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Thurgauer Boxerin Widmer: «Für meine Eltern war der Kampfsport ein rotes Tuch»

Im vergangenen Herbst verletzte sich Corinna Widmer beim Sparring und wollte mit dem Boxen aufhören. Am Ende entschied sich die 29-Jährige dann doch noch für einen allerletzten Kampf. Dieser hat ihre Meinung jedoch ins Wanken gebracht.
Raya Badraun
Die Amateur-Boxerin Corinna Widmer (links) kämpft gegen die mehrfache Schweizer Meisterin Sandra Brügger. Bild: Benjamin Manser

Die Amateur-Boxerin Corinna Widmer (links) kämpft gegen die mehrfache Schweizer Meisterin Sandra Brügger. Bild: Benjamin Manser

Am 21. April 2012 dachte Corinna Widmer das erste Mal daran, aufzuhören. Damals war sie noch keine Boxerin. Sie trat im K1 an, einer Mischung aus verschiedenen Kampfsportarten. Es war an jenem Samstag nicht ihr erster Kampf. Dennoch war sie seit Tagen nervös. Erst kurz davor hatte sie erfahren, dass sie um den Europameistertitel kämpfen würde. Über 1000 Zuschauer warteten im Volkshaus Zürich auf ihren Auftritt. Eine Lichtshow gab es und einen Moderator im weissen Anzug mit passender Fliege. Eine Schmerzensgrenze war für Corinna Widmer an jenem Tag erreicht. Der Druck war einfach zu gross. «Wenn ich gewinne, dann höre ich auf», sagte sie sich damals. Sechs Jahre sind seither vergangen – und noch immer steht die 29-Jährige im Ring. Trotz Europameistertitel.

Es ist Montagabend. Die Luft ist klebrig warm, ein typischer Sommertag. Corinna Widmer, feines Gesicht, ruhige Stimme, sitzt vor einem Glas Wasser. Bis vor kurzem hat sie gedacht, dass ihre Karriere nun definitiv zu Ende ist. Im vergangenen Herbst war sie sich sogar sicher. In der Vorbereitung auf die Schweizer Meisterschaft wurde sie damals beim Sparring am Bauch getroffen und verletzt. Lange musste sie danach aussetzen. Und als sie wieder in den Ring durfte, zumindest im Training, da hatte sie Respekt. Bei jedem harten Schlag in den Magen hatte sie Angst vor einer weiteren Verletzung.

«Da fragt man sich schon, wie viel einem die Gesundheit wert ist», sagt Corinna Widmer

Sie wollte damals aufhören mit den Boxkämpfen. Doch am Ende entschied sie sich anders. Zumindest ein letztes Mal wollte sie noch in den Ring steigen. Einen richtigen Schlussstrich ziehen, mit einem Höhepunkt aufhören. «Wenn ich am 2. Juni gewinne, dann höre ich auf», dachte sie.

Corinna Widmer vor ihrem Auftritt im Athletik Zentrum. Bild: Benjamin Manser

Corinna Widmer vor ihrem Auftritt im Athletik Zentrum. Bild: Benjamin Manser

Könnte sich Corinna Widmer wehren?

Mit einem älteren Bruder wuchs Corinna Widmer in Münchwilen auf. Sie sei kein typisches Mädchen gewesen, wollte immer «Action» und fuhr mit den Nachbarkindern auf dem Velo durch die Gegend. Von Aussenstehenden wurde sie dennoch als feine Person wahrgenommen. Vor allem in der Lehre, die sie auf dem Steueramt der Gemeinde Münchwilen machte. «Ich glaube, so komme ich manchmal noch immer rüber», sagt Corinna Widmer. Damals hat sie es gleichgesetzt mit einer Schwäche. Sie hat sich gefragt, was wäre, wenn etwas passiert, sie auf der Strasse angegriffen oder überfallen werden würde. Könnte sie eingreifen, sich wehren? Sie fing an, sich für Selbstverteidigung zu interessieren, machte erst Kickboxen, dann K1. Schliesslich wechselte sie zum Boxen. Für ihre Eltern war der Kampfsport «ein rotes Tuch». Sie solle doch aufhören, höchstens trainieren, meinten sie.

«Eltern sehen es vielleicht mehr als verprügeln lassen», sagt Corinna Widmer.

Sie hingegen sah es anders, wollte mehr. «Ich mag den eins zu eins Vergleich», sagt sie. «Wer ist besser?»

Zwei Wochen vor dem Kampf steht sie in einer Garage, dem Trainingsort des Sport Ring St. Gallen. Am Boden liegen farbige Matten, an der Wand hängt ein Bild von Muhammad Ali. Angeleitet von Trainer René Engler schlägt sie auf einen Sandsack ein. Die Treffer tönen wie grosse Regentropfen auf einem Blechdach. Eine Gegnerin hat Corinna Widmer noch immer nicht. Sie und ihr Trainer haben mehrere Clubs angefragt. Manchmal kam nicht einmal eine Antwort. «Das kommt schon», sagt sie.

Am Dienstag vor dem Kampf ruft sie schliesslich Sandra Brügger an, eine Baslerin mit über 180 Kämpfen. Für Widmer selbst ist es der zehnte. «Eine Wunschgegnerin», sagt sie trotzdem. Weil Brügger technisch sauber kämpft, keine Kneipenschlägerei veranstaltet, wie sie sagt. Doch Widmer hat auch «ein bisschen Schiss», fragt sich, wie hart Brügger schlagen wird. Und sie weiss, dass ein Schlusspunkt, wie sie ihn sich vorgestellt hatte, gegen die achtfache Schweizer Meisterin nicht mehr möglich ist.

Kämpfen und punkten geht nicht zusammen

Eine Woche ist seit dem Kampf im Athletik Zentrum St. Gallen vergangen. Eine Überraschung gab es nicht. Corinna Widmer hat am 2. Juni verloren. Gegen die erfahrene Gegnerin war sie ohne Chancen. Trotzdem lächelt sie an diesem Abend, schaut gerne zurück. «Meine Trainer sind mega stolz auf mich, haben gesagt, dass ich gezeigt habe, dass ich boxen kann», sagt sie. Sie muss niemandem mehr etwas beweisen, könnte so aufhören, trotz Niederlage. Doch wird sie auch? Widmer hat letzte Woche einen Punktrichterkurs begonnen. Kämpfen und richten, das geht jedoch nicht zusammen. Das ist ihr klar. Entschieden hat sie sich aber noch nicht. Sie trainiert bereits wieder vier, fünf Mal pro Woche. Also so viel wie vor dem Kampf.

«Es ist so viel Herzblut dabei», sagt Corinna Widmer. Sie mag dieses exotische Leben als Amateur-Boxerin, das sie am Abend nach der Arbeit in der kantonalen Ausgleichskasse führt, die spezielle Position im Club. «First Class» nennt sie es, wenn sich der Trainer nur um sie kümmert, sie herausfordert, immer wieder an die eigenen Grenzen bringt. Und da gibt es auch noch eine Idee: ein Profikampf im nächsten Jahr. Ihr Trainer René Engler hat sie darauf gebracht. Zuerst dachte sie nicht daran, nun gefällt ihr der Gedanke, es reizt sie. «Nach dem Kampf hatte ich sofort wieder Lust, in den Ring zu steigen», sagt Corinna Widmer. Die geschwollene Lippe, die blauen Flecken, waren ihr in diesem Moment egal.

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