Boll hat am CSIO das letzte Wort

Raya Badraun
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Jury Es gab Reiter, die jeweils am Morgen bei den ersten Prüfungen zu spät erschienen. Es waren immer die gleichen und ihre Ausreden ähnelten sich ebenso. An einem Tag kam einer der Reiter und erzählte, sein Auto habe einen Reifenschaden gehabt und er habe das Rad wechseln müssen. Da nahm Alfred Boll seine Hand und schaute ihm in die Augen: «Dafür hast du aber ziemlich saubere Hände.» Alfred Boll lacht. Er ist Jurypräsident am diesjährigen CSIO St. Gallen und hat in den vergangenen Jahren einiges erlebt. Dass er zu dieser Position kam, war Zufall. Bei der Offiziersgesellschaft Zürich war er einst im Vorstand und organisierte nationale Concours. Als einer der Richter krankheitshalber ausfiel, wurde er kurzerhand angefragt und half aus. Inzwischen hat er die Prüfungen auf dem höchsten Level abgeschlossen. Damit kann er weltweit bei den wichtigsten Turnieren als Jurypräsident fungieren. Im vergangenen Jahr war er an den Olympischen Spielen in Rio, beim Weltcupfinal in Göteborg und am Nationenpreisfinal in Barcelona. Die Richter erhalten für ihre Einsätze laut Reglement die Reisekosten erstattet und pro Tag mindestens 120 Euro. «Solange ich nicht draufzahle, ist es für mich in Ordnung», sagt Alfred Boll, der seit zwei Jahren pensioniert ist und in Rüdlingen im Kanton Schaffhausen wohnt.

Als Jurypräsident muss man viel Zeit haben. Denn die Arbeit beginnt bereits vor den intensiven Turniertagen mit der Zusammenstellung der Jury und der Kontrolle der Ausschreibungen. Während dem CSIO St. Gallen ist Alfred Boll dann fast überall involviert. So ist er auch bei der Eintrittsmusterung der Tiere dabei. Dort wird geschaut, ob der Pass korrekt nachgetragen und die notwendigen Impfungen vorhanden sind. Zusammen mit dem Tierarzt überprüft er zudem, ob die Pferde gerade gehen und somit einsatzfähig sind. Obwohl der Jurypräsident das letzte Wort hat, dem Fachmann würde Alfred Boll bei dieser heiklen Frage nicht widersprechen.

Ein Richter für den Wassergraben, einen für die Zeit

Kurz vor den Prüfungen kontrolliert Alfred Boll den Parcours, misst die Abstände der Hindernisse sowie die Höhe und Breite. Auch für die Stallsicherheit ist er zuständig. Auf seinen Gängen überprüft er, ob Wasser und Futter für die Tiere vorhanden ist und kein Fremder Einlass erhält. «Sind die Pferde unruhig, stimmt meistens etwas nicht», sagt der 67-Jährige. Und dann sind da natürlich auch noch die Prüfungen. Die Jury setzt sich bei einem internationalen Springen jeweils aus vier Personen zusammen, bei Prüfungen mit einem Wassergraben sind gar fünf im Einsatz. Der Präsident läutet die Glocke und startet somit den Countdown für den Reiter. Ein Kontrollrichter überprüft die verschiedenen Arbeitsplätze. Einer ist im Parcours für die Fehler und Hindernisse zuständig, ein anderer nur für den Wassergraben. Der letzte Richter stoppt die Zeit von Hand und überprüft, ob sie mit der elektronischen übereinstimmt. Das gleiche macht er mit der Rangierung. Alfred Boll entgeht auch während der Prüfung nichts. So fällt ihm sofort auf, wenn die Kleidung eines Reiters nicht perfekt ist – und erinnert ihn nach dem Auftritt auch an diese Regel.

Raya Badraun