medialen Fokus verschwunden ist, gibt es keine spektakulären Aktionen mehr. Nun hat eine Gruppe indigener Aktivisten das Schicksal des Kulturzentrums wieder in die eigene Hand genommen. Als sie Mitte April zurückkehrten, interessierte das gerade einmal eine Handvoll lokaler Journalisten, von den NGO weit und breit keine Spur.

Ein durch und durch korruptes politisches System

Einer der wenigen, die geblieben sind, ist das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat, das gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund auch nach Olympia Projekte weiter finanziert. Adveniat-Sprecher Christian Frevel zieht bei seinem Besuch in Rio de Janeiro eine traurige Bilanz: «Inzwischen ist Rio in Teilen sogar hinter die bettelarme Nordzone des Landes zurückgefallen. Die Menschen leiden enorm unter den Folgen der Korruption.»

Wer nun schuld ist an der Misere, darüber lässt sich streiten. Das IOC, das offenbar über keinerlei funktionierende Kontrollmechanismen verfügte, um ein korruptes politisches System zu überwachen, trägt eine ethische Verantwortung. Doch nur das IOC verantwortlich zu machen, wäre viel zu einfach. Allein der inzwischen wegen Korruption inhaftierte und zu mehrjähriger Gefängnisstrafe verurteilte ehemalige Gouverneur Sergio Cabral, der während der Vorbereitungsphase den Bundesstaat Rio de Janeiro regierte, soll umgerechnet 70 Millionen Euro unterschlagen haben. Cabral war ein langjähriger Weggefährte der inzwischen wegen haushaltspolitischer Tricks abgesetzten früheren Präsidentin Dilma Rousseff. Gegen Vorgänger Lula und Nachfolger Michel Temer ermittelt die Justiz derzeit wegen Korruption. Wie Aasgeier stürzte sich der brasilianische Baukonzern Odebrecht auf die Bauarbeiten für die Grossanlässe, mästete die Politiker mit überteuerten Rechnungen, von denen dann die Schmiergelder gezahlt wurden. Ein nationaler Untergang mit Spesenquittung.

Die Rechnung bezahlen die Cariocas. Rios Einwohner erleben ein Comeback der Gewalt. Die Drogengangs sind in die Viertel zurückgekehrt, aus denen sie vor WM und Olympia vertrieben wurden. Die Gründer der Facebook-App OTT – Wo gibt es eine Schiesserei –, die in Echtzeit vor Gewalt warnt, dokumentieren den Horror auf Rios Strassen: 2200 Schiessereien gab es seit Jahresbeginn. «Die Gewalt ist beängstigend», sagt App-Mitgründer Marcos Vinicius Baptista. «Es scheint als wäre der Krieg neu ausgebrochen, die Unsicherheit zehrt an den Nerven der Menschen», so der 36-Jährige. Wie sehr die Menschen das Thema mitnimmt, zeigen die Zugriffszahlen der App: Allein in den vergangenen vier Wochen wuchs die Zahl der Nutzer von 200000 auf 250000.

Weil die Gewalt zurückkehrt, bleiben die Touristen aus

Rio de Janeiro steckt in einem Teufelskreis: Weil die Gewalt zurückkehrt, bleiben die Touristen aus. Die Hotelbranche vermeldet laut dem Sender R7 Umsatzeinbrüche von 30 Prozent. Geblieben sind immerhin eine neue U-Bahn-Strecke, einige Investitionen in den Nahverkehr und eine neue Begeisterung für den Behindertensport.

Der Olympiapark erfüllt derweil die Erwartungen nicht. Versprochene Umbauten und Nachnutzungen bleiben aus, nur ein Bruchteil der Wohnungen im Olympischen Dorf sind verkauft. Vor ein paar Tagen präsentierte das lokale Organisationskomitee (OK) dem IOC einen neuen Bettelbrief. Das Defizit des OK belief sich Anfang Juni nach eigenen Angaben noch auf umgerechnet rund 30 Millionen Euro. Mit anderen Worten: Das OK kann seine Rechnungen nicht bezahlen. Zeitungsverkäufer Rizzeto hat eine Idee: «Vielleicht sollten die mal beim ehemaligen Gouverneur Cabral nachfragen.» Allein Cabral soll mehr als das Doppelte der offenen Summe in die eigene Tasche gesteckt haben.